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Brief an den innenpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Martin Luthe

    Autorin: Mimi //

    Der FDPler Martin Luthe hat angefragt, warum “so wenig” Prostituierte in Berlin Steuern abführen – nämlich nur 50.000 Euro im Monat. Das ist ihm zuwenig. Er beklagte im Artikel in der Berliner Morgenpost, vor allem auf dem Strassenstrich Kurfürstenstrasse würden Steuern hinterzogen. Es ist absurd, dass ihn an diesem Elends-, Baby- und Drogenstrich nicht etwa die offensichtliche Zwangsprostitution stört, sondern, dass die dort ausgebeuteten Frauen keine Steuern abführen. (Vielleicht, weil sie alles ihrem Zuhälter abgeben müssen, Herr Luthe?!) Das ist Kapitalismus und Frauenverachtung in Reinstkultur. Und er entblödete sich auch nicht, die Prostituierten der KuFü auch als “Berufsverbrecher” zu bezeichnen – einen Begriff, der ihnen schon im Dritten Reich anhaftete, bevor man sie wegen “asozialen Verhaltens” in die Konzentrationslager sperrte. Der Prostitutionsaussteigerin und Aktivistin Mimi vom Netzwerk Ella war das zuviel, deswegen hat sie ihm einen geharnischten Brief geschrieben. Lest selbst:


    “Sehr geehrter Herr Luthe,

    ich schreibe Ihnen als Sprecherin des Netzwerks Ella, einer unabhängigen Interessenvertretung für Frauen aus und in der Prostitution.
    Wir sind alle Frauen, die selbst Erfahrungen als Prostituierte gemacht haben, ausgestiegen sind, gerade aussteigen, oder noch aktiv sind. Wir alle haben ein Ziel: dass das nordische Modell, sprich ein Sexkaufverbot, wie es in Schweden oder Frankreich und anderen Ländern gibt, hier in Deutschland eingeführt wird. Wir betrachten Prostitution als Gewalt gegen Frauen und als Zementierung patriarchaler Systeme, die einer modernen und gleichberechtigten Gesellschaft nicht gerecht werden.
    Nun haben Sie unlängst nachgefragt, was die Prostituierten am Straßenstrich in Berlin so verdienen. Nun würde ich gern wissen, welche Motivation diese Frage hat, denn wie wir alle wissen, sind Steuersünder meist an anderen Plätzen zu verorten und zu ahnden, was mal mehr oder weniger gelingt, sie mögen sich sicher an die Cum Ex Skandale erinnern. Selbst Ihre Partei hatte lange an den Finanzskandalen der Vergangenheit zu arbeiten. Vielleicht nehmen Sie es ja deswegen ganz genau.
    Waren Sie jemals dort, an der Kurfürstenstraße? Ich mag es nicht glauben, denn anders kann ich mir Ihre Anfrage nicht erklären. Wie sie sicher wissen, arbeiten die meisten Frauen dort unter Zwang diverser Art. Cousins, Freunde und Bekannte schicken die Frauen auf den Strich, die sich dort teilweise für 5 Euro und weniger anbieten. Dabei nehmen Sie gefährliche und entwürdigende Praktiken in Kauf, wie z.B. Analsex, Ejakulieren ins Gesicht, GangBang. Darüber hinaus erfahren diese Frauen ein großes Maß an Gewalt, sie werden geschlagen, gewürgt, gejagt und umgebracht. Es stehen dort auch hochschwangere Frauen, die dann „schnell“ entbinden und wieder zurückkehren an den Straßenstrich- weil sie müssen.
    Es gibt durchaus Kontrollen vom Finanzamt vor Ort, aber leider kann keine dieser Frauen Steuern bezahlen. Und wissen sie warum? Weil sie alles Geld an ihren Zuhälter abgeben müssen, der aber offiziell nicht ihr Zuhälter ist, sondern ihr Freund oder Cousin. Das läuft so im Rotlicht, da können Sie sich auch bei spezialisierten Polizeidienstellen informieren. Am Ende hat die Frau nichts, und zum Dank für diese ganze Drecksarbeit, die Ausbeutung, Schmerzen und Hoffnungslosigkeit kommen noch Menschen, die sich überhaupt nicht interessieren, was da abgeht, sondern sich nur für die monetäre Ausstattung dieser Frauen interessieren. Ich finde es gelinde gesagt absolut menschenfeindlich.
    Wir alle zahlen Steuern und das ist korrekt. Frauen in der Prostitution sind nicht reich, sie verdienen kaum was, schon gar nicht hier in Berlin. Jeder will etwas ab vom Kuchen, der Betreiber, die Zuhälter, die Werbeagenturen und die Security und zu guter letzt auch der Staat- und das von Frauen aus einer Ecke, wo man mit gesundem Menschenverstand schon sehen kann, dass das nichts wird.
    Und dann Frauen in der Prostitution im gleichen Atemzug wie deren Profiteure als „Berufsverbrecher“ zu bezeichnen, ist schon nahezu unerträglich und ungerecht, finden Sie nicht auch? Diese Bezeichnung gab es bereits im Dritten Reich für uns prostituierte Frauen, wollen Sie sich ernsthaft mit diesen Leuten auf eine Stufe stellen? Was wäre wenn Sie unter prekären Bedingungen arbeiten, weil Sie müssen, und am Ende wirft man Sie mit Ihrem Ausbeuter in einen Topf und schimpft Sie Verbrecher. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?
    Wenn Sie mögen, helfen Sie uns mit, diese Umstände zu ändern! Sie können den Frauen helfen, indem Sie mit uns für das nordische Modell kämpfen. Dort wird die Frau entkriminalisiert, aber Freier und Zuhälter machen sich strafbar, wenn sie eine Frau kaufen. Steuerbetrug durch Zuhälter und Betreiber dürften sich dann auf ein ganz anderes Maß zusammenschrumpfen. Wenn Sie Interesse an unserer Arbeit haben, so kontaktieren Sie uns gern. Wir erklären Ihnen gern all unsere Forderungen, welche Sie auch auf Netzwerk-Ella.de nachlesen können.
    Vielen Dank für Ihre Zeit,
    Mimi vom Netzwerk Ella”
    Hier der Artikel, in dem Herr Luthe zitiert wird: klick mich!

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