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Prostitution und Scham

    Autorin: Mimi //

     

    Viele Frauen, denen ich in der Prostitution begegnet bin, haben Probleme, das Leben außerhalb zu bewerkstelligen.
    Das klingt im ersten Moment nicht positiv, doch so ist es nichtmal gemeint. Gemeint ist eher, dass wir Frauen  essentielle Erfahrungen, unseren Selbstwert betreffend, einfach nicht gemacht haben.
    Vielen ist gemein, dass sie aus schwierigen Elternhäusern und Heimen kommen, Gewalt und Missbrauch erlebt haben. Die Aufarbeitung wurden ihnen lange Jahre verwehrt und die Überlebensmechanismen erschweren einen Zugang zu traumatischen Erfahrungen.
    Doch was hält die Frauen dann in einem System, was ihnen offenkundig mehr schadet denn nützt? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten und ist immer ein Mix aus indivuellen Entscheidungen und Prozessen. Neben den zahlreichen Varianten der erfahrenen Gewalt in der Vergangenheit und Gegenwart, sowie destruktiven  Beziehungserfahrungen, Lebensproblemen und Geldmangel, ist in vielen Fällen auch ein fehlender Selbstwert ein Faktor, weiterhin anzuschaffen als auszusteigen.
    Als ich ein kleines Mädchen war, war ich ängstlich und unselbständig. Ich hatte vor allem Angst. Vor der Kita, vor anderen Kindern, auch Angst, den Anforderungen nicht zu genügen. Man hatte mir daheim eingebläut, dass nur ein braves, stilles und angepasstes Kind, welches niemals Ärger macht, ein Gutes ist.
    Ich heulte fortan in fast jeder Unterrichtsstunde der Klassen 1 und 2, und da, wo möglicherweise heute Menschen eingreifen würden, weil sie das Verhalten einfach nicht normal fänden, schaute bei mir einfach jeder weg. Gefühlt war ich allein mit meiner großen Lebensangst.
    Daheim herrschte diese Angst fort. Nie war absehbar, wie die Eltern drauf sind. Gut oder schlecht, Schläge oder nicht, das war unvorhersehbar und niemals kalkulierbar.
    Ich war in meiner Kindheit recht pummelig, was meinen Klassenkameraden genügend Anlass für Spott und Häme gab und mich noch weiter beschämen lies.
    Scham, das war mein bekanntes, heimeliges Gefühl. Ich schämte mich einfach für alles. Für meinen Körper, mein Aussehen an sich,  meine mindere Intelligenz, meine Unsportlichkeit und dergleichen mehr. Ja, es war gefühlt nichts was ich wirklich konnte. Zuhause war es nicht möglich, gut genug zu sein. Denn selbst ein gutes Zeugnis war nicht gut genug, denn meine Mutter fand sofort etwas, was ihr an mir einfach nicht passte. Hatte ich eine eins in der Schule, so war ich eben nachmittags die faule Brut, die einfach nichts konnte und nie was richtig machte. Ich konnte einfach nichts.
    Dieses Schamgefühl begleitet mich seither. Ich werde gelobt? Sicher aus Mitleid. Mir gelingt etwas? Zufall!
    Und genauso verhält es sich in der Prostitution. Die Scham, die über dem “Job” der Hure liegt, ist eine genausolche, die ich sonst im Leben empfinde. Es ist halt einfach nur ein weiterer Bereich, den ich verstecken muss, der einen sonst bloßstellt und hilflos macht. Ja, der anderen Grund gibt zur Attacke. Daher schweigen viele, peinlich berührt. Oder das Schweigen wird ins schiere Gegenteil verkehrt, die Scham überzeichnet durch agressives Werben, ja nahezu mit Schamlosigkeit für die Prostitution einstehend. Doch Schamlosigkeit ist nicht zu vergleichen mit einer gesunden Schamfreiheit. Beides ist in der Prostitutiuon nicht zu erreichen.
    Da es allen anschaffenden Damen irgendwie ähnlich geht, man im selben Boot sitzt, dieselben Wunden hat und dieselben Gesprächsthemen, entsteht ein sehr familiäres Klima. Mal von ein paar Ausnahmen abgesehen, empfand ich das Dasein im Bordell immer sehr familiär, nahezu heimisch. In diesen Kreisen musste man sich nicht schämen, nein, man war jemand. Allen ging es ja ähnlich, wovor sich eigentlich schämen? Nein, ich schämte mich nie, und der Zuspruch der anderen tat mir gut. Ich erfuhr in der Prostitution das, was ich nie zuvor erfahren hatte: einfaches angenommensein.
    Natürlich ist das eine Falle. Denn wenn man es sich in der scheinheiligen Welt der Bordelle bequem macht, sie zu seiner Familie ernennt und fortan jeglichen Fokus darauf richtet, schwimmt die Welt mit jedem Tag weiter weg. Die Welt, zu der Menschen gehören, die nicht ihren Wert missachten und die ein Leben führen jenseits von Gewalt und Qual. Doch das erkannte ich anfänglich nicht. Ich dachte, ich sei angekommen, zuhause in einer schrägen Parallelwelt, doch das war ich gewohnt. Die echte, die “normale” Welt, die machte mir so zu schaffen. Ich fühlte mich immer seltsam und schaffte nie, mich richtig zu integrieren. Für solche Frauen wie mich, sind Zuhälter(innen)* ein gefundenes Fressen.
    Sehr leicht lassen sich Frauen mit Minderwertigkeitsgefühlen in der Prostitution nieder. Denn ohne Erkenntnis über den eigenen Wert und den Wert der eigenen Grenzen, sind diese Frauen, mich eingeschlossen, sehr empfänglich für derartige Parallelwelten. Hier wird ihnen das Gefühl gegeben, etwas Wert zu sein, nämlich das, was der Freier bereit ist zu zahlen. Wieoft habe ich interne Wettstreits erlebt, werd die meisten Männer pro Tag schafft und wer die extremsten Services anbietet. Das freut den Betreiber und das freut einen erstmal auch selbst.
    Bis zu dem Tag, andem man erkennt, dass man einer Scheinwelt aufgesessen ist. Und der Weg daraus eine Ochsentour mit vielen Rückschlägen und Verlusten ist. Denn man muss sich lösen von dieser großen Lebenslüge, die einen begleitet hat. Man muss sich loslösen von alten Denkstrukturen. Man muss sich selbst eingestehen, dass man nicht abhängig sein MUSS, sondern einen eigenen Wert hat, und dass man diesen pflegen und schützen muss.
    Dieser Weg ist sehr sehr schwer. Jahrzehntelange Mechnismen müssen neu gedacht, neu gelernt und eingepflegt werden. Das ist mühsam. Doch der Weg lohnt sich. Ich wünsche mir, dass alle Frauen die Möglichkeit bekommen, ihren Wert kennenzulernen, ohne dass ein Mann einen Geldschein auf sie legt. Dass sie wissen, dass sie nicht dienen müssen, sich nicht kleinmachen müssen, dass sie mehr sind als eine Sexmaschine. Dass es auch außerhalb des Bordells und des Rotlichts Freunde gibt, Menschen, die einem Halt geben, die mit einem alles durchstehen. Dass niewieder eine Frau ihren Wert in der Prostitution suchen muss. Ich wünsche mir, dass bereits Mädchen nicht zu kleinen braven Zuhörerinnen erzogen werden, sondern ihnen begreiflich gemacht wird, dass sie wertvoll sind und niemandem gefallen müssen.
    Und ich wünsche mir, dass die Scham, die ich erlebe, irgendwann nicht mehr mich trifft, sondern dass Männer sich schämen, die Frauen kaufen. Dass es ein beschämendes Verhalten ist, eine Frau zu gebrauchen, zu kaufen, als wäre sie ein beliebiges Stück Fleisch. Dass es schlimm ist, wie Frauen in Foren bewertet werden. Ich wünsche mir, dass nicht die Frauen sich schämen, die sich aus Not oder aus Gründen ihrer Vergangenheit anschaffen, sondern ausschließlich Männer und Frauen, die von diesem Umstand profitieren. Betreiber(innen) gehören mit dazuzu. Ein Gesellschaftliches Umdenken ist hier nötig, um Prostitution und seine Mechanismen zu schwächen und sie gänzlich ganz auszulöschen.

    *Betreiberinnen und Betreiber von Bordellen, Clubs etc…Zuhälterei ist zwar offiziell verboten, Strukturen bestehen aber nach wie vor in Größenordnungen und wurden umbenannt

    (c) Mimi 2017

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