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Die arme und die nicht arme Prostituierte

    Autorin: Edda //

    Oder: Die Zwangsprostituierte und die “freiwillige” Prostituierte

    Oder: What the fuck

    Zwei Dinge kamen in Diskussionen um Prostitution neuerdings immer wieder auf.

    1. Es gehe nicht um die “weiße, freiwillige deutsche Prostituierte, die sich nebenbei ein Taschengeld verdient”, sondern um Zwangsprostituierte und Frauen, die sich aus Notlagen heraus prostituieren.
    2. Die Forderung, bis wir das Nordische Modell durchgesetzt hätten, müssten wir auf die straffe Umsetzung des ProstSchG pochen, denn dies sei wenigstens etwas und besser als nichts.

    Dazu habe ich als ehemals prostituierte Frau Folgendes zu sagen:

    Ich möchte Prostitution abschaffen.

    Und will sie keiner einzigen Frau zumuten. Ich wiederhole: keiner.

    Auch nicht der “Freiwilligen” oder der, die sagt, sie habe ein Recht dazu, sie wolle das so, auch nicht der weißen deutschen Studentin, die sich damit ihr Studium finanziert. Weil es keinen Unterschied macht.

    „Ja, aber die weiße deutsche “freiwillige” Prostituierte …“

    Ja, was aber?

    Selbstverständlich respektiere ich die Frau, die das sagt und ihre “Entscheidung”. Aber ich spiele das damit verbundene Leid nicht herunter – auch wenn sie es gegenwärtig noch anders sieht. Ich weiß um die Umstände, die so eine „Entscheidung“ bedingen, es könnte sich – by the way – um Zwang handeln – ich sag’s ja nur.

    Fangen wir ernsthaft diese Diskussion (wieder) an? Auszuklamüsieren, was nun Zwang ist und was nicht?

    Wann habe ich angefangen zu pennen, um nicht mitzukriegen, dass wir uns ob der Basics immer noch nicht klar respektive einig sind?

    So zu tun, als leite sich aus Parametern wie weiß, Sprachkenntnisse, deutsche Staatsangehörigkeit die Legitimation einer Zweispaltung ab, nämlich in arme ausgebeutete Zwangs-Prostituierte vs. „gut situierte“ (oder wie auch immer andere) Prostituierte, ist naiv, zynisch und entbehrt jeder feministischen und wissenschaftlichen Grundlage. Sie lässt Faktoren außen vor, die maßgeblich mitbedingen, ob wir prostituiert werden.

    Wissen wir eigentlich auch schon längst – dachte ich.

    Prostitution ist etwas, was keiner Frau zugemutet werden darf.

    Sie muss weg.

    Es gibt objektive Kriterien, die definieren, was sexuelle Ausbeutung ist. Prostitution ist sexuelle Ausbeutung. Durch eine Umdefinition, die im Grunde das Ende des Herunterbrechens auf die subjektive Ebene ist, nämlich: ich fühle mich nicht ausgebeutet (ich finde es empowernd, ich mache das gerne, etc.), wird die Ausbeutung nicht weniger Ausbeutung. Durch die Spaltung von außen in die, die zwangsprostituiert wird und die, die es „freiwillig tut“, wird die Ausbeutung auch nicht weniger Ausbeutung. So oder so: die Folgen für die Frau und nicht zuletzt für die Gesellschaft bleiben gravierend, ja katastrophal.

    Prostitution schadet. Prostitution tötet. Prostitution macht den Körper und die Seele kaputt. Oft ein Leben lang.

    Diese Dichotomie ist gewaltvoll, denn sie impliziert, dass es eben ein Teil Frauen gibt, denen das zugemutet werden darf. Ergo: auch euch, dir, der (weißen) deutschen Frau neben dir, deiner weißen deutschen Mitaktivistin, die noch studiert und super toll Deutsch spricht und/oder sich mit dem „Spaßfaktor“, sich ficken zu lassen, ihr Essen und ein Bett zum Schlafen finanziert – mit rauschenden Nebeneinkünften (ernsthaft?) – euch, dir, ihr, uns darf das zugemutet werden. Oder durfte uns zugemutet werden oder darf uns gegenwärtig zugemutet werden. Oder woher wisst ihr, dass die Frau neben euch nicht auch prostituiert wurde/wird. Ist euch das eigentlich klar?

    Natürlich ist es wichtig, die Faktoren zu benennen, die Frauen mehrheitlich in die Prostitution bringen. Natürlich ist es wichtig der Tatsache ins Auge zu sehen, welche Frauen mehrheitlich in der Prostitution sind. Das machen wir aber auch schon seit gefühlt hundert Jahren (Prostitution: Mehrfachunterdrückung par excellence) und das hat, zumindest in „unseren Reihen“ niemand negiert. Es wäre nahezu bescheuert und grenzenlos ignorant, das zu tun.

    Aber heißt eben nicht ohne Grund Mehrfachdiskriminierung.

    Prostitutionsüberlebende und PsychotraumatologInnen schreiben sich dazu die Finger wund, aber was hat es gebracht?

    Zwei Freundinnen von mir haben vor knapp 14 Jahren Suizid begangen, beide waren in ihrer Kindheit/Jugend unermesslicher sexueller, körperlicher und anderweitiger sadistischer Gewalt ausgesetzt, beide hatten eine komplexe PTBS, die eine in der Ausprägung einer Borderline-Störung, die andere in der Ausprägung einer DIS. Die eine kam aus „gut-bürgerlichen“ Verhältnissen, die andere aus der Armutsklasse. Was sie sich teilten, war ihr Geschlecht und ihre verinnerlichten Gewaltdynamiken, über deren Reinszenierung in der Prostitution sie sich u. a. die Kontrolle zurück versprachen. Eine andere junge Frau, der oberen Mittelklasse entstammend, Vater CDU-Politiker, schwere neurologische Behinderung (der Vater hatte sie an die Wand geworfen), war, nachdem sie von zu Hause weggelaufen war, einfach durch das soziale Netz gefallen. Was lag da näher, als sich zu prostituieren? Alle 3 weiß, deutsche Muttersprachlerinnen, zwei mit hohem Bildungsabschluss, eine Medizinstudentin.

    10 Jahre später erst sollte ich begreifen, was das eigentlich bedeutete, was sie – mir – gesagt/gezeigt hatten – auch für mich. Es ist nicht schön, das zu erkennen – es ist der Horror.

    Ihr alle solltet das tun: Begreifen, dass diese Geschichten euch alle betreffen, ob ihr wollt oder nicht, und diese Geschichten zur Gewaltseite der Prostitution dazugehören. Unausweichlich.

    Was soll ich jetzt also damit anfangen, dass in epischer Breite erklärt wird, wo die ach so fetten Unterschiede zwischen diesen zwei Schubladen sind, in die man prostituierte Frauen auf Teufel komm raus reinstecken will?

    Eine Sache habe ich genannt, ich (als weiße deutsche Frau, die fließend Deutsch spricht) darf dem Prostitutionsmarkt zum Fraß vorgeworfen werden. Der Ausstieg? Naja, schon auch so‘n bisschen schwer, aber diese unfassbaren Möglichkeiten!!

    Grandiose Aussichten – so ‘ne Schwanzlutscherei gegen Geld. So als Privilegierte, mit Zugang zum Sozialsystem… ist das so, ja? Betrachten wir HartzIV jetzt als “soziale Hängematte”? Obwohl HartzIV für viele Frauen bedeutet, in die Prostitution einsteigen zu müssen, um halbwegs zurechtzukommen? Wo bitteschön ist der Anspruch auf Bafög lebensunterhaltssichernd, wenn einem das soziale Netz fehlt und man keinen Menschen hat, der einen unterstützt, vielleicht auch nicht fähig ist, nebenbei zu arbeiten oder noch ehr zu arbeiten? Was sagt das denn aus, ob eine Frau hierzulande Anspruch auf HartzIV, Bafög, Rente oder sonstwas hat? Reicht das zum leben? Wird es auch ordentlich durchgesetzt? Was sagt das überhaupt aus, Anspruch zu haben? Wann werden wir begreifen, dass ein Anspruch auf dem Papier oft eben auch nur auf dem Papier bleibt und dass viele “Hilfeleistungen” in Wirklichkeit Regelung GEGEN Bedürftige sind?

    Können wir mal wieder über die Klasse Frau sprechen?

    Das zweite ist eine Schlussfolgerung, die ich schon sehr sehr lange mit mir herumtrage und Mira hat darüber auch schon einmal geschrieben. Ich nehme an, es liegt an der mangelnden Selbstreflexion, dass es jede von uns treffen könnte oder jede von uns hätte treffen können. Mit der ganz bestimmten Konstellation hätten wir alle, du, sie neben dir, deine Mitaktivistin, deine Freundin, deine Mutter, deine Tochter auch gegen Geld Schwänze lutschen müssen. Aber mir scheint, dass das einigen so dermaßen fremd und fern erscheint. Ich lese das zwischen den Zeilen, immer dann, wenn dieses _ihr_ und _wir_ so überproportional betont wird. Ihr da, ihr Anderen aus der Sphäre der Gesellschaft, die wir nie betreten würden, die es nicht auf die Kette gekriegt haben, was _mir_ ja niemals passieren könnte. Also _mir_ könnte sowas nie passieren.

    Ich sehe dich zwar, aber zwischen uns ist eine Wand, die unsere Leben fein säuberlich voneinander trennt.

    Eher mache ich sonst was, als meine Würde zu verkaufen – wurde auch schon so gesagt.

    Irgendwas stimmt hier nicht, Leute.

    Oder sagt ihr im allgemeinen Kontext sexueller Gewalt, „sie hat es so gewollt“? Na, dann … so als Feministin.

    Eines ist mir einmal mehr klar geworden: Wir sind am Anfang. Und damit meine ich gar nicht die Bewegung allgemein und das, was sich in den letzten 4 Jahren getan hat – es hat sich eine Menge getan. Ich meine, wir oder eher einige stehen am Anfang von dem, was es heißt zu begreifen, eine Schwester zu sein. Die Empathie für einander aufzubringen. Die Empathie für diese „Anderen“ aufzubringen oder für die, bei der wir kein großartiges Problem sehen – wenn sie sich beispielsweise prostituiert.

    Über Consciousness Raising ist Gras gewachsen.

    Und was das Prostituierten”schutz”gesetz angeht: Habt ihr da wirklich irgendwelche nennenswerten – echten – Änderungen kommen sehen? Die real etwas verändern an dem Status Quo dieses unfassbaren Leidens? Nicht, dass ich das nicht verstehen würde, ich habe das oft auch gedacht, gehofft, gehofft, gehofft, erst das und dann machen wir das große Ganze. Es ist ein riesengroßer Irrtum.

    Ich werde nicht an einem durch und durch kranken Regulationsapparat rumfeilen, Forderungen an ihn stellen, denn es gibt Unterdrückungsverhältnisse, die lassen sich nicht besser oder erträglich machen oder bisschen weniger schlimm, dass man sich eben wenigstens einrichten kann – das geht nicht, mit nichts auf der Welt – Prostitution ist so ein Verhältnis. Das Prostitutionsgesetz als neuer Hoffnungsanker im Abolitionismus – es schmerzt mich, wo wir hingekommen sind bzw. zu erkennen, wo wir stehengeblieben sind – und ich es nicht mal bemerkt habe.

    Prostitution muss weg. An der Nachfrage muss angesetzt werden, die Freier gehören bestraft und geächtet, die prostituierten Frauen entkriminalisiert und nach allen Kräften unterstützt … großflächige Anti-Sexismus-Kampagnen müssen her. Und so weiter. Das Maßnahmenpaket nennt sich das Schwedische (oder auch Nordische) Modell.

    Das brauchen wir.

    Alles andere ist fadenscheinige Makulatur, und diesen Weg, den geht ihr ohne mich.

    Weil ich weiß, dass er abgrundtief falsch ist.

    Und jede Frau in der Prostitution eine zuviel ist.

     

    (c) Edda, Aussteigerin, Aktivistin

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