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Rede von Ronja auf der Studienvorstellungskonferenz über Freier in Deutschland

    Autorin: Ronja //

    W: Vergewaltigung, sexuelle Gewalt


    Am 9. November ging es in Berlin bei einer eintägigen Konferenz um „Männer in Deutschland, die für Sex zahlen“. Also um die Studienergebnisse der Freierstudie von Melissa Farley et al. sowie um deren Einordnung, Analyse und sich daraus ableitenden Schlüsse, die von Überlebenden der Prostitution aus mehreren Ländern, sowie von weiteren Fachfrauen und einem Fachmann vorgestellt wurden.


    Auch das Netzwerk Ella war bei dieser Konferenz vertreten: mit Redebeiträgen von Viktoria und mir (in Präsenz) und später einem Videobeitrag von Huschke, die leider doch nicht persönlich vor Ort sein konnte. Dafür saßen mehrere weitere Ellas im Publikum nachdem sie teilweise lange Anreisen auf sich genommen haben.
    Für uns alle war dieser Tag mit seinen zum Teil nur schwer erträglichen Themen natürlich enorm anstrengend. Auf der anderen Seite tat diese Konferenz uns unglaublich gut, weil wir dank der Internationalität der Überlebenden unglaublich viel Sisterhood und Support spüren durften und wir auch dank des großen Interesses (über 100 Teilnehmende und das, obwohl die Konferenz an einem Werktag stattfand): es bewegt sich etwas!

    Immer mehr Menschen können und wollen die Augen nicht mehr vor der Tatsache verschließen, dass Prostitution/Freiertum und Gewalt nicht voneinander trennbar sind und die deutsche Prostitutionspolitik so, wie sie ist, eine gescheiterte ist!


    Heute möchte ich denjenigen, die nicht vor Ort sein konnten, die Möglichkeit geben, meine Rede nachzulesen. Viktorias Rede folgt. Am 9.11. habe ich durch mein Stottern hier und da spontan andere Formulierungen verwenden müssen, habe in der ersten Hälfte an manchen Stellen spontane
    Ergänzungen eingefügt und in der zweiten Hälfte dafür aus Zeitgründen einiges übersprungen. Trotzdem ist dies das Gerüst dessen, was zu hören war. Und noch eine letzte Vorbemerkung, da hier ja die Worte fehlen, mit denen wir am 9.11. vorgestellt wurden:


    Ich habe mich für den Aspekt der sogenannten Prostitutions- und Vergewaltigungsmythen, zu dem ich die entsprechenden Studienergebnisse vorgestellt habe, ohne zu zögern und aus gutem Grund
    entschieden: Ich kann mir nicht anmaßen über Erfahrungen mit Menschenhandel, Zuhälterei, Rassismus in der Prostitution oder manch andere scheußliche Dinge zu sprechen. Obwohl sie leider auf so viele
    Opfer des Systems Prostitution zusätzlich zutreffen. Auf mich jedoch nicht.
    Meine Expertise ist die einer Frau, die sogenannt freiwillig und selbstbestimmt in die Prostitution gegangen ist. Und trotzdem bin auch ich Überlebende von Gewalt und auch solche Mythen hatten in
    Kombination mit vorherigen Gewalterfahrungen, geringem Selbstwertgefühl und einem völlig schädlichen Männer- und Frauenbild ihren Anteil daran, dass ich in die Prostitution geraten bin und so viele Jahre lang immer wieder in sie zurückgefallen bin.
    Diese Mythen gehen uns ALLE an!
    Diese Mythen schaden ALLEN!


    Ich hoffe, das habe ich in der folgenden Rede deutlich machen können.
    Ronja


    Liebe Melissa Farley und liebes Team,
    liebe Sprecherinnen am heutigen Tag,
    liebe Teilnehmenden,


    ich bin sehr dankbar, heute hier sprechen zu können. Gerade auch, obwohl ich Stotterin bin.
    Trotzdem spreche ich öffentlich, weil ich hoffe, damit einen kleinen Beitrag leisten zu können um
    Mädchen und Frauen in der Zukunft vor Erfahrungen wie meinen zu bewahren.
    Vor dem zu bewahren, was die Prostitution mit mir gemacht hat.
    Oder genauer: was die Freier mit mir gemacht haben.
    Denn ohne Freier keine Prostitution, also ohne Freier keine Opfer der Prostitution.
    An dieser Stelle noch eine Triggerwarnung: in den kommenden Minuten werde ich über Vergewaltigungen und sogenannte Vergewaltigungsmythen sprechen.
    Kein einfaches Thema, aber ein Thema, über das wir sprechen müssen, wenn wir verstehen wollen, warum Prostitution inhärent gewalttätig und misogyn ist und mit welchen entlarvenden, vermeintlichen Argumenten ihre Profiteure, also auch Freier, sie dennoch rechtfertigen.
    Die nun vorliegende Studie macht deutlich, dass die meisten Freier sehr wohl wissen, dass Prostitution für die Frau nichts mit Einvernehmlichkeit und Sexualität zu tun hat und dass sie auch nicht als Dienstleistung oder selbstgewählter Job angesehen werden kann.
    Viele Freier wissen oder ahnen zumindest, dass die Frau nicht freiwillig mit ihnen schläft, sondern weil sie Opfer von Menschenhandel, Zuhältern oder einem Loverboy ist. Oder aber durch Trauma, Sucht, Wohnungslosigkeit oder aus anderen Lebenskrisen heraus in finanzielle Not geraten ist.


    Es folgen Zitate:
    „Die Prostituierte war durch Zuhälter verängstigt; sie war wehrlos.“ (S. 28)
    „Ich sah ihre blauen Flecken und Teilnahmslosigkeit.“ (S. 32)
    „Ich glaube, dass der Großteil der Prostitution aus Zwang heraus passiert, zum Beispiel aus finanzieller Not. […]“ (S.34)


    Das sind nur drei von vielen schockierenden Statements von Freiern, die bei den Interviews deutscher Freier protokolliert wurden.
    Schockierend ist natürlich die Realität der Prostitution. Aber hier schockiert vor allem auch, dass Freier all das wissen und sogar formulieren können und trotzdem Freier sind!
    Sie nehmen es in Kauf, Sex zu kaufen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Zwang oder aus einer Notlage heraus passiert. Und damit müsste es als Vergewaltigung angesehen werden.
    Der Freier fühlt sich aber durch die Legalität der Prostitution in Deutschland, die gängigen Mythen und durch sein Bezahlen legitimiert.


    Zitat: „Sie war gezwungen. Ich konnte es an ihrem Verhalten sehen: sie hatte kein Willen. Sie war da wie eine Sexmaschine. Ich hatte trotzdem mit ihr Sex weil ich dafür bezahlt habe.“ (S. 3)

    Statement eines deutschen Freiers, das stellvertretend für das Mindset vieler deutscher Freier steht.
    Sie denken einerseits, dass sie sich von Verantwortung und Mitgefühl freikaufen können. Und andererseits glauben und reproduzieren sie den Prostitutionsmythos, dass man eine Prostituierte gar nicht vergewaltigen könne. Unter den deutschen Freiern stimmten 35% diesem Mythos zu – der
    höchste Wert im Vergleich mit Freierbefragungen in den USA, dem Vereinigten Königreich und Schottland! (vgl. S. 44)
    Perfide ist zudem, dass insbesondere deutsche Freier auch den sogenannten Vergewaltigungsmythos als Rechtfertigung für ihr empathieloses Freiertum heranziehen.
    Erschreckende 76% der deutschen Freier glauben, dass die Verfügbarkeit von Prostitution Vergewaltigungen verhindern würde. Auch damit ist Deutschland trauriger Spitzenreiter unter den Freierbefragungen im globalen Norden und weist sogar einen höheren Wert als Kambodscha auf.
    Unter den untersuchten Ländern stimmen nur Freier in Indien noch häufiger diesem Mythos zu. (vgl. S. 44)
    Dass dieser Mythos noch in so vielen Köpfen sitzt – bis vor einigen Jahren sogar leider auch in meinem – macht mich wirklich so betroffen und wütend!
    Denn was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
    Diese Freier sagen da im Prinzip ganz unverblümt: „Ja, ich bin potenzieller Vergewaltiger!“
    Alle Menschen, die diesem Mythos zustimmen, und das sind auch viele Frauen, die damit legale Prostitution rechtfertigen, sagen damit: „Ja, all diese Freier sind potenzielle Vergewaltiger. Männer sind triebgesteuerte Monster, die Konsens niemals beherrschen können werden!“
    Und sie sagen damit im Prinzip auch: „Auf Frauen in der Prostitution kann man diese hoffnungslos triebgesteuerten Monster ruhig loslassen. Besser die als ich oder meine Frau oder Tochter oder Kollegin.“
    Wollen wir in einer Gesellschaft mit so einem Männerbild leben?
    Unter all diesen Freiern, denen wir aktuell in Deutschland ständig und überall begegnen ohne es zu wissen? Damit unter Männern, die sich und all ihre Freier-Kumpanen als potenzielle Vergewaltiger ansehen?
    Ich möchte das nicht!
    Denn Freier richten damit so viel Schaden an.
    Heute kenne ich kaum eine Frau aus der Prostitution, die nicht von sich sagt, dass sie vergewaltigt wurde.
    [Anm.: hier sind aus Gründen, die ich an dieser Stelle nicht erläutern möchte, für diese Form der
    Veröffentlichung meiner Rede wenige Zeilen gestrichen]
    All diesen Fällen ist aber gemeinsam, dass diese Prostitutions- und Vergewaltigungsmythen dieses Leid mitverursacht haben und Schuld daran tragen, wie ungesund viele von uns damit leider nur umgehen konnten.
    Ich selbst habe Jahre gebraucht zu sagen: „Ich wurde vergewaltigt.“
    Denn die Mythen, denen ich durch die Freier auch ständig ausgesetzt war, haben mich auch glauben lassen, dass man „eine wie mich“ gar nicht vergewaltigen kann.
    Und so ging es vielen von uns.
    Durch den ständigen Kontakt mit Freiern, durch die Dissonanz zwischen dem Glauben der Prostitutions- und Vergewaltigungsmythen, die in unserer Gesellschaft mit ihrer liberalen Prostitutionsgesetzgebung bis heute auf so fruchtbaren Boden stoßen, und dem tatsächlich Erlebten in der Prostitution – durch diese Dissonanz wird man krank und glaubt seinen Empfindungen selbst nicht mehr.
    Dadurch sind diese Mythen auch ein Hemmnis beim Ausstieg. Wir dürfen nicht benennen was wir fühlen, denn der Freier nennt es Dienstleistung und sich selbst vielleicht Kunde.
    Wir werden damit indoktriniert, dass wir etwas total Relevantes für die Gesellschaft tun: die Vergewaltigungen von anderen verhindern!
    Solche Glaubenssätze machen auch krank und halten emotional in der Prostitution.
    Doch was ist nun mit diesem angeblichen Nutzen der Prostitution?
    Kurz und deutlich: es gibt ihn nicht, im Gegenteil!
    Legalisierte Prostitution und ein damit einhergehende hohe Nachfrage und gesellschaftlich normalisiertes beziehungsweise akzeptiertes Freiertum schützen Frauen außerhalb der Prostitution nicht vor Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen, wie Studien und Statistiken belegen.
    Im Gegenteil sogar! Vergewaltigungen und Übergriffe geschehen tausendfach in der Prostitution und in einem höheren Maß rund um Prostitutionsstätten, einschlägigen Straßen und anderen Anbahnungsorten.
    Und ich frage mich wirklich, warum es nicht längst jeder und jedem einleuchtet, dass Prostitution und das damit transportierte Männer- und Frauenbild, das ja auch die Studie sehr gut abbildet, nicht vereinbar mit der Gleichstellung der Geschlechter ist!
    Das Nordische Modell hingegen ebnet meiner Meinung nach den Weg hin zu einer zukünftigen Gesellschaft, in der Männer keine Freier sein wollen, sondern empathisch und verantwortungsvoll handeln.
    Und in der Opfer des Systems Prostitution ernstgenommen werden und Hilfe erhalten statt das Gefühl für sich oder noch viel mehr zu verlieren, weil sie konstant Freiern und diesen Mythen ausgesetzt sind.


    Zitat: „Weil wenn ein Mann nicht befriedigt ist, dann nimmt er sich das mit Gewalt.“ (S.3)


    Diese Denkweisen bleiben in den Köpfen von Freiern wenn wir mit legalem und gesellschaftlich akzeptiertem Freiertum und den Prostitutions- und Vergewaltigunsmythen, die dieses Freiertum legitimieren, weiterleben.
    Sie bleiben in den Köpfen und bestimmen das Handeln von Freiern, also von so vielen Männern im heutigen Deutschland. Wir alle begegnen ihnen, vermutlich jeden Tag.
    Wenn wir als Gesellschaft aber solche Denkweisen, Misogynie, Zwang und Rape Culture verringern und schließlich überwinden wollen, gibt es hinsichtlich der Prostitutionspolitik nur einen Weg:
    Nordisches Modell jetzt!


    Vielen Dank

    Ronja

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