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Über die schöne, weiße, reine Welt der Prostitution

    Autorin: Luise Kakadu //

     

    Eben bin ich aufgewacht.
    Aufgewacht aus einem Traum.

    Noch wirkt er nach – und er erinnert mich an mein Aufwachen in der Prostitution;
    mein ganz reales und echtes Aufwachen im Sein; im Leben.

    Im Traum war ich Kind, junge und ältere Frau zugleich.
    Ich war irgendwie alles in einem.
    Es spielte keine Rolle – und war doch wichtig.

    Ich wanderte durch eine weiße Welt.
    Überall um mich waren Schnee und Eis.
    Ich hatte nur einen Hauch von Nichts am Leib und war barfuß.
    In der Hand einen Blister Antibabypille.

    Und ich flüsterte mir zu, dass sie mein Wichtigstes seien.
    Dass ich aufpassen muß, ganz unbedingt.
    Nichts, wirklich garnichts dürfe diese Welt beschmutzen.

    Niemals nicht dürfte mein Blut in dieses Weiß fallen.
    Und ich muß Sorge tragen, dass dies nicht passiert.
    Aber…. es waren kaum noch Tabletten im Blister.
    Und ich hatte grausame Angst, was passieren würde, wenn.

    Gleichzeitig war mir so bitter kalt.
    Und egal, wohin ich sah, war nur Weiß.
    Ich wußte nicht, in welche Richtung ich lief.
    Nicht, wohin ich laufen sollte.
    Und auch nicht, wann, wo und ob dieses Weiß jemals irgendwo enden würde.

    Aber so lief ich
    weiter und weiter
    unaufhörlich
    denn was wäre sonst übrig geblieben?!
    Ich war vollkommen alleine.

    Und nichts und keines von mir beschmutzte den Schnee.


    Da sitze ich nach diesem Traum und fühle mich betroffen.
    Traurig.
    Auch wütend.

    Plastikpuppen-Heiligkeit

    Für Freier und Täter ist das was sie tun, immer irgendwie …. normal?!
    Selbstverständlich?
    Sie sind grundsätzlich unschuldig.
    Und würden jedwelche Böswilligkeit und Absicht grundsätzlich und vehement bestreiten.
    Sie tun doch nichts schlimmes?!
    Nutzen doch nur ein Angebot, das von der Frau ausgeht.
    Wurden doch nur verführt
    Konnten doch garnicht widerstehen
    Waren doch hilflos ausgeliefert an diese Reize der Unschuld? Oder der Sünde?!

    Als ich anfing mich zu prostituieren, lernte ich das schnell.
    Freier mögen kein Blut.
    Freier wollen eine klinisch reine Hure.
    Freier wollen eine irgendwie heilige, porentiefreine, niemals blutende, niemals riechende – Drecksau.

    Freier wollen ein Weib, das sich wie ein Weib benimmt – sie aber doch niemals beschmutzt mit ihrem eigenen Sein.

    Damals, vor inzwischen 27 Jahren, benutzte man Wattepads.
    Diese dünnen, gepressten Wattedinger zum Abschminken.

    Oder noch besser – man nutzte Naturschwamm.

    Der Naturschwamm, den es in Drogerien zu kaufen gibt, wurde in kleinere Stückchen zerschnitten, angefeuchtet und ganz tief in die Scheide eingeführt.

    Feuchte Wattepads waren aber fast noch besser.
    Denn man konnte sie, wenn man tief in die Hocke ging und mit den Fingern in sich hinein fühlte, fast exakt über den Muttermund legen.

    Sicher – solches funktionierte nur selten für länger.
    Je nach Stärke der Blutung kam diese auch sehr schnell hindurch.
    Aber welcher Freier will schön „länger“?!

    Klar, wenn ein Freier fickte, als seist Du totes Tier, verrutschte die Watte unter den Schmerzen der Stöße auch hin und wieder.
    Dem konnte man dann aber auch noch erzählen, er hätte einen verletzt mit seinem wilden Gerammel.

    Früher…..
    Als es noch kein Internet gab und die Männer noch anders waren.

    Schwierig war es fast immer, diese tief in die innersten Höhlen gefickten Fremdkörper wieder hervorzufischen.
    Oft mußten Kolleginnen helfen, die dann zwischen den Beinen der Hure saßen und mit spitzen Fingern in den Vaginas nach verlorener Watte fischten.

    Viele Huren nahmen auch einfach ihre Pille durch.
    D.h. sie unterdrückten durch das Weglassen der 1 Woche Pause ihre Blutung.
    Dauerhaft und immer.
    Ich kannte auch Frauen, die so dermaßen dürr waren, dass sie sie einfach schon deshalb nicht mehr bekamen.

    Freier stehen oft auf „skinny“ – auf derart abgemagerte Frauen, dass sie aussehen wie Kinder.
    Dass sie wehr- und schutzlos wirken.
    Ohnmächtig.

    Später dann, erfand ein findiger Mann (?) die Soft-Tampons.
    Soft-Tampons haben die Prostitution revolutioniert.
    Kein Hygiene-Problem mehr, wie bei den Naturschwämmen, die oft ein großes Problem mit sich gebracht hatten, weil in ihnen kleine Korallenstückchen und/oder Sand waren.
    Und man sie noch so gut hatte auswaschen können – man konnte von ihnen krank oder verletzt werden.
    Mit Soft-Tampons hatte sich dies erledigt.

    Eben sehe ich, die Form hat sich inzwischen verändert.

    Damals waren sie flach-rund, wie Münzen.
    Und dick.
    Und groß.

    Sie paßten vom Durchmesser her fast auf eine Handfläche. Und waren 1-1,5cm dick.

    Wenn man sie sich in die Scheide steckte, dann war es, als trenne man das Innen vom Außen.
    Sie saugten alles auf, das man Selbst war – und der Freier konnte ins Reine ficken, so heftig er wollte.
    Nichts drang durch sie hindurch.
    Keine Spur von Rot zeigte sich am Kondom, wenn es hinterher mit reinem, weißen Sperma gefüllt war.

    Und Freier wollten doch auch so gerne an das Heilige in der Hure und in ihrem Fick in Göttlichkeit glauben.

    Verrückt, diese Freier.

    In Foren fordern sie lautstark, Huren sollten pausieren, während sie menstruieren.
    Dieses Gesundheitsrisiko für Freier sei doch schon Körperverletzung.
    Es sei doch unverschämt, Freier so derart mit diesem Dreck zu konfrontieren; so ekelhaft und widerlich.
    Man wisse ja nie, wenn man eine Hure leckt, was man sich da holen könnte.
    Huren müßten es SAGEN, wenn sie bluten – Freier fühlen sich verarscht.
    Nur – welche Hure kann es sich leisten, 1 von 4 Wochen nicht zu arbeiten?
    Welcher Zuhälter würde dies erlauben?!

    Zeitgleich wollen Freier aber gefälligst, dass Huren ihnen die Arschlöcher lecken.
    Dass sie ihnen die Schwänze blasen bis zum Schluß. Selbstverständlich ohne Kondom – weil sonst fühlen sie ja nichts.
    Und möglichst mit Schlucken.
    Und wie?! Aufpreis???
    Die Hure soll doch dankbar sein, dass sie dieses tolle Sperma ins Maul bekommt – ist schließlich sein Bestes.

    Ich hatte in meinem Körper über viele Jahre einen Verbündeten.
    Tat er es aus Not? Zu meiner Hilfe? Ich weiß es nicht.

    Jedenfalls kam meine Blutung immer pünktlich; zuverlässig – und immer nur 3 Tage und eher schwach.
    Sehr selten hatte ich diesbezüglich Probleme mit dem Arbeiten.
    Und ich habe nie verstanden, dass es Freier gibt, die jede Woche für 50€ mal kurz zum Drüberrutschen kommen.
    Zuverlässig, 4x im Monat.
    Und die doch daran glauben, die Hure würde niemals menstruieren.
    Niemals lügen.
    Niemals verbergen.

    Zu meinem Ausstieg dann
    als ich mit meinem jetzigen Mann bereits gut 2 Jahre meine Seele aufräumte
    als ich langsam Risse bekam in meinem inneren Glauben, zur Hure geboren zu sein
    als ich begann, Freier deutlicher zu sehen und zu erkennen
    beschloß auch mein Körper, nun den Wechsel zu beginnen.

    Alles in mir begann, zu wechseln, schien es mir.

    Mein Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Begreifen…

    Ich ertrug diese Freier nicht mehr.

    Wie können sie nur?
    Wie können sie sein, wie sie sind?
    Erwarten, was sie erwarten?
    Glauben, was sie glauben?
    Wollen, was sie wollen?

    Die reine, weiße und heilige Prostitution….
    So eiskalt
    So einsam
    Und kein Raum für Farben, Lebendigkeit und Sein.

    Nicht für die Frauen.
    Nur für die Freier.

    Mein Körper rebellierte.
    Meine Blutung wurde unberechenbar.
    Und unglaublich stark.

    Die Soft-Tampons funktionierten nicht mehr – trotz ihrer unglaublichen Größe.

    Wenn ich es doch versuchte, trotzdem zu arbeiten, passierte es nun häufig, dass ich beim aufstehen „danach“ vor dem Bett stand und mir mein Blut die Schenkel hinab lief.
    Auch der Freier hatte einen überlaufend roten Schoß.
    Es sah aus wie im Horrorfilm – abgestochen; kurz vor Tod.

    Und ich fühlte mich auch so.
    Erdolcht von einem Schwanz.
    Hineingefahren und zugestochen.

    Freier waren schockiert!!!!!
    Wie kann das sein???
    Wie sieht das denn aus????
    Nein!!! Damit will ich nichts zu tun haben!!!
    Und: Oh Gott!!! Da hab ich eben noch geleckt!!!!

    Ich habe die Freier betrogen
    Um ihre schöne, heilige und weiße Traumwelt.

    Habe sie konfrontiert mit dem Blut meiner Seele.
    Aus über 35 Jahren Stillhalten.

    Aber auch als ich SAGTE, dass ich gerade menstruiere, waren sie schockiert.
    Wie? Sie können nicht kommen?
    Nicht JETZT?
    Nicht wann sie wollen???
    Ich blute? Wie kann das sein????
    Fassungslos.

    Aber nein, mit Blutung wollten sie ja auch garnicht kommen – das ist ja eklig.
    Die Blutung soll gefälligst WEG!!!!
    Jetzt!!! Sofort!!!!
    Sie befehlen es!!!!

    Immer öfter gingen mir Gedanken durch den Kopf, wie oft Freier MICH verarscht hatten.
    Freier, die heimlich von hinten das Kondom abzogen, um mich blank zu ficken und ungefragt zu besamen
    Freier, die so dermaßen hart, gemein und brutal in mich hinein fickten, dass das Kondom trotz guten Sitzes irgendwann der Belastung nicht mehr Stand hielt und riß – und sie mich dann DOCH besamten.
    Ob ich wollte oder nicht.

    Wie oft fand mein Gynäkologe in meinen tiefsten Tiefen kleine Fetzen gerissener Kondome und fischte sie heraus?!

    Und doch war er oft fassungslos, wie selten dies bei mir vorkäme.
    Seit 1995 bin ich bei ihm und er wußte, was ich arbeitete.
    Und er erzählte mir von anderen Frauen in der Prostitution, bei welchen er beim Angeln meist viel öfter etwas fing.
    Ich hatte größtes Glück in meinem Leben.
    Größtes Glück, weil ich niemals etwas bekam, von diesen drecks widerlichen Typen.

    Und nun?
    Zeigte ich ihnen meinen „Dreck“.
    Aber Freier wollen ihn nicht sehen.
    Wollen ihn vergessen.
    Sich einreden, das Ficken einer Hure sei so sauber und rein, wie Plastikpuppensex.
    Abwaschen – und gut.

    Eine Hure darf nicht leben.
    Darf nicht fühlen.
    Darf nicht sein.

    Frau sein ohne zu sein.

    Und nun geht mein Frau-sein.
    Zumindest jenes Plastikpuppensein.
    Jenes Verstecktsein.

    Erstaunlich, was die Wechseljahre mit sich bringen.
    Welch Seelenwachstum, Heilung, Klarsicht.

    Ich lebe!!!
    Und ich BIN.

    Freier und Kinderficker haben es nicht geschafft.
    Ich habe es geschafft, diese Eiswüste der Einsamkeit zu durchwandern.
    Und sie am Ende DOCH zu markieren.
    Ich war hier.
    Und ich habe sie überlebt.

     

    (c) Luise Kakadu

    mehr Texte dieser Autorin auf https://missbrauchundsexarbeit.wordpress.com

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