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Was wir von unseren Verbündeten erwarten

ein gemeinsames Statement von Ella, der Aktionsgruppe für Frauen aus der Prostitution

Leider sind auch unsere Verbündeten, also Menschen, die sich für uns Prostituierte engagieren und sich gegen Prostitution aussprechen, nicht immer frei davon, uns unabsichtlich zu verletzen.

Wir wünschen uns…

* dass die Tatsache, dass wir uns aufmachen und von unseren seelischen und emotionalen Verletzungen oder von unserer Posttraumatischen Belastungsstörung erzählen, nicht dazu führt, dass wir nicht mehr ernstgenommen werden oder dass wir Sprüche kriegen wie “mach erstmal eine Therapie” oder „das ist deine gestörte Wahrnehmung, das bildest du dir ein“.
Dass jenes, was wir über unsere seelischen Wunden sagen, gegen uns verwendet wird, sobald wir etwas sagen, dass anderen nicht passt, ist ganz schlechter Stil.
Nur mal nebenbei: jede Frau hat im Patriarchat so ihre Traumata erlitten. Das macht sie nicht unzurechnungsfähig.

* dass wir nicht als “emotional labil” bezeichnet werden, wenn wir sagen, unter welchen Bedingungen wir wieder einsteigen würden bzw. wenn wir uns mit diesem Gedanken tragen.
Hört lieber zu, wenn wir von den Gründen berichten, die uns in die Prostitution (wieder-)einsteigen lassen würden – denn damit zeigt sich doch, was gebraucht wird, um die Prostitution abzuschaffen!
Wir wollen nicht beäugt werden wie ein Sonderling; dass man nicht als “Das Opfer“ gilt, und auf einmal alle betroffen gucken und schweigen, wenn man vom Job erzählt.
Wir sind Opfer, aber wir sind auch Frauen die sich aus Gründen für Prostitution entschieden haben. Aber wir können klar denken, wir haben Ziele und übernehmen Verantwortung wie jede andere auch. Auch und vor allem wenn wir Familie haben, die wir durchbringen müssen.
Wir möchten nicht, dass wir in absoluter Armut versacken und unsere Kinder keine Winterschuhe haben können. Nein, wir möchten, dass es uns finanziell ok geht und oftmals ist Prostitution auch für Mütter der einzige Weg!
Weil sie sonst zu wenig verdienen oder die Arbeitszeit niemals zu den Kitazeiten passen würde.
Oder weil wir Schulden von Männern gutgläubig übernommen hatten, bevor sie uns verließen und nun keiner hilft, das Problem zu lösen.
Alleine das ist förderlich für Prostitution. Das sollten unsere Verbündeten mit aufgreifen.
Wir versuchen zu überleben.

Wir haben lange gekämpft, um zu überleben.
Gekämpft, um Therapien zu bekommen und Anerkennung als Opfer.
Gekämpft, um uns aus der Prostitution alleine zu befreien, weil keiner da war der half.
So sind wir zwar traumatisiert und Gewaltopfer – haben jedoch gerade hierdurch großes Wissen, Erfahrungen und Ressourcen, welche ernst zu nehmen sind und Respekt verdienen auch von jenen, welche lieber weg sehen.
Es wird uns nicht gerecht, nur mal so nebenbei angehört und doch nicht ernst genommen zu werden.

* dass aufhört, dass wir nur ernstgenommen werden (und benutzt und vorgezeigt), wenn wir sagen was von uns erwartet wird (“es war immer alles schrecklich / ich würde es nie wieder tun” etc.). Es sollte nicht, wie es jetzt manchmal ist, darum gehen, dass wir sagen sollen was andere hören wollen – ansonsten werden wir nicht ernstgenommen oder sind “der Feind”.
Es geht darum, uns zuzuhören. Das ist auch eine Frage von Respekt.  Wir sind nicht dafür da, zu sagen was andere hören wollen bzw. als Beweis dafür benutzt zu werden, wie schrecklich Prostitution ist, während wir zeitgleich mundtot gemacht werden, wenn wir Dinge sagen, die vielen nicht passen: z.B. dass Prostitution zwar die einzige, aber eben eine Option ist, die man uns nicht wegnehmen sollte ohne Alternativen anzubieten
/ z.B. dass wir unter bestimmten Umständen auch wieder einsteigen würden
/ z.B. dass es in der Prostitution eben AUCH gute Dinge gab, wie das Schnattern mit Kolleginnen im Puff, das Geld, das Doppelleben
– auch wenn die schlechten Seiten natürlich eindeutig überwogen haben.
Es wäre schön, wenn jenes, was wir Frauen uns im Aufenthaltsraum eines Bordells erzählen, auch in der Öffentlichkeit gesagt werden könnte und dürfte!
Denn dort ist sichtbar, warum die Frauen eben tun, was sie tun.

* dass wir nicht gespalten werden in freiwillige und unfreiwillige Prostituierte,
in Vollzeitprostituierte und Hobbyhure,
in deutsche und ausländische Prostituierte
– dass wir nicht Sachen wie “Du als Deutsche / Studentin / kluge Frau hättest doch Alternativen gehabt”
oder „mit deutschen Frauen habe ich kein Mitleid, die können doch HartzIV beantragen“
oder das abgelutschte Klischee der sich ein Taschengeld verdienenden Studentin an den Kopf geknallt kriegen.
Denn niemand kann in uns reinschauen, und wir schulden es auch keinem, andere in uns reinschauen zu lassen – die Gründe für Prostitution sind bekannt: Armut, Gewaltvorerfahrung, dritte Personen die beim Einstieg helfen.
Die Spaltung in “arme, gezwungene ausländische Prostituierte” und “freiwillige, selbstständige deutsche Prostituierte” muss aufhören, denn sie entspricht nicht der Realität, beleidigt uns und ist ein impliziter Vorwurf, sowie ein “selber schuld”.

* dass nicht auf uns herabgeschaut wird á la “Du hast es aus Armut getan, ICH würde ja lieber hungern als die Beine gegen Geld breitzumachen” – Prostituierte als moralisch minderwertig zu sehen ist ekelhaft.
Wenn Du Dich nie prostituieren musstest, freu Dich halt drüber.

* dass mit Prostituierten, die eine andere politische Meinung haben als wir (nämlich z.B. dass Prostitution nicht schlimm sei und legalisiert gehöre) diskutiert wird, aber sachlich und argumentativ und OHNE dass ihnen ihre Prostitution vorgeworfen wird als “sie machen es ja gerne”, als “freiwillig”, sind quasi Täterinnen weil Schuld daran, dass die Gesellschaft Prostitution verharmlost) usw.
Frauen in der Prostitution sind vulnerabel und haben oft wenig Handlungsmöglichkeiten.
Es muss klar sein, dass daran, dass es Prostitution gibt, nicht die Frauen schuld sind, die sie ausüben, sondern jene, die sich ohne Not entscheiden, diese Lage auszunutzen.
KEINE Frau gehört für ihre Prostitution beschämt.
KEINE Frau gehört beschuldigt.
Ihr könnt alle nicht ins uns reinschauen, und wir schulden euch keine Erklärung für unsere Prostitution, also haltet euch mit Urteilen besser zurück. Davon mal abgesehen: gerade aktive Prostituierte können sich gar nicht leisten, (öffentlich) zu sagen, dass sie es nicht gerne machen!

* und dass aufgehört wird zu sagen, es ginge doch nicht um die „freiwilligen Sexarbeiterinnen“ in der Debatte, sondern um die „armen ausländischen Zwangsprostituierten“
– denn es geht um uns ALLE in der Prostitution.

* dass wir nicht auf unsere Prostitution beschränkt werden.
Es ist wirklich die Pest, als “die Prostituierte” auf Veranstaltungen angekündigt zu werden, die mal kurz ihre Opfergeschichte erzählen darf und nach uns diskutieren dann “die ExpertInnen”, als PsychologInnen, SozialarbeiterInnen etc. über die “wirklich wichtigen Fragen und die Fakten”.
Wir sind kein schmückendes Beiwerk.
Wir sind auch Expertinnen!
Und den Unterton von “du als Prostituierte kannst das ja alles gar nicht durchblicken oder abstrahieren oder durchdenken, du bist halt bloß ´ne dumme Hure” abzukriegen, zeigt halt auch, dass manche ProstitutionsgegnerIn nochmal reflektieren sollte.
Wir können sehr wohl auch denken, wir sind sehr wohl auch politisch, wir haben nicht selten auch studiert.
Kein Grund also, sich cleverer vorzukommen als wir.
Davon mal abgesehen: wir sind hier auch nicht im Zirkus, wo Vorführungen mit ach so aufregenden Skandalen für die bürgerlichen Damen und Herren, die sich mal ein bisschen gruseln wollen, stattfinden, die mal in den Abgrund schauen wollen und nachher wieder ins Alles-wie-immer-Heim zurückkehren.
Solidarische Verbündete sehen uns auf Augenhöhe!

* dass uns unsere Zeit in der Prostitution nicht vorgeworfen wird. Sprüche wie
“Guck dich doch mal an!!!”
“Du siehst doch gut aus!!!”
“Du kannst doch Deutsch!!! – Für dich gibt es IMMER Alternativen!!!”
“So schlimm kann das doch nicht gewesen sein!!! – sonst hättest Du das gar nicht so lange gemacht / überlebt / ausgehalten”
“Du hättest dich doch wehren können!!!”
“Du hättest doch schon viel früher Hilfe suchen können!!!”
“Streng dich doch einfach mal ein bißchen an!!”
“Warum hast Du nicht einfach eine g´scheite Ausbildung gemacht?!”
sind null hilfreich und ändern nichts.
Wir sind nicht bescheuert, wir brauchen keine Belehrungen von Leuten die denken sie seien die ExpertInnen über UNSER Leben.
Wir haben in jedem Moment unseres Lebens das Beste gegeben und getan, innerhalb der Möglichkeiten, die uns zur Verfügung standen. Wenn das Ergebnis nur Prostitution war, sagt das mehr über unsere Lebensumstände und Optionen aus; über das Wegsehen anderer
– als über uns als Person.

* dass unsere Grenzen akzeptiert werden.
Wir erwarten von unseren Verbündeten, dass sie uns nicht unter Druck setzen, um uns im politischen Kampf zu verheizen. Wir erwarten, dass unsere Grenzen akzeptiert werden, dass wir nicht bloßgestellt und bewusst Risiken wie einem Outing ausgesetzt werden, dass wir nicht gedrängt werden, etwas zu tun, was wir (noch) nicht wollen.

* dass wir nicht darüber belehrt werden, wie unsere Prostitution denn so war, was wir für Erfahrungen gemacht und wie wir sie einzuordnen haben.
Ihr könnt nicht mit unseren Augen sehen und unsere Seelen fühlen. Ward ihr dabei?

Wir kennen viele Verbündete, Frauen und Männer, die uns auf Augenhöhe sehen, uns akzeptieren, unsere Grenzen respektieren, uns zuhören und mit uns gemeinsam für Prostituierte und gegen das System Prostitution  kämpfen.
Wir wünschen uns mehr davon! <3

Eure Ellas

1 Kommentare

  1. Maria sagt

    Liebe Frauen,
    ich zähle mich zu euren Verbündeten.
    Natürlich möchte ich euch möglichst auf Augenhöhe begegnen und lerne gerne dazu. Insofern ist dieser Text sehr hilfreich!
    Die Schwierigkeit, respektvoll von Menschen in der Prostitution zu sprechen, liegt schon im Begriff “Prostituierte”.
    Ich vermeide ihn nach Möglichkeit, denn keine Frau ist ausschließlich das, was dieses Wort meint. Sie ist eine Frau mit allen Facetten ihres Lebens, wie jede andere Frau – mich eingeschlossen – auch.
    Daher finde ich den Begriff “Prostituierte” zu eingrenzend.
    Statt dessen schreibe und spreche ich von “Menschen/Frauen in der Prostitution, prostituierten Frauen/Menschen”.
    Auch umgehe ich möglichst Begriffe wie Sexdienstleistende, Sexarbeiterin und ähnliches. Darin schwingen mir persönlich zuviele Verharmlosungen und gleichzeitig einengende Zuschreibungen mit.
    Allerdings fällt mir auf, dass ihr selber schreibt:
    “Engagement für PROSTITUIERTE – aber gegen das System Prostitution”.
    Hier verwendet ihr genau das Label, was ihr nicht ausschließlich verkörpern möchtet.
    Mein Tipp:
    “Engagement für Frauen in der Prostitution – aber gegen das System Prostitution”
    So versuche ich jedenfalls zu schreiben und zu sprechen.
    Für mein Empfinden enthält diese Bezeichnung weder Herablassung noch irgendeine Zuschreibung.
    Ich bin gerne bereit, eure Begründung für die Verwendung des Wortes “Prostitutierte” zu erfahren, also teilt sie mir gerne mit.
    Viele Grüße

    Maria

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