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    Autorin: Susan //

    Stellen Sie sich vor, sie wachen morgens auf und es scheint ein ganz normaler Tag. Die Sonne scheint, sie trinken Kaffee, machen sich auf zur Arbeit und begeben sich an ihren Arbeitsplatz. Die Arbeit beginnt, sie tun ihr Bestes, tippen oder werkeln, pflegen oder gestalten, je nachdem, was sie eben so tun. Ab und an lockert ein netter Plausch mit Kollegen die Atmosphäre auf. Ist doch auch gut so, oder etwa nicht?

    Stellen Sie sich vor, sie kommen zufällig bei Ihrem Vorgesetzten vorbei. Sie sind der Überzeugung, dass dieser sie schätzt, ja, sie gehen auch davon aus, dass er halt auch nicht alles über sie weiß, was ganz gut so ist, denn schließlich geht es ihren Chef nichts an, wie lange sie auf dem Klo sind oder ein privates Gespräch führen am Telefon- was durchaus vorkommen kann. Sie haben die Möglichkeit ihren Chef von ihren Fähigkeiten zu überzeugen, ohne dass sie Gefahr laufen, den wunderbaren Kollegentratsch auf dem Flur untersagt zu bekommen.

    Sie wundern sich jetzt allerdings, dass ihr Chef sie doch detailliert auf ihre letzten Arbeitstage- und Wochen anspricht. Man habe sie oft reden sehen, ganz oft sogar waren sie verträumt vorm Rechner, unfreundlich zum Kunden, haben gar Witze über diese gemacht.  Wie bitte? Wie kann das sein? Woher weiß er all diese Dinge?

    Als sie später ihre Kollegin ins Vertrauen ziehen, erfahren sie, dass es seit einiger Zeit Gang und Gäbe ist, sich gegenseitig zu bewerten und diese Informationen auch zur Verfügung zu stellen. Ihre Kollegin zeigt ihnen die neue Wunderwaffe und sie staunen nicht schlecht, dass über jeden Mitarbeiter ein Profil zu finden ist, wo sie selbst beurteilen können, wie dieser sich verhalten hat- oder eben auch nicht. Getarnt wird das Ganze als Feedback, als positiver Anreiz, noch besser zu werden. Toll oder? Oder eher nicht? Wie fühlen sie sich jetzt? Haben sie etwa nichts zu verbergen?

    Dass das durchaus Realität in der Arbeitswelt von Menschen ist, zeigt sich in den skandalträchtigen Berichterstattungen in den Medien. Zalando * ist mit derartigen Überwachungsregularien gerade in der Kritik, und das völlig zu recht. Wie lange ich letztlich an meinem Arbeitsplatz auf Toilette war, oder ich mit meiner Nachbarin geplauscht habe, sind Dinge, die dem Vertrauen obliegen. Selbstverständlich darf man diese kleinen Freiheiten nicht überstrapazieren, das versteht sich wohl von selbst.

    Wenn das Überwachen und Bewerten von Menschen als unangenehm empfunden wird, warum, frage ich mich als Exprostituierte, ist das Bewerten von Menschen, insbesondere von Frauen in der Prostitution, dann so salonfähig und florierend? Warum ist es normal, dass man über Frauen schreibt, dass sie „lustlos“ waren, „zu dick“, „keinen Bock“, „geldgeil“ und dergleichen mehr? Wer möchte sowas denn wirklich lesen? Wohl niemand. Diese Bewertungen dienen nur 2 Zwecken: der Befriedigung von Machtgefühlen von Freiern und dem Voyeurismus des Lesers, meist ebenfalls Freier. Niemand interessiert sich wirklich, ob es dieser Frau gut geht, ob das, was man da schreibt wirklich stimmt, ob das, was dort steht, noch mit der Würde des Menschen vereinbar ist. Nein, die Frauen sind nur das Gefäß, indem sich der ganze Hass ablädt, den diese Männer für Frauen empfinden, keineswegs eine objektive Darstellung von Sachverhalten. Und so wie es dem Arbeitgeber im kapitalistischen System auch nicht um ihr Wohlergehen an ihrer Arbeitsstelle geht, in dem er vorgibt, sie zu „feedbacken“, so geht es dem Freier in einem einschlägigen Forum auch nicht darum, einer prostituierten Frau etwas Gutes zu tun.

    Sie wird gleich zweimal vernichtet- zuvor via körperlicher Gewalt, denn Prostitution ist Gewalt, und im Nachgang wird die „Heldentat“ des Freiers für alle nochmal sichtbar gemacht. „Schaut, wie ich es ihr gegeben habe“- uralte patriarchale Muster lassen mich hier daran zweifeln, in einer fortschrittlichen Gesellschaft zu leben.

    Nun stellen Sie sich vor, es würde nicht nur ihre Arbeitsleistung und ihre tägliche Laune bewertet werden, sondern nebenbei noch ihre Brüste, Haare, Schenkel, Bauch, Po und Schamlippen. Will man das?

    Wenn wir ehrlich sind, ist Überwachung und Bewertung von Menschen niemals zielführend. Dass Foren im Internet existieren, indem scham- und respektlos mit Vergewaltigungen geprahlt wird, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Genauso, wie es Überwachungsmethoden an ein jeder Arbeitsstelle sind. Warum unterscheiden wir noch? Ist es, weil wir prostituierten Frauen es eh nicht wert sind? Wir vom Netzwerk Ella fordern die Bestrafung von Sexkäufern, damit das, was  Freier mit uns tun belangt werden kann. Auch, was diese im Internet über uns verbreiten, denn es ist wider jeglicher Würde und Vernunft.

    *https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zalando-zonar-1.4698105

    (c) Susan 2019

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