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Im Hotelzimmer

    Autorin: Ana //

    Als ich das erste Mal in dem Hotelzimmer stand, fühlte ich mich ausgeliefert. Jede Faser meines Körpers fühlte sich fremd an und ich hatte Angst einzelne Körperteile zu verlieren wenn ich nicht gut genug auf sie aufpassen würde.
    Als ich zum zweiten Mal in seiner Wohnung stand und mir erneut die Augen verbunden wurden, hatte ich das Gefühl mich für immer in der Dunkelheit zu verlieren. Mich für immer im endlosen Schwarz verstecken zu können.
    Nicht sehen zu müssen was er von mir verlangte und was er tat war meine Sicherheit, denn für das Fühlen war mein verloren gegangener Körper verantwortlich.
    Seit ich meinem Körper einen greifbaren Wert gegeben habe, seit ich ihn verkauft habe.
    Fühlt mein Körper sich so fremd an.
    Nicht mehr so als würde er zu mir gehören.
    Es fühlt sich so an als hätte ich die Verbindung zu meinem Körper damals in dem Hotelzimmer gelassen. Als würde mein Körper ein Jahr später, immer noch in dem Hotelzimmer, darauf warten von mir abgeholt zu werden.

    – Ana

    Tut etwas gegen die Gewalt!

      Autorin: Sophie //

      Ich bin Sophie vom Netzwerk Ella, eine Frau aus der Prostitution und ich möchte heute, den 25.11. an euch appellieren:

      Tut etwas gegen die Gewalt!

      „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ ist ein allbekanntes
      Adorno-Zitat und wurde wahrscheinlich schon in sämtlichen Kontexten
      verwendet. Meist assoziiert man es mit dem zweiten Weltkrieg, dem
      Nationalsozialismus und den Deutschen, die sich, statt in großem
      Ausmaß Widerstand zu üben, in eine „Gefälligkeitsdiktatur“ eingefügt
      haben, um wieder Butter auf dem Brot zu haben. Sie versuchten, dieses
      „richtige Leben im Falschen“ zu führen, schlossen die Augen vor dem
      Unrecht, kooperierten und wurden zu Tätern. Später, als die NSDAP an
      der Macht war, war es schwer möglich, sich zu widersetzen, aber
      anfangs hätte etwas mehr Engagement und Wachsamkeit den Aufstieg
      Hitlers wohl noch verhindern können.

      Nun ist heute jedoch der 25.11. und damit „Internationaler Tag gegen
      Gewalt gegen Frauen“ und Adornos Aussage in einem weiteren Kontext
      aktuell. Wir versuchen noch immer, ein „richtiges Leben im Falschen“
      zu führen. Jede 18 Sekunden wird eine Frau geschlagen, alle 3 Minuten
      wird eine Frau vergewaltig, 25% aller Frauen sind von sexuellem
      Missbrauch in der Kindheit betroffen und jede 3. Frau ist Opfer von
      Gewalt.

      All das liest man als gute Feministin heute auf seiner Facebook
      Timeline, all das macht betroffen und all das wirft die Frage auf, ob
      das denn nie enden wird und ob wir denn gar nichts erreicht haben?

      Gefühlt die halbe Studentenschaft schimpft sich feministisch, an
      Schulen gibt es „Girls-Days“ und in Betrieben wird nun die Sprache
      gegendert. Wir feiern das Frauenwahlrecht und dass wir nicht mehr
      Vater oder Ehemann fragen müssen, ob wir arbeiten dürfen.

      Feminismus ist heute trendy. In Bekleidungsgeschäften gibt es
      feministische Shirts, im Kiosk Karten für „starke Frauen“ und auch die
      Vergnügungsindustrie vermarktet weibliche Heldinnen.

      Der Feminismus ist also eine Marke geworden, ein Konsumgut, er ist für
      alle da: Feminismus ist intersektional. Dadurch, dass Feminismus
      intersektional geworden ist, ist er auch für Männer da. Für alle
      Männer. Die, die sich als Frauen fühlen und die, die lieber zum
      Jagdsport gehen und Steak essen. Auch Männer, die sich Frauen kaufen,
      können Feministen sein. Die darf man ja nicht ausschließen, wo sie
      sich doch so aufopferungsvoll für die sexuelle Befreiung der Frau
      einsetzen. Kommt schließlich auch ihnen zu Gute, wenn wir das
      Patriarchat abschaffen. Schließlich dürfen sie dann auch mal
      Elternzeit nehmen. Oder so. Und müssen nicht mehr so viel
      Verantwortung übernehmen. Verlieren ihre Vormachtstellung in den
      Chefetagen DAX-notierter Unternehmen, aber wir streuen einfach ein
      bisschen Glitzer drauf und dann ist ja alles ganz geil.

      Dass diese Idee von Feminismus und das Streuen von Glitzer kein
      Feminismus, sondern das Patriarchat 2.0 ist, wird mir an Tagen wie
      heute immer wieder klar. Auch wenn wir mit dem Begriff inflationär
      umgehen, in der Politik über Frauenquoten sprechen und Männer in
      Elternzeit gehen, hat sich am Patriarchat nichts geändert. Noch immer
      werden Frauen sexuell ausgebeutet, vergewaltigt und misshandelt. Jeden
      Tag. Alle paar Sekunden. Tik Tak Tik Tak und schon wieder ist es
      passiert. Wenn man sich das ganz bewusst macht, ist es kaum zu
      ertragen.

      Nun ist es jedoch so, dass Gewalt in der Regel strafrechtlich verfolgt
      wird. In Deutschland gibt es Strafgesetze, die Körperverletzung,
      Vergewaltigung und dergleichen unter Strafe stellen. Vielleicht nicht
      ausreichend, darüber ließe sich diskutieren, aber immerhin ist es
      verboten, Frauen so etwas anzutun.

      Wohl gibt es jedoch einen rechtsfreien Bereich, in dem all dies
      erlaubt ist und damit komme ich zum Hauptthema des Netzwerk Ella: der
      Prostitution.

      Hier sind all diese Gesetze plötzlich aufgehoben. Unter der
      Voraussetzung, dass Männer eine bestenfalls Volljährige dafür
      bezahlen, werden sie nun nicht mehr dafür bestraft, wenn sie
      vergewaltigen, missbrauchen und schlagen. Sie dürfen nun all ihre
      Fantasien ausleben und Frauen, die in einer Situation sind, in der sie
      einfach nur Geld und Unterstützung bräuchten, ihren Trieb aufzwingen,
      so destruktiv er auch sein mag. Freier dürfen alles tun, was
      normalerweise illegal wäre, solange sie dafür bezahlen. Und ein großer
      Teil moderner Feministinnen unterstützt das.

      „Sexwork is Empowerment“ ist der Slogan, die Prostituierte wird als
      attraktiver Gegensatz zur biedermeierlichen Hausfrau und Mutter
      wahrgenommen.

      Das in den Medien oft romantisierte und verklärte Bild der starken,
      mutigen und ehrlichen Prostituierten, der Femme Fatale, die den
      Männern den Kopf verdreht und von ihnen verehrt wird, ist das
      herrschende Bild in den Köpfen der Menschen.

      Aber die Realität sieht meistens anders aus.

      Wir Frauen vom Netzwerk Ella sind eine Interessensvertretung von
      Frauen aus der Prostitution. Gemeinsam haben wir, dass wir die
      Prostitution als sexuelle Gewalt erlebt haben. Es ist unmöglich, solch
      ein Ausmaß an Gewalt unbeschadet zu überstehen und deshalb setzen wir
      uns für die Abschaffung des Systems Prostitution durch das Nordische
      Modell ein.

      In der Realität der Prostitution gibt es hohe Korrelationen zwischen
      Prostitution und Missbrauchserlebnissen, Abhängigkeit, psychischen
      Erkrankungen, Armut und häufig eben auch Zwang.

      Die wenigsten Prostituierten sind schillernde Party-Prostituierte, wie
      wir sie in den Medien erleben. Viele können kein deutsch und haben oft
      auch keine echte Alternative.

      Statt die Prostitution durch das Nordische Modell abzuschaffen zu
      versuchen, versucht man durch Regulierungen und das Streuen von
      Glitzer „das richtige Leben im Falschen“.

      Das ist aber nicht möglich, weil die Prostitution per se schon einfach
      falsch ist.

      Man kann etwas Falsches nicht richtig machen, auch wenn man sich
      tolle, modern anmutende „Lösungen“ einfallen lässt und man kann nicht
      erwarten, dass Gewalt aufhört, wenn man ihr einen gesetzlich
      regulierten Rahmen gibt.

      Wenn es tatsächlich ein Recht auf Sex in jeder x-beliebigen Spielart
      geben sollte, ist es nicht unglaublich armenfeindlich, dieses dann nur
      gegen Bezahlung stattfinden zu lassen?

      Grundwasser ist schließlich auch ein Menschenrecht und das gibt es umsonst.

      Ein Sozialpsychologe hat die These aufgestellt, dass in einer
      Gesellschaft immer 5% der Menschen progressiv sind, 5% reaktionär und
      die 90% einer Sache gleichgültig gegenüber. Die Veränderung einer der
      beiden Seiten bestimmt, in welche Richtung sich eine Gesellschaft
      entwickelt. Veränderung geschieht dann, wenn man 1% der Massen dazu
      bringt, sich für das eigene Anliegen zu engagieren, weil man dann ein
      Gegengewicht gegen die Gegnerschaft aufbringen kann.

      Gehen wir also davon aus, dass sich 5% für das Nordische Modell
      interessieren und 5% für eine legalisierte Prostitution, 90% jedoch
      haben keine Meinung.

      Wenn es nun also ausreicht, einen weiteren Prozent der Masse mit der
      richtigen Message zu erreichen, um ein System der Gewalt an Frauen
      abzuschaffen, dann möchte ich hier mit diesem Text dazu aufrufen, sich
      an der Agitation zu beteiligen.

      Schreibt Briefe an den Bundestag, geht in die Sprechstunden eurer
      Wahlkreisabgeordneten, teilt Beiträge in sozialen Medien und sprecht
      über das Thema, klärt auf, bezieht Stellung und zeigt Solidarität.

      Es bringt nichts, sich hier immer nur auf Facebook über die Lobby auszukotzen.

      Werdet aktiv!

      Denn wer nur wegsieht, macht sich schuldig.

      Wer wegsieht, wird irgendwann von seinen Kindern gefragt werden, warum
      er denn nichts gegen die Missstände getan habe.

      Wer wegsieht, ist Mittäter.

      (c) Sophie 2019

      blame rapists not victims

        Autorin: Emilia Elle

        Ich war „schon“ sechzehn als es das erste Mal passierte… Ich stand „ganz freiwillig“ in Frankfurt am Main auf dem Straßenstrich der Kaiserstraße…
        Es war der Tag, an dem ich mich das erste Mal prostituierte. Aber es war mir irgendwie gefühlsmäßig nicht fremd.. Da war wieder die Angst erdrückt zu werden, da war wieder diese Leere in die ich mich flüchtete, sah die ganze Szenerie von oben… Ich war das nicht, die da nackt und klein und hilflos unter dem schweren Männerkörper lag. Nein das war ich nicht, das war jemand anderes… Und da war dieser Ekel und die Hoffnung, dass es gleich vorbei ist. Ich kniff die Augen fest zusammen und diese massive Gewalteinwürkung auf meinen kleinen, zerbrechlichen Körper dauerte und dauerte… Gleich bin ich erlöst dachte ich… Und wieder diese schmerzhaften Stöße. Eine Träne lief über mein Gesicht und ich versuche ihm nicht in die Augen zu schauen, denn ich weiß ganz genau was ich darin sehe… Ich kenne dieses Gefühl benutzt zu werden, ich kenne die Scham und den Ekel… Ich kenne dieses grenzenlose gierige Verlangen was ich in seinen Augen sehe…
        Ich kenne das Gefühl missbraucht zu werden. Die Prostitution, sie fühlt sich genauso an, ja, sie ist dasselbe!
        Prostitution ist Gewalt , Prostitution ist sexueller Missbrauch!

        Ich bin als Kind Tag täglich missbraucht worden, und das über viele Jahre hinweg. Ich habe gelernt dass das jemand anders jeden Tag erlebt. In der Psychologie spricht man von Abspaltung, Dissoziation.
        Und in dieser Zeit sind sie entstanden, die 4 Persönlichkeiten, die ich heute habe. Weil all das was ich Tag ein Tag aus erleben musste, konnte die psyche des kleinen Mädchens, mir, nicht überleben, ohne sich aabzuspalten. Nur so konnte ich das ertragen und das Martyrium Missbrauch überleben.
        Als der Missbrauch nach vielen Jahren endete, begab ich mich in die Prostitution. Da führte sich der Missbrauch fort. Ich erlebte die gleichen Erniedrigungen, die gleiche Gewalt wie in meiner Kindheit. Aber es war etwas vertrautes, dieses Gefühl benutzt zu werden.

        Ich habe all das überlebt… Und jetzt frage ich euch: Wie freiwillig ist die Prostitution und ist Prostitution Missbrauch und Gewalt?

        Ein Job wie jeder andere

          Autorin: Ana //

          Als Hure betrügt man nicht, denn man verkauft nur seine Dienstleistung- die Ware die jeder will.
          Seinen eigenen Körper.
          Männer wollen mich.
          Freier wollen meinen Körper.
          Freier wollen nur ficken.
          Und das ist okay.
          Denn es ist nur ein Job.
          Es ist mein Job mich demütigen zu lassen, mich schlagen zu lassen, fremde Arschlöcher zu lecken und mich begrapschen zu lassen.
          Der Schwanz muss tiefer rein.
          Am besten so, dass ich keine Luft mehr bekomme.
          Denn wenn ich keine Luft mehr bekomme, herrscht für einen Moment Stille.
          Die Verbindung zu mir, meinem Körper und dem was gerade passiert, ist verloren.
          Ich hänge zwischen stöhnen und dissoziieren fest während er mich von hinten fickt.
          Immer wenn ich gerade sicher in mir selbst bin und weit weg von seiner Wohnung, fällt mir auf dass ich nicht mehr stöhne und er merken könnte, dass etwas nicht stimmt, dass es mir vielleicht sogar keinen Spaß macht.
          Aber es macht mir ja Spaß.
          Es ist ja mein Job.
          Aber sobald ich wieder stöhne, reißt mich das aus der Dissoziation.
          Ein Teufelskreis.
          Ich fühle seine Schweißtropfen auf meinen Rücken regnen.
          In meinem Kopf bin ich an einem schönen Ort.
          Vielleicht im Wald oder am Meer.
          ‚sicherer Ort‘ haben sie das damals in der Psychiatrie genannt.
          In Ausnahmesituationen greift man nach jedem Strohhalm.
          Auch wenn ich Therapie für Humbuk halte.
          Aber ich will überall, nur nicht in seinem schmierigen Bett, mit seinem schmierigen Schwanz in mir sein.
          Langsam fange ich an die Minuten zu zählen, wie viele Schweißperlen wohl in der Minute von ihm auf mich tropfen?
          Ich will nach Hause in mein Bett.
          Unter meine Dusche und seinen Dreck von mir waschen.
          Er zieht seinen Schwanz aus mir und spritzt mir auf den Rücken.
          Sein ekelhaft, warmes Sperma läuft an mir runter und ich bete zu Gott, dass er nicht meine Haare getroffen hat.
          Ich frag ihn was mit dem Kondom passiert ist und er sagt es sei gerissen.
          Macht ja auch keinen Unterschied mehr.
          Mein Körper ist eh nicht mehr wert als der nächste Freier will.
          Er geht unter die Dusche und ich wünsche mir, dass er sich in der Dusche das Genick bricht.
          Vor meinem Innerenauge sehe ich seine Knochen brechen, während ich darauf warte auch duschen zu dürfen.
          Immerhin kann ich jetzt sein Sperma von mir waschen.
          Sein letzter Satz zu mir bevor ich gehe „So viel Lust kann ein Mensch gar nicht vortäuschen, ich mag dich wirklich sehr“.
          Im Zug fang ich wieder an zu dissoziieren- zum Glück stört mich diesmal niemand.
          Ein Job wie jeder andere.

          Legalisierung, Prostitutionsverbot, Entkriminalisierung, Nordisches Modell – wie gesetzgeberisch umgehen mit Prostitution?

            Autorin: Huschke Mau //

            Mein Name ist Huschke Mau[1], und ich bin eine Frau aus der Prostitution. Momentan bin ich Doktorandin. Seit 2014 bin ich als Aktivistin für das Nordische Modell aktiv und halte Vorträge. Im Januar 2018 habe ich das Netzwerk Ella[2] gegründet, wir sind ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Prostitution waren oder noch sind, und wir definieren das, was wir erlebt haben und noch erleben, als Gewalt. Die Konsequenz, die wir daraus ziehen, ist die Forderung nach der Einführung des Nordischen Modells auch in Deutschland. Wir haben erfahren, wie Prostitution in einer legalisierenden Gesetzgebung ist, und wir finden, dass sie uns nichts als Nachteile gebracht hat. Mit Aussteigerinnen aus Ländern, in denen das Nordische Modell eingeführt worden ist, stehen wir in Kontakt.

            Wenn man von den gesetzgeberischen Umgängen mit Prostitution spricht, herrscht oftmals eine große Verwirrung. Ist Legalisierung dasselbe wie Entkriminalisierung? Ist das Nordische Modell de facto ein Prostitutionsverbot? Dieser Beitrag soll dabei helfen, die einzelnen Begriffe zu klären und die Konsequenzen der jeweiligen Regelung bezüglich Prostitution für uns Betroffene, aber auch für die gesamte Gesellschaft, darzustellen.

            Es gibt bisher 3 Arten, mit Prostitution gesetzgeberisch umzugehen: Legalisierung, Prostitutionsverbot oder das Nordische Modell. Der jeweilige regulative Umgang mit Prostitution sagt auch etwas darüber aus, ob Prostitution in der betreffenden Gesellschaft als Gewalt gegen Frauen wahrgenommen wird oder nicht.  Mein Standpunkt ist ein abolitionistischer. Ich argumentiere nicht nur aus meiner Erfahrung heraus – und aus der vieler meiner (Ex-)Kolleginnen -, sondern ich finde, es braucht eine politische Analyse, um zu begreifen, was Prostitution wirklich ist. Schauen wir uns an, wie Prostitution sich heute gestaltet.

            Weiterlesen: klick hier

            Presseerklärung zu den Gesprächen über das Nordische Modell im Bundestag und zur Demonstration gegen das Nordische Modell am 15. Oktober 2019


              Wir sind das Netzwerk Ella, ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Prostitution waren oder noch sind. Wir alle haben Erfahrungen gemacht in der hiesigen Prostitutionsgesetzgebung, die Prostitution legalisiert und wir finden diese Gesetzgebung nicht hilfreich. Wir distanzieren uns von „Sexworkerinnenverbänden“, die eine weitere Legalisierung fordern und begrüßen die Vorstöße einiger PolitikerInnen mehrerer Parteien, die sich für das Nordische Modell aussprechen.
              Wir begründen das wie folgt:
              Prostitution ist Gewalt. Sich über finanzielle Mittel sexuellen Zugang zu Frauen und Mädchen zu verschaffen, die diesem Sex sonst nicht zustimmen würden, kann nicht die Art von Sex sein, die wir uns im Jahr 2019 in dieser Gesellschaft noch wünschen. In der Prostitution ist alles auf die Bedürfnisse des Mannes ausgerichtet. Das ist nicht mehr zeitgemäß und war es nie. Weiterhin kann Prostitution de facto kaum von Zwangsprostitution unterschieden werden, weil es viel zu viele Graustufen gibt. Kein Freier kann mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, ob er gerade eine Zwangsprostituierte besucht hat oder nicht. Das bedeutet auch: es handelt sich hier um Sex, bei dem der Mann nachher nicht sagen kann, ob er gerade vergewaltigt hat oder nicht. Konsens kann in der Prostitution also nie sicher hergestellt werden!
              Prostitution zu legalisieren bedeutet, Freiern das Signal zu geben, dass das, was sie tun, okay und kein sexueller Missbrauch ist. Da Gesetze normativ sind, erhöht sich also auch in Deutschland seit Jahr und Tag die Nachfrage. Mittlerweile wird die Zahl der Freier auf 1,2 Milionen geschätzt – täglich. Diese Freier tragen das abgründige Frauenbild, das sie in der Prostitution erlernen, zurück in die Gesellschaft. Es betrifft alle Frauen.
              Legalisierung bedeutet für uns, dass wir keine Hilfe mehr bekommen, weil Prostitution als ein Job wie jeder andere behandelt wird. Steuern nimmt der Staat gerne, mit den Schäden aber werden wir alleingelassen. Traumatherapien, Ausstiegshilfen – es klafft da eine riesige Lücke.
              Prostitution zu legalisieren, macht nichts sicherer. Denn wo Freier vom Gesetzgeber das Signal bekommen, dass es okay sei, mit einer Frau zu schlafen, die eigentlich nicht will, nur weil Geld fliesst, da fallen auch andere Hemmungen. Weitere Übergriffe kommen hinzu. Schläge, Morde. Sind 80 ermordete Prostituierte seit 2002 nicht genug?
              Es wird nie genug Frauen geben, die diesen Job „freiwillig“ machen. Der größte Teil wird immer gezwungen werden müssen, oder Notlagen ausgenutzt. Wer Prostitution legalisiert, nimmt Menschenhandel und Zwangsprostitution also in Kauf.
              In jeder legalisierten Prostitutionsgesetzgebung explodiert der Markt. Wenn Freiertum okay ist, gibt es mehr Freier. Wo es mehr Freier gibt, gibt es mehr Nachfrage, und Zuhälter und Menschenhändler werden das Angebot ranschaffen, dass die große Nachfrage befriedigt. Das Angebot besteht aus Frauen, die sexuell traumatisiert sind, die sehr arm sind, die rassistisch diskriminierten Minderheiten aus Südosteuropa angehören. Wann wird sich Deutschland dafür endlich schämen, hier Frauen und Mädchen sexuell auszubeuten, statt ihnen eine andere Option zu verschaffen?
              Mit jedem Versuch, den explodierten Prostitutionsmarkt in Deutschland einzudämmen, werden mehr Sonderreglungen für uns prostituierte Frauen verschaffen. Es ist unmöglich, als Frau in der Prostitution alle Regeln einzuhalten. Sperrbezirke sorgen z.B. dafür, dass wir Bußgelder zahlen müssen. Um sie zu zahlen, müssen wir uns weiter prostituieren.
              Legalisierung bei gleichzeitiger Kriminalisierung von uns Frauen in der Prostitution hat dafür gesorgt, dass es ist, wie es ist, und dass der Prostitutionstourismus nach Deutschland boomt!
              Wir wollen heute deutlich machen, dass nicht alle Frauen aus der Prostitution den Forderungen der „Sexworkerinnen“verbände zustimmen. Und wir fordern für Deutschland die Einführung des Nordischen Modells. Das Nordische Modell erkennt an, dass Prostitution sexuelle Gewalt ist. Es beinhaltet Praventivprogramme, in denen über Prostitution aufgeklärt wird. Es schafft alle Sonderregelungen für Frauen in der Prostitution ab und entkriminalisiert sie, denn sich zu prostituieren, ist erlaubt. Gleichzeitg bestraft es die Freier, denn sie sind die, die den Missbrauch an uns ausüben. Und es sichert uns Ausstiegshilfen zu.
              Schweden, Norwegen, Kanada, Island, Irland, Frankreich und Israel haben es vorgemacht und das Nordische Modell eingeführt.
              Und Prostitution hat sich dort massiv verringert. Prostitution ist nicht in „dunkle Ecken verschwunden – kann sie gar nicht, denn sie muss ja immer auffindbar sein, sonst könnten Freier und prostituierte Frau sich nicht finden. Dass Gewalt gegen Prostituierte durch Freier zugenommen hätte, haben die Evaluationen der Gesetze aus Schweden und Norwegen nicht ergeben. Menschenhandel und Zwangsprostitution haben abgenommen. Im Nordischen Modell wird Prostitution als die Gewalt behandelt, die sie ist, und als Hemmstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung.
              Gewalt ist immer Gewalt, auch wenn das Individuum sie als solche nicht erkennt. Individuelle Narrative machen aber eine Klassenanalyse nicht obsolet. Wir erkennen an, dass es auch Prostituierte gibt, die freiwillig arbeiten, die auch zumindest temporär die Prostitution einer anderen Arbeit vorziehen. Dies trifft auch auf einige Mitglieder des Netzwerks Ella zu. Dies ändert aber trotzdem nichts an der Grundwahrheit, dass in der Prostitution sexistische Verhältnisse innerhalb eines Systems der Gewalt reproduziert werden. Es gibt mannigfaltige Gründe, sich zu prostituieren, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Wir fordern aber, dass der Fokus von den Frauen weg hin zu den Männern gerichtet wird und endlich ein Umdenken stattfindet, das die angebliche Unvermeidlichkeit der Prostitution infrage stellt. Wer ist so naiv zu glauben, dass die Prostitution nicht ein Symptom des Patriarchats ist?
              Momentan erleben wir ein globales Umdenken was sexuelle Gewalt und die Machtlosigkeit der Frauen betrifft, das sich nicht nur in Phänomenen wie der #metoo-Bewegung geäußert hat. Das ist erfreulich. Jetzt ist die Zeit, den Status Quo nicht mehr als unveränderlich zu akzeptieren sondern aktiv handelnd einzuschreiten.
              Wir fordern alle PolitikerInnen und Politiker auf: Informiert euch! Entwickelt einen Standpunkt zu Prostitution! Es ist schon lange an der Zeit, hinzusehen und zu handeln!


              Huschke Mau

              Sophie

              Mimi

              Katharina

              Lena

              Ann-Kathrin

              Im Namen des Netzwerks Ella, der unabhängigen Interessenvertretung für Frauen aus der Prostitution

              Warum es mich verletzt, wenn Allies gegen Prostituierte, die von der Prostitution Anderer profitieren, wettern und gehässig werden…

                Autorin: Sabrina //

                In letzter Zeit wurde ich in sozialen Netzwerken mit dem Prostituiertenhass aus den eigenen Reihen konfrontiert. Verbündete im Kampf für das Nordische Modell zogen über bekannte Prostituierte her, die öffentlich ihre Branche verteidigen. Die, die eigene Bordelle oder Escortagenturen führen, wurden mit MenschenhändlerInnen in einen Topf gesteckt und öffentlich geächtet. Ihnen wurden hohe Strafen gewünscht und ich konnte kaum fassen, dass ich solche Gemeinheiten in meinem „safe space“, also meinen abolitionistischen Verbündetengruppen zu lesen bekomme.

                Weil ich nun aber nicht allen unterstellen will, dass sie prostituierte Frauen hassen, gehe ich davon aus, dass sie wegen ihrer andersartigen Lebensrealität das System Prostitution vielleicht nicht ganz erfassen und verstehen können.

                Wie konservative ProstitutionsgegnerInnen tendieren sie vielleicht ein wenig zur Einteilung der Frauen in „Heilige und Huren“.

                Die Heiligen sind für sie die armen Zwangsprostituierten, die von Menschenhändlern verschleppt und misshandelt und eingesperrt worden sind und wirklich ABSOLUT nicht mehr handlungsfähig sind und keine Möglichkeit haben, aus der Prostitution auszusteigen.

                Dem, was ich den Kommentaren so entnommen habe, beginnt man eine Hure zu sein dann, wenn man die Möglichkeit hat(te), auszusteigen, diese aber nicht genutzt hat.

                Ein User hat unter einen Post zumThema Wiedereinstieg z.B. kommentiert, dass es genug Stellen in der Pflege gebe. Dieser User bezeichnet sich selbst als Abolitionisten und verkehrt auch in etwaigen Gruppen zum Thema. Ohne solchen Idioten zuviel Aufmerksamkeit schenken zu wollen, hat mich das dazu veranlasst, einen Text dazu schreiben zu wollen.

                Denn auch andere Userinnen und User lassen ihre teils frauen- teils prostituiertenfeindliche Kommentare bei uns oder in Diskussionen mit uns ab.

                Diese Einteilung in schützenswerte Opfer und Prostituierte, die ihren „Job“ „freiwillig“ machen, ist schon einmal von Grund auf falsch, wenn man für das Nordische Modell eintritt. Man möchte doch mit allen Prostituierten solidarisch sein und man sollte zumindest schon soweit informiert sein, dass man weiß, dass auch die „freiwilligen“ Prostituierten eine Lebensgeschichte haben und gewissen Zwängen erliegen. Frauen zu kaufen ist, wie wir uns vielleicht auch einig sind, nämlich von grundauf falsch. Ob die Frau sich nun selbst anbietet, oder von ihrem Zuhälter angeboten wird, ist dabei doch völlig irrelevant. Wir wollen das Nordische Modell, weil wir wissen, dass es mit JEDER Frau etwas macht, wenn sie für Geld wie eine Ware benutzt wird. JEDE Prostituierte ist dem Risiko ausgesetzt, von einem Freier misshandelt oder getötet zu werden. Wollen Menschen, die in „freiwillige“ und „unfreiwillige“ Prostitution dann etwa sagen, dass das Geld, das die „freiwillige“ Prostituierte verdient hat, ihren Tod entschädigen? Dass sie das ja gewollt hat? Dass sie ihn sogar verdient hat, weil sie das System Prostitution gefördert hat?

                Sorry, aber so muten eure Aussagen manchmal an. Eure Ansichten sind absurd, weltfremd und empathielos. Undifferenziert und unerträglich. Das kotzt mich an !

                Schwesta Ewa hat Auszüge ihrer Biographie veröffentlicht. Ich kenne sie persönlich und habe vor ein paar Jahren für ein paar Wochen als Bedienung in ihrer Bar gearbeitet. In meiner Zeit als Prostituierte habe ich mich stark mit ihrer Musik identifiziert und habe mich im Nachhinein auch immer auf dem Laufenden gehalten über ihr Leben, den Gerichtsprozess usw. usf.

                Ich selbst habe sie als sehr aggressive Person erlebt, auch habe ich davon gewusst, dass sich einige Frauen für sie prostituierten. Das finde ich natürlich schlimm.

                Nun aber zu lesen, welch ein massives Ausmaß der Gewalt sie erlebt hat, hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Ein Freier habe ihr beim Sex ein Messer ins Bein gesteckt, einer ihr eines in den Hintern und das dann auch noch hochgezogen. Ihre Mutter habe sie misshandelt, zum Klauen angestiftet, all solche Sachen, die man wirklich KEINEM wünscht.

                Und dann liest man in einer Aboli-Gruppe einfach Kommentare, die beschreiben, dass Täterinnen ausschließlich Täterinnen sind und somit kein Mitleid verdient hätten.

                Auch in einer anderen Diskussion wurde sich schon über Josefa Nereus aufgeregt. Klar, die Pro-Lobby ist nervig, es ist mühsam, sich mit ihnen zu beschäftigen, aber Frauen wie Nereus sind immernoch Prostituierte. Durch ihre Tätigkeit in der Lobby wird sich doch nicht ihr Status als menschliches Wesen verändern. Für mich ist sie weiterhin eine prostituierte Frau, die schützenswert ist, denn auch sie hat Gründe, zu tun, was sie tut, auch wenn sie der Öffentlichkeit vielleicht nicht alles zeigt, das in ihrem Inneren ist.

                Mir ist auch bewusst, dass z.B. Ewa Täterin ist, weil sie von der Prostitution anderer Frauen profitierte. Natürlich ist es jetzt auch gut, dass sie dafür bestraft wurde. Aber ich kriege es einfach nicht zusammen, weshalb so viele Menschen in der abolitionistischen Bewegung so gegen diese Frauen wettern und hetzen. Ihnen wird Knast gewünscht, Leid und es wird sich gefreut, dass Ewa jetzt in den Mutter-Kind-Knast muss.

                Leute, was ist los mit euch? Hat euch schonmal jemand ein Messer in Körperöffnungen gesteckt? Euch mit einer Pistole im Mund vergewaltigt (das ist Ewa auch passiert)? Habt ihr selbst auch Freier bedient? Seid von frühester Kindheit an auf Gewalt sozialisiert worden? Habt ihr all das erlebt und es trotzdem besser gemacht? Glückwunsch. Mein höchster Respekt. Das ist ein wirklich erstaunlicher Grad an Resilienz, aber den haben nunmal nur wenige.

                Wenn man von klein an nur Gewalt erlebt hat, dann wird das doch irgendwann normal. Wenn man merkt, dass der Gewalttätigste der ist, der sich durchsetzt, überlebt und selbst nicht mehr Opfer wird, dann ist es doch erstrebenswert, selbst Gewalt auszuüben und sich somit von der Opfer- in die Täterrolle emporzuheben. Das Empfinden von Recht und Unrecht ist doch von Anfang an korrumpiert, wenn man so aufwächst. Sich alles immer wieder wiederholt. Das ist dann halt einfach das Leben.

                Ich kenne das von mir.

                Meine Mutter hat mich psychisch fertiggemacht, sie war paranoid schizophren und eine für ein Kind absolut nicht verlässliche Person. Sie hatte wechselnde Beziehungen, ging oft auf Parties und gab mich zum Babysitten entweder zu meinen Großeltern oder zum pädophilen Nachbarn, der mich auch missbrauchte. Eine zeitlang war sie mit einem Zuhälter zusammen, der ihr schlimme Dinge antat, nachdem sie ihm klargemacht hat, dass sie sich nicht für ihn prostituieren möchte. Ihren Schmerz ließ sie dann an mir raus. Warum auch immer, war immer ich schuld und deshalb bekam ich das dann ab.

                Zum Glück kam ich recht früh zu Pflegeeltern. Weil aber schon viel in mir kaputt war, geriet ich trotzdem auf die „schiefe Bahn“, wie man das ja nennt. Mit 11 fing mein Pflegebruder an, mir Geld zu zahlen, wenn er mich begrapschen dürfe, mit 12 filmten Mitschüler, wie ich in der Mittagspause mit einem Mitschüler sexuelle Handlungen auf einer Restauranttoilette neben meinem Gymnasium ausführte. Das wurde verbreitet und ich wurde beschämt. Letztlich war es meine Schuld, ich flog von der Schule. Dass es nicht meine Idee war und ich von dem Video nichts wusste, war egal.

                Ich fing zur selben Zeit auch an, mich mit fremden Männern zu treffen. Das war vollkommen zwanghaft, ich brauchte die Gefahr. Ich brauchte die Dissoziation, die einsetzte, wenn ich es tat, weil ich dann nicht nachdenken musste. Nicht nachdenken darüber, dass ich erst 12 war und schon völlig kaputt. Nicht nachdenken darüber, dass ich mein Leben überhaupt nicht im Griff hatte. Dass es eigentlich krank war, wie ich war und ich mich überhaupt nicht mehr verstand. Durch den Missbrauch als Kind war so viel in mir kaputt und keiner verstand das. Ich war so einsam. Alle fanden mich komisch, dachten ich wäre ein unsittliches, frühreifes, junges Mädchen, das einfach nur Männer verführt. Sexsucht oder so. Ich war ein Alien. Dass ich permanent sexuelle Gewalt reinszenierte checkte man nicht und deshalb brauchte ich auch die Anerkennung von den Männern, ohne die ich mich sonst elend fühlte. Dass ich eigentlich Angst hatte und mich schrecklich einsam gefühlt habe, war dann ausgeblendet. Das war halt der Preis.

                Schnell habe ich ein hohes Ausmaß an Gewalt erlebt. Meine Grenzen wurden nie respektiert. Als 12-14 Jährige „Nein“ zu sagen, wird entweder ignoriert, oder man wird überredet, oder es wird mit einem „Ich sag’s deinen Eltern“ quittiert. Mit 14 wurde ich dann so brutal rektal vergewaltigt, dass mir an den Beinen Blut herunterlief und ich mich die darauffolgende Woche in den Schlaf weinte. 

                Danach begann ich mich zu prostituieren.

                Die Gewalt wurde nicht weniger, aber ich kam immer besser mit ihr klar. In meiner Freizeit prügelte ich mich, Gewalt verschaffte mir Adrenalin. Wenn ich Opfer wurde, Dissoziation, war ich jedoch selbst Ausübende, kickte mich das. Plötzlich hatte ich Macht. Ich war nicht mehr ohnmächtig. Nicht mehr ich war die, die immer einsteckte, nein, auch andere steckten jetzt mal ein. Da begann für mich das Verständnis, dass es besser war, selbst Gewalt auszuüben, als welche einzustecken. Irgendwie wurde das immer normaler. Schließlich hatte ich gelernt, dass Gewalt unvermeidbar war. Prostituierte ich mich nicht, würde ich eh immer vergewaltigt werden. Prügelte ich mich nicht mit anderen Mädchen, würden sie sich mit anderen Mädchen prügeln. Ob ich dabei bin oder nicht, es passiert eh. Ob ich mich dafür hingebe oder nicht, es passiert. Das waren meine Gedanken dazu, ob sie wahr waren oder auch nicht.

                Das ging alles so weiter, bis ich mit 16 meinen bisher brutalsten Freund kennenlernte. Weil ich inzwischen von meinen Pflegeeltern abgehauen war, wurde er mein einziger emotionaler Halt. Er war Sadist, total narzisstisch und paranoid. Nach seinen heftigen Eifersuchtsattacken verprügelte er mich regelmäßig, sperrte mich ein, riss mir meine Extensions aus, vergewaltigte mich oder zwang mich, mit ihm Sextapes zu drehen, nachdem er mich stundenlang angebrüllt, verprügelt und mit dem Leben bedroht hat. Das passierte immer wieder, eine Never-Ending-Story. Natürlich kann man sich nun fragen, warum ich mich nicht von ihm getrennt habe. Ich war emotional total abhängig und dachte, dass er sich bessert, wenn ich ihm nur einfach keinen Grund mehr gebe. Wenn ich ihm vorwarf, mich zu vergewaltigen, sagte er, ich würde darauf stehen. Wenn ich ihm vorwarf, mich zu misshandeln, erklärte er mir, dass ich mir die blauen Flecken woranders geholt hätte und wohl wie meine Mutter halluzinierte. Er gaslightete mich, was das Zeug hielt und außerdem hatte ich wahnsinnige Angst vor ihm. Für mich war er immernoch ein 8 Jahre älterer unberechenbarer Drogendealer, der nicht davor zurückschrecken würde, mich oder meine Familie umzubringen. Und dennoch war er alles, was ich hatte. In gewisser Weise war er mein Retter, denn während wir zusammen waren, prostituierte ich mich nicht. Ambivalent sind diese Gewaltbeziehungen ja immer. Aber auch hier wurde mein Weltbild wieder einmal gefestigt. Der einzige Moment, in dem ich das Gefühl hatte, nicht komplett ohnmächtig zu sein, war als ich ihm zur Verteidigung, als er mich umbringen wollte, ein Messer in die Brust steckte. Er fiel um, auch wenn er nicht ernsthaft  verletzt war, aber das war wirklich der einzige und erste Moment in dieser Beziehung, bei dem ich nicht das Gefühl hatte, absolut keine Kontrolle mehr über mein Leben zu haben. Mein Leben war immer von der Gunst der Männer um mich herum abhängig. Ich wurde nur dann verschont, wenn man mich verschonen wollte. In diesem Moment bin ich in unserer Beziehung das erste mal aktiv gewesen und das fühlte sich gut an. Um ehrlich zu sein, hätte ich mir in diesem Moment gewünscht, ihn getötet zu haben. Ich hatte Glücksgefühle, ein Kribbeln in meinem ganzen Körper, während er mit aufgerissenen Augen zu Boden ging. Vor 5 Minuten hatte ich mir noch fast eingepinkelt vor Angst und überlegt, aus dem Fenster zu springen, um nicht getötet zu werden und plötzlich war ich wieder Herrin meines Lebens. Jedoch stand er nach wenigen Minuten wieder auf und ab da habe ich einen Blackout.

                Was ich damit aber sagen will, ist dass solche Erlebnisse prägen. Es prägt sich ein, dass es im Leben darum geht, entweder zu fressen, oder gefressen zu werden. Es gibt kein dazwischen. Wer Mitleid hat, verliert. Wer Herz hat, stirbt. Wer nicht an sich selbst denkt, wird vergessen. Wer sich nicht bereichert, wird geplündert. Es war ein Naturgesetz für mich, dass nur die Starken überleben und deshalb wollte ich auch stark sein. Hauptsache kein Opfer mehr, und wenn man doch Opfer wurde, was als Frau nunmal unvermeidlich war in diesem Milieu, dann musste man das verbergen, weil dann zeigte das den anderen Leuten ja nur, dass sie es mit einem machen konnten. Hatte man ein blaues Auge von seinem Freund, holte man eine Geschichte darüber raus, wie man es ihm doch gezeigt hat, hauptsache kein armes Opfer. Wurde man vergewaltigt, fügte man schnell noch hinzu, dass man es ja selbst provoziert hat, ja, es sogar auch ein bisschen geil war, hauptsache nicht zugeben, dass man die Kontrolle verloren hat.

                Aber warum erzähle ich das überhaupt? Wozu die ganzen Stories?

                Naja, was macht man denn, wenn das schlimmste, was einem passieren kann, ist, Opfer zu sein? Was tut man in einem Milieu, das einem vermittelt, dass man als Opfer nicht überlebt? Wie gewinnt man die Kontrolle über sein Leben zurück, in dem es nur entweder oder gibt, schwarz und weiß, ja OPFER oder TÄTER?

                Natürlich, man wird zum Täter.

                Als ich 18 wurde, ging ich zum Escort. Ich versprach mir davon High-Life und Schickimicki, was ich in gewisser Weise auch bekam. In den ersten Monaten verdiente ich zwischen 15.000-20.000€ im Monat und dachte, mein Leben sei noch nie so gut gewesen. Meine nächste Beziehung war diesmal auch nicht mehr nach dem alten Muster. Diesmal war ich die „Starke“. Ich kommandierte herum, mein Freund musste putzen, einkaufen, Drogen holen gehen und meine Bankgeschäfte erledigen gehen. Wenn er nicht spurte, flippte ich aus, bewarf ihn mit Gegenständen, vorzugsweise mit meinem Kristallaschenbecher. Da er auf Flucht vor der Polizei war und kein eigenes Geld hatte, war er vollkommen abhängig von mir und das nutzte ich aus. Meine Prostitution belastete ihn und ich liebte es, ihm detailreich zu erzählen, wie geil der Sex mit den Freiern war (was natürlich nicht stimmte). Auch meine beste Freundin lebte bei mir, die ich auch immer wieder versuchte, dazu zu bringen, sich zu prostituieren, weil meine Agentur mir 1000€ Prämie für angeworbene Frauen versprach. Das klappte zwar bei ihr nicht, brachte mich aber auf Ideen. So ging ich eine Freundin in einer anderen deutschen Großstadt besuchen, die ich länger nicht mehr gesehen hatte. Wir quatschten eine Weile und ich erzählte ihr, wie toll mein Beruf war. Außerdem schwärmte ich von Heroin und gab ihr ihren ersten Schuss. Ein paar Tage später stellte ich den Kontakt zu meiner Agentur her und fühlte mich ganz toll. Als sei ich in der Hierarchie aufgestiegen. Mein Chef war stolz und begrüßte mich am Telefon mit dem Satz: „Willkommen im Club der Zuhälter“.

                Das kickte mich, das gab einen Adrenalin- und Serotoninstoß frei, der mir heute noch klar in Erinnerung ist. Und so machte ich weiter. Ich gab Freundinnen und Bekannten ihre ersten Heroindrucks. Menschen draufzubringen gab mir Macht. Jetzt war ich zwar eine von den Bösen, aber immerhin kein Opfer. Dass mir beim Escort auch Gewalt und ekelhafte Dinge passierten, spaltete ich ab. Das hatte nichts mit mir zu tun, denn ich tat meinen Job ja gern. Hobby zum Beruf gemacht und so. Ficken war wohl mein Hobby und das Einzige, was ich konnte. Wenn man mir dabei in die Fresse schlug, hielt ich das auch gut aus, Nasenbluten quittierte ich mit einem Lachen und sagte: „Ach komm, ich hab mal geboxt, ich kann das ab“. Ja keine Schwäche zeigen. Freier waren meine Freunde. Ihnen verdankte ich ja meinen Reichtum und dass ich Kontrolle über die Menschen in meiner Umgebung hatte. Ihnen verdankte ich, dass ich mich nach Lust und Laune zuballern konnte und immer hübsch aussah. Die Gewalt, die sie mir antaten, durfte es in meinem Kopf nicht geben und um sicherzugehen, dass ich kein Opfer war, musste ich nur einfach wieder die Kontrolle über mein Leben gewinnen und mir bewusst machen, dass ich böse war. ICH war doch die, die Gewalt ausübte. ICH schlug jeden, der mir Geld schuldete oder nicht spurte. ICH gab Minderjährigen Heroin und schickte meine Freundinnen anschaffen. ICH rippte doch sogar einen Behinderten ab und verkaufte meine 15jährige Freundin an doppelt so alte Männer, die mich kurze Zeit vorher auch schon vergewaltigt hatten.

                 Ich konnte also kein Opfer sein und WENN, dann hatte ich es doch wohl verdient. Später setzte ich auch meinen Freund öfter in meiner Unterwäsche vor die Webcam und es war mir immer ein Bedürfnis, dass jeder am eigenen Leib erfährt, wie Prostitution sich anfühlt. Wie DANKBAR sie mir sein müssen, dass ich so großzügig bin. Dass ich Koksparties schmeiße und alles bezahle. Ich wollte, dass jeder am eigenen Leib erfährt, wie es ist, vergewaltigt zu werden. Ich wollte, dass sie verstehen, dass ich nicht von ungefähr zu der geworden bin, die ich war. Wenn Menschen aus meinem Umfeld solche Erfahrungen machten und danach geweint haben, habe ich sie für ihre Schwäche verachtet. Sie könnten sich mal zusammenreißen, denn schließlich tat ich das auch. Ich musste es. Für mich war keiner da, der sich meine Geschichte anhören wollte, meine Tränen trocknen wollte. Ich war selbst schuld, weil ich schließlich so eine gestörte lüsterne Jugendliche war, die sich kurze Röcke anzog und sich dann auch noch FREIWILLIG mit Männern traf. Diese Ansicht ist selbstmitleidig, ich weiß, aber das war nun einmal das verletzte Kind in mir, das so dachte.

                Ich denke, es ist jetzt genug mit persönlichen Anekdoten. Fakt ist ja, dass ich heute nicht mehr so bin und das alles auch sehr sehr schlimm finde.

                Jedoch will ich einfach nochmal klarmachen, dass ihr soliden Frauen und Männer da einfach nicht drinsteckt. Ihr steckt nicht in einer Ewa und ihr steckt nicht in einer Neureus. Ihr steckt nicht in Balthus und nicht im BesD. Ihr steckt auch nicht in mir und ich will euch einfach nur sagen, dass mich euer Prostituiertenhass ankotzt. Selbst nichts erlebt haben und dann meinen, Täter sei Täter, das zählt nicht, Leute. Klar hätte auch ich Knast verdient, ich weiß. Aber trotzdem ist das nicht dasselbe, als hätte ich mich ohne diese Geschichte einfach an Prostituierten bereichert.

                Man muss da differenzieren. Ich war konditioniert, die Gewalt hat mich indoktriniert, für mich war das Realität. Ein Freier einer anderen, an der ich verdiente, war einer weniger für mich. Einmal weniger Lebensgefahr, einmal weniger die Gefahr, wie Schwester Ewa ein Messer in den Arsch zu bekommen. Denkt mal bitte nochmal nach über eure Beschämungen und die Scheiße, die ihr eigentlich verzapft, ich bin echt sauer.

                (c) Sabrina

                Über Konditionierung und Freiwilligkeit in der Prostitution

                  Autorin: Luise //

                  Immer wieder kommen mir Sätze in den Kopf, wo andere Menschen Dinge sagten wie:
                  „Du hast doch aber gesagt, Du magst das?!“
                  „Du hast aber doch gesagt, Du tust das gerne?!“
                  „Du hast aber doch gesagt, das ist freiwillig?!“
                  „Du hast aber doch gesagt, es macht dir nix aus?!“
                  „Du hast aber doch gesagt, Du willst das?!“
                  „Du hast aber doch gesagt, ….“

                  Wie oft in meinem Leben, schon in den letzten JahrZEHNTEN, ist es wohl vorgekommen,
                  dass Menschen sich mit einem programmierten oder für Aufgaben spezialisierten Innen unterhielten,
                  das irgendeiner Sache zusagte; versprach, diese zu tun
                  – und später dann sagten (einige, viele, manche) Andere, dass es eben NICHT so sei.

                  Nein, ich mag das NICHT.
                  Nein, das war NICHT freiwillig.
                  Nein, ich will das NICHT.
                  Nein, das hab ich nie versprochen.

                  Und weder der Andere, noch ich selbst, wußte – wußte WIRKLICH – was da eigentlich passiert.

                  Wie oft hatte ich Dinge automatisch getan – und anschließend „vergessen“?
                  Wie oft waren Konditionierungen gelaufen – ohne, dass ich selbst das überhaupt merkte?

                  Wie oft hatte ich zehntausend Fragezeichen unsichtbar über dem Kopf kreiseln, weil ich mich selbst nicht verstand?
                  Oder die Anderen?

                  Gestern dachte ich kurz mal daran, dass es für mich ganz früher einmal… so Mitte der 90ger, völlig normal gewesen war, pro Schicht 30 Freier zu bedienen.
                  Ich verstand nie, worin das Problem liegen sollte?
                  Warum fanden Menschen das … ja, wie fanden sie das überhaupt?

                  Sie kriegten große Augen und schienen fassungslos.
                  Ungläubig.
                  Zweifelnd.
                  Ich wußte nicht, was sie wohl fühlen.
                  Ich wollte mich aber dagegen wehren.
                  Es gefiel mir nicht.

                  Was soll so besonders sein daran, in 8 Stunden 30 Männer zu ficken?
                  Das war NORMAL.

                  Heute nun tue ich mich schon schwer, alle 8 Wochen mit dem Mann zu schlafen, den ich liebe.
                  Auch DAS scheint NORMAL.

                  Heute habe ich Schmerzen, wenn ich nur an Sex denke.
                  Meine Hüften brennen und zerren, als würde man mir die Beine hinter dem Rücken verknoten und die Gelenke heraus reißen, wie bei einem knusprigen Hühnchen.

                  Mein Anus krampft, meine Scheide brennt und der gesamte Bauch krampft, als gebäre ich ein Kind.

                  Ich fühle mich gewürgt, an den Schultern nieder gedrückt, gepackt, festgezurrt und vergewaltigt.

                  Egal, wie vorsichtig und zärtlich sich mein Mann mir nähern mag
                  – alleine, dass er mich gerne riechen mag – aus 20cm Entfernung – macht Panik und Starre.

                  Immer wieder denke ich, dass ich heute all jene Schmerzen fühle, die ich damals nicht hatte fühlen können.

                  Und oft, wenn es in mir glaubt, all das sei damals normal gewesen, dann stelle ich mir vor, die vermuteten 30-40 tausend Freier meines Lebens würden sich mit ausgestreckten Armen an den Händen festhalten und an der Straße aufstellen.
                  Eine kilometerlange Kette von nackten Männern mit Erektion.

                  Und irgendwo läge ein Freier, festgebunden auf dem Gynstuhl.
                  Ein besonders widerlicher, gemeiner, gewalttätiger.
                  Ein so selbstverständlicher, fordernder, alles benutzender.

                  Und all diese anderen Freier aus der Reihe dürfen mit ihm der Reihe nach tun, was sie immer tun. In alle Löcher und so schön „natürlich“, wie sie es mögen.
                  In 8 – 12 – Stunden-Schichten.
                  So, wie das auch bei den Frauen ist.

                  Ich glaube, es bräuchte keine Woche, bis sämtliche Menschenrechtsorganisationen
                  sämtliche Männer – und auch Frauen
                  toben, wüten und kreischen würden,

                  dass man den armen Mann doch befreien müßte.

                  Aber für eine Hure ist das völlig NORMAL.
                  Schließlich hat sie das doch so GEWOLLT.

                  Eigenartig, wie sehr man das vergißt.
                  Die Orientierung verliert.

                  Das und auch das Andere.

                  Wie viele Freier kommen in – je nachdem, wie man es sehen will – 23-27 Jahren „Sexdienstleistung“ wohl überhaupt so zusammen?

                  Der erste Freier – nein, Vergewaltiger!!! Er hatte mich ohne Geld aus dem Auto geworfen – mit 16.

                  Dann einige Zeit Fotos/Videos.
                  Auch Telefonsex.
                  Auch „nur“ Massagen.

                  Viele mögen das gerne verharmlosen.
                  War ja schließlich kein Ficken.

                  Und dennoch:
                  Man erlebt die Männer als Teufel.
                  Man erkennt ihr wahres Inneres.
                  Man ekelt sich, vor so viel pervertierter Gewalt.

                  Ich hatte Jahre, da fickte ich am Tag sogar 35 – 40 Männer – das sind pro Monat sage und schreibe mehr als 1000 Männer (- Gewalttäter).
                  Da gibt das alleine in 1 Jahr schon 12 000.

                  Ich hatte aber auch Jahre, da waren es im Monat vielleicht gerade noch 4.

                  Wie will man sowas also rechnen?
                  Wie will man sich erinnern?
                  Erfassen? Begreifen?

                  Und wie will man begreifen, dass man all das Geld, das die Freier hierfür gaben, schon zur Hälfte alleine dem „Wohnungsbetreiber“ gelassen hatte?
                  Und die andere Hälfte bekam dann fast komplett der „Lebenspartner“.
                  Oder Anzeigenplattformen, Gläubiger und Hersteller von Erotikkleidung.
                  *Hust*

                  Den Schmerz, das Leid, das Elend, blieb am Ende dann für MICH.
                  Portionsgerecht aufgeteilt für die nächsten Jahrzehnte.
                  „Schöne Erinnerungen“.
                  An so viele liebevolle, zärtliche, zugewandte Freier, die sich doch so sehr bemüht hatten, dass auch ICH meinen Spaß habe.

                  Wie können Freier nur glauben, dass eine Hure tatsächlich zusätzlich zu all diesem Elend auch noch schöne Orgasmen braucht?

                  Erzwungene Orgasmen
                  Konditionierte, automatische, gekaufte Orgasmen?
                  Orgasmen, die den Freiern beweisen (sollen), wie gut sie sind?!

                  Ich bin dennoch dankbar, dass mir all dieser „tabulos-Scheißdreck“, dieses „girlfriend-Getue“ erspart geblieben ist.

                  Wenn ich mir nur vorstelle, ich hätte auch noch Sperma schlucken müssen – von 30 tausend Freiern
                  Oder mit ihrer „Spucke spielen“ bei „wilden Zungenküssen“.

                  Ich glaube, ich wäre längst beim Kotzen erstickt.

                  Und da kommen tatsächlich Frauen daher, die behaupten, dass sie bei VÖLLIG INTAKTER, SEELISCHER GESUNDHEIT all das freiwillig und gerne tun.

                  Will wirklich irgendwer behaupten, das könne man GLAUBEN??????

                  Würde sich nur ein Einziger/eine Einzige jener Menschen, die für die freiwillige Sexwork kämpfen und NICHT selbst Prostituierte/r ist, Betreiber oder anderweitiger Nutznießer dieser Gewalt

                  auf diesen oben erwähnten Gynstuhl legen (freiwillig!!!!) und darauf warten,
                  dass sich über Jahrzehnte hinweg diese Schlange wartender Freier ihrem Körper widmet?
                  Ihnen gut tut und sie mit phantastischen Höhepunkten befriedigt?

                  Ein einziger?

                  Ist es freiwillige Sexwork,
                  wenn bereits in der Kindheit, Väter, Onkels, Mütter, Tanten, Sportlehrer, Kirchenmänner und/oder andere
                  diesen kleinen Kinderkörper auf diese
                  unsagbar beglückende, befriedigende, wertvolle Arbeit an armen, ungeliebten, schwachen, empfindsamen
                  FREIERN
                  vorbereitet und trainiert haben?

                  Konditioniert und in Körper und Seele hinein gefickt haben, dass dies der einzige und ausschließliche Lebenszweck sei?
                  Das Einzige, das man kann?
                  Das Einzige, für das man gut ist?
                  Die einzige Lebensaufgabe? Lebenszweck und -sinn?
                  LIEBE!!!!

                  Weil alles andere… dazu ist man eh zu blöd.
                  Alles andere… kann man eh nicht.
                  Alles andere… hat man garnicht verdient.

                  Gehe hin und ficke.
                  Und finde darin deine (einzige) Erfüllung.
                  So sei es.

                  (c) Luise Kakadu

                  Code Red – Zurück im Laufhaus

                    Autorin: Sophie //

                    Bevor ich anfange möchte ich betonen, dass das Netzwerk Ella eine
                    UNABHÄNGIGE Interessensvertretung von Frauen aus der Prostitution ist.
                    Wenn ein Mitglied eine bestimmte religiöse oder politische
                    Weltanschauung hat, sagt das nichts über das Netzwerk Ella aus, weil
                    sich die Ansichten der Mitfrauen durchaus unterscheiden und von
                    Aktionen des Netzwerks Ella unabhängig sind.



                    Wie letztes Jahr im Juni fand auch dieses Jahr wieder der „Code Red“
                    statt, eine Veranstaltung einer internationalen Gemeinde aus den USA,
                    die sich zum Ziel gesetzt hat, sowohl die Rehabilitation von Süchtigen
                    und Obdachlosen, als auch praktische Ausstiegshilfe für Prostituierte
                    zu leisten .


                    Ich habe vor allem Interesse an der praktischen Ausstiegshilfe für
                    Prostituierte und nehme deshalb an Veranstaltungen teil, die sich
                    damit beschäftigen. Um Kritik vorwegzunehmen, muss ich erklären, dass
                    diese Gemeinde nicht darauf abzielt, die Prostitution der christlichen
                    Moral wegen zu verurteilen und zu verbieten. Viele Frauen der Gemeinde
                    waren in der Vergangenheit selbst Prostituierte und zudem oft auch
                    drogenabhängig. Da die einzige Institution, von der sie Hilfe bekamen,
                    die Kirche war, die ihnen in einer Zeit der vollkommenen
                    Zerbrochenheit von Jesu bedingungsloser Liebe erzählt hat und das ,
                    sowie der Halt, den das Kollektiv bot, dann auch das einzige waren,
                    das ihnen aus ihrer miserablen Situation herausgeholfen und ein neues
                    Leben ermöglicht hat, möchten diese Frauen diese Liebe auch
                    weitergeben. Weil die meisten dieser Frauen sexuelle Gewalt und
                    wirtschaftliche Nöte nur allzu gut kennen, fühlen sie mit den
                    Prostituierten Frauen mit. Sie wissen um ihre Lage, um die
                    Alternativlosigkeit und um den Verlust jeglichen Selbstwertgefühls.

                    Aus diesem Grund findet jährlich auf der ganzen Welt der „Code Red“
                    statt, bei dem alle prostituierten Frauen zu gratis Kosmetik,
                    Massagen, Maniküre, Frisieren etc. eingeladen werden. Bei diesem Event
                    geht es darum, dass die prostituierten Frauen sich für einen Tag
                    geliebt und wertgeschätzt fühlen und nebenbei davon erfahren können,
                    dass die Kirche ihnen eine Ausstiegshilfe bieten kann. Gleichzeitig
                    erzählen einige Frauen von ihren Erfahrungen in der Prostitution, von
                    den Süchten, denen sie erlagen und wie sie den Weg heraus geschafft
                    haben. Die Testimonials sind insgesamt ermutigend und sollen den
                    Frauen Hoffnung spenden.


                    Ich weiß, dass Evangelikale oder insgesamt Gläubige von Feministinnen
                    zwecks Pro-Life-Aktivisten und oft patriarchaler Strukturen als
                    Antifeministisch wahrgenommen werden. Jedoch wage ich zu behaupten, so
                    etwas in dieser Gemeinde noch nicht wahrgenommen zu haben. Viel mehr
                    besteht ein wertschätzender Umgang mit allen, egal wie sehr sich deren
                    Lebensmodell von der Bibel unterscheidet. Von mir wissen alle, dass
                    ich Feministin bin, von einem guten Freund weiß man, dass er
                    homosexuell ist, und dennoch sind wir akzeptiert. Man muss diesen
                    Glauben nicht teilen, aber ich finde solch ehrenamtliches Engagement
                    einfach rührend und möchte gern daran teilhaben. Ich war nämlich
                    selbst mehrmals für ein paar Wochen im Laufhaus und hätte damals
                    vielleicht gern tröstende Worte von Menschen gehört, die meine
                    Situation kennen, statt an totaler Vereinsamung zu leiden, weil Freier
                    und Zuhälter meine einzigen sozialen Kontakte waren. Für mich gilt der
                    Leitsatz: „Sei der Mensch, den du früher gebraucht hättest.“

                    Außerdem arbeiten in den Laufhäusern, in denen wir waren, zu 90%
                    Rumäninnen, Bulgarinnen und Lateinamerikanerinnen, von denen, wie sich
                    herausstellte, fast alle gläubig sind und somit sofort „common ground“
                    geschaffen war.


                    Eigentlich schreibe ich diesen Text hier aber nicht des christlichen
                    Engagements wegen, sondern um über die Erlebnisse zu berichten, die
                    ich in der ersten Juniwoche hatte. Es geht mir darum, öffentlich zu
                    machen, was ich in den Laufhäusern des Frankfurter Bahnhofsviertels
                    gesehen habe und wie es mir dabei ging.

                    Wie gesagt, war ich im Alter von 19 und 20 Jahren selbst ein paar Mal
                    für ein paar Wochen oder Wochenenden dort und obwohl ich nicht
                    dauerhaft blieb, hat mich die Zeit dort sehr geprägt. Die Geschichte,
                    wie ich in eines der Frankfurter Laufhäuser kam, möchte ich hier
                    erzählen…

                    Als ich an einem sommerlichen Tag im Frühjahr 2014 in den
                    Taunusanlagen Gassi ging, lernte ich eine Frau kennen, die ich
                    ansprach, weil sie einen Hund derselben Rasse wie meinem hatte. Zum
                    damaligen Zeitpunkt arbeitete ich gerade in einer der Animierbars,
                    weil ich mich nicht mehr prostituieren wollte. Mein Chef gab mir das
                    Geld für die ersten zwei Monatsmieten für ein WG-Zimmer direkt im
                    Bahnhofsviertel, aber als diese vorbei waren, vergaß ich, die nächste
                    Miete pünktlich zu zahlen und so wurde am selben Tag noch mein Schloss
                    ausgetauscht und das Zimmer war weg. Um der Obdachlosigkeit zu
                    entgehen, nahm ich das Angebot von Melania (Name anonymisiert) an, mir
                    ein „gutes“ Zimmer im einzigen Laufhaus, bei dem die unterste
                    Preisgrenze 30€ statt 25€ betrug, zu organisieren. Sie stellte mir
                    ihren Freund vor, einen „Wirtschafter“ (so nennt man die, die im
                    Laufhaus im Büro sitzen und für die „Sicherheit“ der Frauen sorgen und
                    die Tagesmiete eintreiben) von den Hell’s Angels, der mir die
                    Formalitäten erklärte. „Wirtschafter schreibe ich deshalb in
                    Anführungszeichen, weil meiner Meinung nach Profiteure der
                    Prostitution anderer Zuhälter sind, aber weil das unser deutscher
                    Staat nicht so sieht, wahre ich den offiziellen Begriff.

                    Immer wieder nahm sie mich mit zu ihm, vermittelte mir das Gefühl, ab
                    jetzt „dazuzugehören“ und sicher zu sein. Wir tranken zusammen,
                    lachten zusammen und sie erklärte mir, wie man Freier „rippt“ oder
                    mehr Geld für weniger Service bekommt und solche Sachen.

                    Einiges verband uns, wir teilten die Erfahrungen sexueller Gewalt in
                    der Kindheit und kamen beide aus dysfunktionalen Familien. Ich fühlte
                    mich verstanden und das Eintauchen in die „Unterwelt“ faszinierte
                    mich. Die Einsamkeit in der ich lebte, weil Menschen mich immer nur
                    wegen meinem Geld oder meinem Körper benutzten, ließ mich auf eine
                    tiefe Freundschaft mit Melania hoffen.

                    Nach wenigen Tagen kam jedoch das böse Erwachen, als sie plötzlich zu
                    den 140€ Tagesmiete, die ich an das Laufhaus abzuführen hatte, noch
                    50€ für sich verlangte. Für den „Schutz“ und dass sie mir gewisse
                    Techniken, mehr Geld zu verdienen beibrachte. Das verweigerte ich und
                    ich ahnte, dass sie es dabei nicht belassen würde. Am nächsten Tag
                    rief sie mich über das Haustelefon zu sich ins Zimmer, weil sie einen
                    Freier für mich hatte. Er vollzog den Sex an mir und Melania schob das
                    Geld in ihre Schublade. Sie hatte einen Preis ausgemacht, der mir
                    selbst viel zu niedrig gewesen wäre und rückte das Geld später auch
                    nicht raus. Kurze Zeit später ließ sie mich von ihrem Freund
                    rauswerfen, weil ich weiterhin verweigerte, ihr das Geld zu geben und
                    den Kontakt nach dieser Aktion auch unterbrach. Der offizielle Grund
                    war, dass ich einem anderen Mädchen im Haus Koks angeboten habe, aber
                    eigentlich ging es darum, dass ich nicht bereit war, für sie
                    mitanzuschaffen.

                    Denn Koks nahm sie auch selbst und das war bekannt. Auch einige andere
                    Frauen koksten, aber ich lernte nur wenige kennen. Zum einen konnten
                    die meisten der Frauen kein Deutsch, zum anderen bewegte ich mich nur
                    mit Tunnelblick und Scheuklappen durch das Haus. Zwar hat mich die
                    Atmosphäre dort fasziniert, weil es so anders war wie beim Escort oder
                    den Internettermine mit Pädophilen, die meinen Einstieg in die
                    Prostitution bedeuteten. Jedoch war das Arbeitspensum so viel heftiger
                    als je zuvor und ich befand mich permanent in heftigster Dissoziation.
                    In meiner ersten Nacht arbeitete ich von 19-4 Uhr und verdiente dabei
                    2000€, das brachte mich dazu zu glauben, dass die Laufhausprostitution
                    sogar rentabler als der Escort sei, was ein Trugschluss war. Wenn man
                    bedenkt, dass der Standardpreis für 20 Minuten Sex und Oralverkehr bei
                    30€ lag und die Tagesmiete 140€ betrug, kann man sich ausrechnen, wie
                    oft man für das Haus Sex hatte, bevor man zu seinem „täglich Brot“
                    kam. Frauen mit guten Deutschkenntnissen können da tricksen und durch
                    unehrliche Methoden dafür sorgen, dass entweder mehr Geld oder weniger
                    Sex dabei rumkommt, aber diese Möglichkeit blieb den Frauen, die kein
                    Deutsch konnten, leider nicht. Gleichzeitig hieß es aber auch, mehr
                    männlicher Aggression ausgesetzt zu sein, wenn man „rippte“ und
                    Beschiss. Wie oft wurde ich vergewaltigt, trug blaue Flecken davon,
                    nur weil ich 5 Minuten zu früh gesagt habe, dass nachgezahlt werden
                    müsse. Oder wie oft hat man mich zu Praktiken gezwungen, die so nicht
                    abgemacht waren. Wie oft haben Freier mir ihren Penis so brutal
                    reingerammt, dass das Kondom riss und wie oft hatte ich ab gewissen
                    Zeitpunkten einfach stundenlange Blackouts, weil ich das was in der
                    Zeit passierte, einfach nicht verkraftete. Zum „Glück“ hatte ich einen
                    Freier, den ich vom Heroinkauf auf der Straße kannte, der mir dafür,
                    dass er sich bei mir vor der Polizei verstecken durfte, regelmäßig
                    genug Heroin gab, um all das Elend auszuhalten. So war es ein bisschen
                    leichter zu ertragen.


                    Jedoch waren nicht nur die Freier und meine Kollegin feindselig und
                    ausbeuterisch. Auch der Rest des Viertels bereicherte sich an uns
                    prostituierten Frauen. Mehrmals am Tag kamen Männer, die Zigaretten,
                    Kaugummis, Energy Drinks, Süßigkeiten, Essen, Kleidung, Dessous,
                    Cremes und Make Up und geklaute Waren verkauften, die uns natürlich
                    viel teurer angeboten wurden, als wenn wir sie selbst außer Haus
                    besorgt hätten. Aber die meisten Frauen lebten im Haus und gingen auch
                    nicht gerne raus.

                    Da man in der Prostitution völlig den Bezug zu Geld verliert, ist es
                    einem auch völlig egal, ob die Waren teurer sind oder nicht.
                    Hauptsache man muss nicht raus, um dort von potentiellen Freiern dann
                    „privat“ angequatscht, oder von den „Normalen“ der Straße als Hure
                    identifiziert zu werden. Das ist unangenehm. Vor allem ist die
                    Konfrontation mit der Realität unangenehm, außer man geht shoppen. Die
                    Realität könnte die Dissoziation auflösen, shoppen befördert einen in
                    einen anderen, angenehmeren Trancezustand und man hat das Gefühl, all
                    die Qual würde sich lohnen. Shopping war mir unglaublich wichtig, es
                    war mir wichtig, mir selbst zu beweisen, dass ich es zu etwas gebracht
                    habe. Dass ich trotz Drogensucht besser aussah und mir teurere Sachen
                    leisten konnte, als die meisten Menschen aus der Mittelschicht. Es war
                    mir wichtig, wenigstens an Sachwerten meinen Selbstwert messen zu
                    können. Wenn ich schon kein Recht auf Schutz und körperliche
                    Unversehrtheit besaß, wenn meine Würde schon so antastbar war, dass
                    sie keinen interessierte, weder den Staat, noch irgendeinen Freier,
                    der meinen Körper behandelte, als wäre er längst tot und auspresste,
                    was nur irgendwie möglich war, dann wollte ich mir wenigstens ein paar
                    Gegenstände kaufen, die wertvoll waren. All die Euros, die ich in den
                    Einkaufsstraßen und -centern ließ, gaben mir das Gefühl, etwas ganz
                    besonderes zu sein. Bei jedem Augenzwinkern oder Kompliment, das mir
                    jemand machte, dachte ich, dass dieser Mensch gerade nicht den
                    Schmutz, den Ekel und die Hure in mir sah, sondern schlicht und
                    einfach nur fand, dass ich gut aussah. Das Geld war ein Trost. Balsam
                    für meine geschundene Seele. Zwar war ich allein, aber das Geld gab
                    mir Wärme. Es ließ mich mich anderen überlegen fühlen, von denen ich
                    sonst das Gefühl hatte, dass sie auf mich herabblickten. Am Anfang
                    brachte mich zwar mein Trauma dazu mich zu prostituieren, aber
                    irgendwann war das Geld auch einfach identitätsstiftend für mich. Auch
                    wenn es Zeiten gab, in denen ich nicht viel von meinem Geld hatte,
                    weil ich den ein oder anderen Exfreund mitunterhielt oder meinen
                    Freunden Geschenke machte, weil ich mich so wertlos fühlte, dass ich
                    dachte, für Zuneigung bezahlen zu müssen.


                    Von meinen eigenen Erfahrungen im Laufhaus komme ich jetzt zu meinen
                    Begegnungen der ersten Juniwoche. Schon Montag und Dienstag ging ich
                    mit, um Flyer an die Frauen zu verteilen und ihnen von dem
                    Gratis-Wellness-Event zu erzählen. Die Gemeinde geht auch sonst
                    mehrmals im Monat im Viertel umher, um sowohl mit den Drogensüchtigen,
                    als auch mit den Prostituierten zu sprechen und Hilfe anzubieten, also
                    kannte man uns schon.

                    So kam es dazu, dass ich mit der Tochter der Pastorin zuallererst das
                    Laufhaus betrat, in dem ich selbst auch gearbeitet habe. Der
                    „Wirtschafter“ im Büro, den es auch damals vor 4-5 Jahren schon gab,
                    erkannte mich nicht, obwohl ich mit ihm sprach. Die Frauen waren eher
                    verschlossen, ein paar kannte ich noch von damals, sie mich aber nicht
                    mehr und ich unterließ auch, sie daran zu erinnern. Die meisten
                    wirkten irgendwie weggetreten. Sie lächelten müde und eingefroren,
                    ihre Gesichter glichen Masken. Als ich durch die Gänge lief, fühlte
                    ich mich, als klebten Bleisäcke an mir, so schwer und drückend war die
                    Atmosphäre. Teilweise sah ich in die Türen und auf die Betten und sah
                    da mich selbst, völlig dissoziiert. Heute denke ich, sobald man als
                    Prostituierte einen Puff betritt, tauscht man seine Persönlichkeit
                    ein. Man ist dann jemand anders, eine Hülle, ein Roboter, man
                    funktioniert auf Autopilot. Die Fassade ist immer anders, so dass sie
                    halbwegs authentisch wirkt, aber letztenendes ist alles irgendwie
                    unecht und man ist von sich selbst total entfremdet.

                    All diese Gefühle, die ich damals überhaupt nicht in der Lage war zu
                    empfinden, kamen mir auf einen Schlag entgegen.

                    Mich hat das so traurig gemacht, Frauen wie mich in diesem Zustand zu
                    sehen. Am schlimmsten war für mich ein Zimmer, in dem eine Frau lag,
                    die aussah wie 14 und mit halb offener Tür regungslos mit halboffenen
                    Augen auf dem Bett lag. Als wir sie ansprachen, winkte sie ab. Nach
                    Drogen sah sie eher nicht aus, wobei man das nicht wissen kann, denn
                    das tat ich damals auch nicht, aber ich vermute, dass sie entweder
                    völlig in ihrer Dissoziation gefangen war, oder dass sie einen
                    Zuhälter hat, der bewacht, ob sie ihre Türe auch immer offen hat, wenn
                    sie gerade keinen Freier bedient, und deshalb in einer Situtation, in
                    der sie eigentlich nicht arbeiten konnte, trotzdem die Tür offen ließ.
                    So am Rande habe ich sowas auch damals, als ich selbst dort gearbeitet
                    habe, mitbekommen, aber wenn man selbst im Milieu ist, hebt man die
                    Werte „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ sehr hoch. Die junge
                    Frau hat mich mit ihrem Anblick total erschreckt. Zum einen, weil ihr
                    Körper aussah, wie der einer 14-Jährigen und zum anderen, weil sie
                    dermaßen eindeutig und offensichtlich NICHT selbstbestimmt und frei
                    und glücklich war, dass ich mich wieder einmal frug, in was für einem
                    Land ich eigentlich lebe.

                    Wie kann es sein, dass nur 10m vom Eingang dieses Hauses das Büro von
                    Dona Carmen ist, welche da regelmäßig durch die Häuser patroullieren
                    und mit den Frauen spricht und dieser Verein trotz Begegnungen wie
                    diesen Menschenhandel, Zwangsprostitution und Armutsprostitution
                    verharmlosen und Prostitution als das Ausleben selbstbestimmter
                    Sexualität sehen? Wie ignorant kann man sein, dass man als Frau, die
                    noch nicht einmal selbst von der Prostitution betroffen ist, aber
                    dennoch regelmäßig solche Anblicke ertragen muss, das System
                    Prostitution verteidigt und fördert, dass Frauen darin einsteigen? Und
                    vor allem hat mich erschüttert, dass die Politik nichts tut. Gerne
                    würde ich eine Politikerin auf diese Aktionen mal mitnehmen, damit
                    diese sich ein Bild machen kann und endlich mal etwas bewegt im
                    Bundestag.

                    Dasselbe Mädchen haben wir am Freitag wiedergesehen, diesmal zwar
                    wach, aber wütend und sehr abwehrend. Sie sagte, dass sie nur mit
                    Kunden spreche, was auch wieder ganz typisch für Zwangsprostituierte
                    ist, weil deren Zuhälter ihnen jegliche Gespräche mit Menschen, die
                    sich für ihr Wohl interessieren, verbieten. Zum Einen muss die soziale
                    Isolation ja aufrechterhalten werden, zum Anderen darf keiner merken,
                    dass die Frau nicht freiwillig im Laufhaus ist.


                    Was mich als ich dann auch noch in den anderen Häusern war sehr
                    erschreckt hat, war dass die Häuser wohl nach Ethnien sortiert sind.
                    Manche sind halbwegs durchmischt, aber es gab zum Beispiel ein Haus,
                    in dem nur Lateinamerikanerinnen bis zu einem bestimmten alter waren.
                    Ein anderes war auch voll von Lateinamerikanerinnen, aber die meisten
                    waren schon etwas älter. Einige Häuser waren nur mit Rumäninnen oder
                    Bulgarinnen besetzt und in einem Haus waren zwei Stockwerke
                    thailändisch. Bilde ich mir das ein oder ist das nicht etwa total
                    rassistisch? Dem Kunden die Häuser nach „Rasse“ anzubieten und die
                    Frauen dementsprechend einzuordnen, halte ich für absolut
                    menschenverachtend. Unser Bildungswesen beinhaltet so viel
                    antirassistische Erziehung und in jeder Firma können rassistische
                    Kommentare zu einer sofortigen Entlassung führen, aber in der
                    Prostitution ist es vollkommen in Ordnung, dass spezielle Attribute
                    und spezieller Service einer Frau einer bestimmten Ethnie zugeordnet
                    werden. So gilt für die Thai-Frauen, dass sie Massagen anbieten, die
                    Latinas angeblich Analsex. Die Thaifrauen seien so klein und süß und
                    zierlich, die Latinas hätten so runde Hintern und seien
                    temperamentvoll. Dass so etwas unglaublich rassistisches in einem „Job
                    wie jedem anderen“ (Ironie off) erlaubt ist, macht mich einfach nur
                    sprachlos. Ein Freier kann sich eine Frau im Puff nach rassischen
                    Kriterien aussuchen, während derselbe eine Anzeige bekäme, wenn er
                    sich seine Putzfrau danach aussuchen würde. Angeblich sind beide
                    Dienstleisterinnen, warum also ist im Puff erlaubt, was eine Frau
                    außerhalb der Sexindustrie extremst diskriminiert? In den drei Tagen,
                    in denen ich die Treppen auf- und ablief, habe ich keine einzige
                    „Biodeutsche“ getroffen. Die meisten waren Migrantinnen und in jedem
                    Gespräch, das wir führten, wurde mindestens einmal erwähnt, dass die
                    ökonomische Situation die Frau dazu zwingt, sich zu prostituieren.
                    Allein das zeigt doch, dass da etwas nicht stimmt. Das zeigt doch,
                    dass Frauen eine Alternative ergreifen, sofern sie eine haben.
                    Deutsche Frauen verfügen nämlich von ihrer Kindheit an über die
                    notwendigen Sprachkenntnisse, die der Arbeitsmarkt erfordert und haben
                    auch eher ein bestehendes soziales Netz, das sie in einer prekären
                    Situation auffangen kann.

                    Manche Frauen fingen zu weinen an, viele hatten Kinder und wollten
                    sich ein neues Leben in der Heimat aufbauen. Dafür brauchten sie Geld.
                    Meistens waren die Kinder beim Vater, im Heim oder bei den eigenen
                    Eltern und sie mussten sowohl denjenigen Geld geben, die sich um die
                    Kinder kümmern, als auch die Tagesmiete bezahlen und oft auch noch für
                    den aktuellen „Freund“ aufkommen. Einige haben gesagt, dass sie
                    wirklich gern etwas anderes machen würden, aber es an mangelnden
                    Deutschkenntnissen oder fehlender Aufenthaltserlaubnis hapere.
                    Außerdem ist es für unausgebildete und oft auch mit mangelnden
                    Sprachkenntnissen ausgestattete Frauen schwierig, einen Beruf zu
                    finden, bei dem es möglich ist, für die finanziellen Notwendigkeiten ,
                    die anfallen, aufzukommen. Wir haben mit einer Frau gesprochen, die
                    weit über 60 war und sich beklagte, dass sie seit 20 Jahren in
                    Deutschland lebe, aber keinen Job finde und sich deshalb prostituieren
                    müsse, obwohl sie gesundheitlich völlig am Ende sei und eigentlich
                    überhaupt nicht mehr in der Lage überhaupt zu arbeiten.

                    All die weinenden Frauen und all die Geschichten dazu haben mich
                    unglaublich traurig gemacht und an unserem Rechtsstaat zweifeln
                    lassen. Nicht dass ich an diesem nicht auch schon vorher gezweifelt
                    hätte, aber die Verelendung nochmal so deutlich zu sehen, hat mich
                    extrem mitgenommen.


                    Mir ist außerdem aufgefallen, dass einige der Stockwerke geschlossen
                    wurden. Viele Häuser haben eigentlich fünf oder sechs Stockwerke, aber
                    in einigen waren ein oder zwei Stockwerke abgesperrt. Natürlich habe
                    ich mich gefragt, weshalb das so ist. Zuerst kam mir der Gedanke, dass
                    sich die Anmeldepflicht des ProstSchG bemerkbar machen könnte, wobei
                    ich jedoch nicht weiß, inwieweit die Häuser im Bahnhofsviertel
                    kontrollieren, ob eine Frau einen „Hurenpass“ besitzt, oder nicht.

                    Außerdem habe ich mich an Gespräche mit „Wirtschaftern“ erinnert, die
                    sagen, dass sich die Prostitution einfach nur verlagert habe. Da es im
                    Bahnhofsviertel massive Straßenkriminalität gibt, fühlen sich solvente
                    Freier dort nicht mehr sicher und weichen lieber auf FKK Clubs aus.
                    Somit seien die Freier der Laufhäuser des Bahnhofsviertels
                    hauptsächlich Perverse aller Nationen, die Fetische ausleben wollen,
                    die ihnen woanders keine Dame erfülle.

                    Taxifahrer würden dazu angehalten Messegästen einen Besuch im FKK Club
                    zu raten, statt sie ins Bahnhofsviertel zu bringen. Auch Freier in
                    Freierforen schreiben negativ über das Bahnhofsviertel, weil es
                    unsicher sei und erwähnen häufig, dass sie lieber
                    „Ausweichmöglichkeiten“ nutzen.

                    Das Ausbleiben solventer Freier führt eine Verschärfung der prekären
                    Situation der Prostituierten herbei. Es kommt zur Verschuldung mit der
                    Zimmermiete, die schließlich 140-150€ pro Tag beträgt und deshalb
                    müssen Frauen dann Freier annehmen, vor denen sie Angst haben oder
                    sich ekeln, sie müssen Praktiken ausüben, die ihre persönlichen
                    Grenzen deutlich überschreiten und gehen auf Angebote unterhalb der
                    untersten Preisgrenze ein, häufig auch ungeschützt. So hat mir meine
                    ehemalige Kollegin zum Beispiel erzählt, so verschuldet gewesen zu
                    sein, dass sie von einem Freier das Angebot annahm, 500€ zu erhalten,
                    wenn sie sich von ihrer Hündin vor seinen Augen lecken ließe. Mir
                    blutete mein Herz, zumal ich selbst Hundebesitzerin bin.

                    Ich denke, dass es sich auch einfach nicht mehr so für die Frauen
                    lohnt, im Bahnhofsviertel zu arbeiten. Da das Finanzamt den Frauen mit
                    der Anmeldepflicht nun Daumenschrauben angelegt hat, die das
                    „Geschäft“ nun noch weniger rentabel machen, kann ich mir vorstellen,
                    dass Frauen sich in illegale Wohnungsbordelle zurückziehen, weil sie
                    hoffen, dort durch eine geringere Tagesmiete und fehlendes Zahlen von
                    Steuern, mehr zu verdienen.


                    All dies spukt in meinem Kopf umher, seit ich an Code Red teilgenommen habe.

                    Ich fühle mich hilflos und machtlos, weil ich in einem Staat lebe, der
                    an Frauen verdient, die täglich misshandelt werden und sich vehement
                    weigert, diesen Frauen zu helfen.

                    Ich bin unglaublich wütend, dass es Menschen gibt, die dieses System
                    unterstützen. Freier, die Frauen regelmäßig VERGEWALTIGEN und denken,
                    wenn sie ihr 25€ geben, sei es einfach getan. Die denken, 25€ machen
                    Frauen zu wolllüstigen Nymphen, die nichts besseres zu tun haben, als
                    jeden Tag im Puff zu liegen, um einen Orgasmus nach dem anderen
                    beschert zu bekommen.

                    Mitschuld an dieser Illusion haben Pornos und die Medien, die bei
                    Fragen zur Prostitution immer die Falschen befragen. Nämlich die, die
                    davon profitieren, wenn Männer in dieser Blase leben. Zuhälter und
                    Meinungsmacher, die den Menschen erzählen, was sie hören wollen, damit
                    diese ihre Geldgier befriedigen, indem sie arme und traumatisierte
                    Frauen widerstandslos an sie ausliefern.

                    Es macht mich traurig, nicht helfen zu können und ich appelliere an
                    die Bevölkerung und an jeden einzelnen Politiker, sich mit dem Leid
                    der Frauen zu beschäftigen und endlich etwas zu tun.

                    Die linken Parteien, die angeblich so sehr gegen Armut und Rassismus
                    kämpfen, lassen Frauen, die von Armut und Rassismus betroffen sind,
                    völlig im Stich.

                    Die Konservativen, die so gerne regulieren und versuchen, mit allen
                    Mitteln gegen Verbrechen zu kämpfen, regulieren höchstens den
                    Geldhahn, als welcher die Frauen für sie fungieren und drehen ihn
                    weiter auf.

                    Menschenrechte sind in Deutschland wohl leider immernoch nur Männerrechte.

                    Na Danke…

                    (c) Sophie

                    Amnesty und die Prostitution

                    • Flag
                    • Flag

                    Gestern fand eine Veranstaltung im Leipziger Museum der Bildenden Künste statt, bei der wir Frauen vom Netzwerk Ella über Prostitution gesprochen haben. Dagegen wurde bereits im Vorfeld protestiert.


                    Weil es anscheinend UNMÖGLICH und UNERTRÄGLICH ist, wenn prostituierte Frauen über Prostitution reden. Geht ja wirklich gar nicht!

                    Eine Gruppe, die bei den Protestierenden (Berufsverband erotische und sexueller Dienstleistungen usw) dabei war, war AMNESTY.

                    Amnesty möchte anscheinend nicht, dass Betroffene sprechen.

                    Das wundert uns nicht, hat Amnesty uns Frauen in der Prostitution doch schon vor Jahren unter den Bus geworfen, als sie forderten, „Sexarbeit“ komplett zu entkriminalisieren und damit EXPLIZIT AUCH FREIERTUM, MENSCHENHANDEL UND ZUHÄLTEREI MEINTEN.

                    Begründet haben sie das damit, dass jeder Mensch ein Recht auf Sex hätte und dass es DISKRIMINIERUNG wäre, Männern zu verbieten, sich diesen zu kaufen.

                    Für uns hingegen ist klar: es gibt ein Recht auf die eigene Sexualität, aber es gibt kein Recht, jemanden dafür zur Verfügung gestellt zu bekommen.

                    Und: wer dafür ist, dass Freier, Zuhälter und Menschenhändler straffrei bleiben, der ist nicht FÜR uns Prostituierte, sondern GEGEN UNS.

                    Auch die Wortmeldungen heute sehen wir kritisch. So wurde uns heute von einer „Forscherin“ attestiert, wir seien „viel zu enotional“. Unterton: „Ihr seid ja voll die Opfer, ihr könnt nur rumheulen, aber ich, ich kann ja denken.“

                    Überraschung! Wir können das auch! (Und einige von uns sind übrigens auch selber Forscherinnen.) Der Vorwurf, Frauen seien zu „emotional“, ist altbekannt patriarchal. Ihr beschwert euch, wir würden hier „auf Opfer machen“, aber ihr seid es, die uns reduzieren auf unsere Opfergeschichte, ihr seid es, die damit sagen, wir seien ja nur Nutten, unfähig, zu denken oder eine politische Analyse zu betreiben. Das ist frauenverachtend ohne Ende, wundert uns aber nicht.

                    Zum Schluss natürlich noch der Vorwurf, wir seien Rassistinnen, weil wir angesprochen haben, unter welchen BEDINGUNGEN Frauen aus den ärmsten Ländern Europas hier anschaffen müssen.

                    Die ZUSTÄNDE sind rassistisch, und wir kritisieren sie – von euch dazu kein Ton. Nur das AUSSPRECHEN der Kritik stört euch. Was hier in Deutschland stattfindet, ist übelster Kolonialismus. Südosteuropäische Frauen dürfen unseren Männern hier die Schwänze lutschen, um zu überleben. Von euch dazu KEIN TON. Aber diesen Missstand zu benennen ist dann rassistisch? Kommt mal wieder klar!

                    Wir wundern uns nicht über euch. Aber wir wundern uns, dass ihr euch immer noch Menschenrechtsorganisation nennt. Seid doch wenigstens ehrlich und bezeichnet euch künftig als FREIERUNDZUHÄLTERRECHTSORGANISATION.

                    Ihr habt hier dagegen protestiert, dass Prostituierte über Prostitution sprechen. Amnesty hat für uns jede Glaubwürdigkeit verloren.

                    Fick Dich, Amnesty!

                    (Huschke)