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Die Basics, Teil 7

    Gute versus Schlechte Prostitution

    Oft wird so getan, als gäbe es eine gute und eine schlechte Prostitution: „Schlecht“ meint Zwangsprostitution, Gewalt und Alternativlosigkeit. „Gut“ dagegen zeichnet das Bild einer unabhängigen, emanzipierten und freiwilligen Prostituierten, die alles unter Kontrolle hat, vor allem ihre Freier. Alles dazwischen könne durch bessere Rahmenbedingungen gemanagt werden, ein „Job wie jeder andere“ eben. Und zweifellos sei sexuelle Selbstbestimmung auch dann möglich, wenn die eigene Existenzgrundlage von der Lusterfüllung der Kundschaft abhängt.

    Die Art, wie die Debatte geführt wird, basiert aber nicht nur auf dieser lebensfremden Hypothese. Nehmen wir einfach mal an, es gäbe tatsächlich eine „gute“ Prostitution. Ähnlich, wie es gewisse erotische Vorlieben gibt, die Erwachsene einvernehmlich ausleben können. Ein Gedankenspiel:

    Es ist Sonntag Mittag, draußen regnet es, aber das stört dich nicht weiter. Du sitzt mit deinen zwei besten Freundinnen am Küchentisch mit Kaffee und Kuchen vom Bäcker von nebenan. Marie und Lea. Eigentlich redet ihr über Maries kleinen Dackel, der bisher weder stubenrein ist noch alleine zu Hause bleiben kann. Aber du kannst dich nicht konzentrieren und musst es einfach ansprechen: „Lea, alles okay? Dein Auge sieht irgendwie geschwollen aus.“
    Lea schaut zu Boden und murmelt nur „Alles gut, Markus war gestern etwas leidenschaftlich…“ Marie springt ein, mit deutlich empörter Stimme: „Was soll das? Es nervt echt derbe, dass du andere Beziehungen nicht akzeptieren kannst.“
    Ein bisschen eingeschüchtert kommst du dir vor, oder vielleicht nicht eingeschüchtert, eher verwirrt. „Ich hab doch nichts gesagt, mach mir doch nur Sorgen. Ist das wirklich in Ordnung so?“
    – „Ist das dein Ernst? Wer zwingt sie bitte, in der Beziehung zu bleiben? Sie kann doch jederzeit gehen. Wirklich, dein Scheiß geht gar nicht. Lea kann auf sich selbst aufpassen.“ Kurz wird wohl auch Marie nervös und dreht sich zu Lea: „Oder meinst du, Markus hat wirklich übertrieben?“
    Lea hat mittlerweile durchgeatmet und schaut uns selbstbewusst an. „Ja vielleicht hat er ein bisschen übertrieben, aber alles gut. Natürlich will ich die Beziehung mit ihm, sonst wäre ich ja nicht mit ihm zusammen. Ist ja nicht so, als würde er mich mit einer Pistole am Kopf dazu zwingen. Ich rede einfach mit ihm, dass er das nächste mal etwas vorsichtiger sein soll.“
    Du bekommst ein ganz komisches Gefühl in deiner Bauchgegend. „Ich weiß nicht. Heute bist du hier, aber das ist das erste mal seit 3 Monaten, du gehst viel seltener aus dem Haus seit du mit ihm zusammen bist. Und jetzt das dicke Auge. Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?“
    Marie steht auf und zeigt mit ihrer Gabel auf dein Gesicht. „Du reißt dich jetzt zusammen. Es ist nicht mehr 2020, wo Schläge in Beziehungen noch diskriminiert wurden und Praktizierende sich verstecken mussten. Wenn Lea Hilfe braucht, kann sie das schon äußern, und du hör mal auf, solche Vorurteile über BDSM zu verbreiten. Auch Menschen mit abweichenden sexuellen Vorlieben haben Rechte!“
    Du stehst auch auf. „BDSM interessiert mich nicht. Ich weiß auch nicht, was das mit irgendwelchen Rechten zu tun hat. Mich interessiert nicht, wen was anmacht oder woran andere Paare gemeinsam Spaß haben. Aber offensichtlich geht es Lea nicht gut, offensichtlich stimmt etwas nicht, und offensichtlich ist es nicht in Ordnung, wenn dein Freund dich so schlägt, dass dein Auge zuschwillt! Und ich bin es leid, so zu tun, als wäre das alles völlig normal.“

    Das war natürlich eine dystopische Analogie einer Gesellschaft, die eigentlich über einvernehmliche spezielle Vorlieben wie BDSM aufklären wollte, aber den öffentlichen Diskurs im Endeffekt derart verzerrt hat, dass aus „BDSM zwischen Erwachsenen ist in Ordnung“ irgendwann wurde: „Schläge in Beziehungen sind normal, und Partnerschaftsgewalt ist die Ausnahme, deren Bekämpfung nicht dazu führen darf, diese Beziehungen zu kritisieren.“
    Ähnlich, wie aus „Wir sollen Frauen aus/in der Prostitution respektieren“ irgendwann wurde: „Sexarbeit ist normal, und Zwangsprostitution oder Gewalt sind die Ausnahme, deren Bekämpfung nicht dazu führen darf, diese Arbeit zu kritisieren.“

    Lassen wir doch diesen Unsinn.

    – Zwangsprostitution findet statt, in Deutschland. Genaue Zahlen herauszufinden, ist so gut wie unmöglich. Aber gerne erinnern wir an die Statistik aus Teil 5: 55% der Freier in Deutschland haben Zwangsprostitution beobachtet. (1)

    – Vergewaltigungen in der Prostitution finden statt, in Deutschland. Auch hier sind genaue Zahlen schwierig, also verweisen wir erneut auf die Freierstudie: „Ein Mann kann alles machen, was er will, wenn er für eine Prostituierte bezahlt“ glauben 39% der Befragten. Und 35% sind der Überzeugung, „dass Frauen in der Prostitution nicht vergewaltigt werden können“. (1)

    – Die Folgen für die Prostituierten, in Deutschland: enorme Raten von Tötungen (2), Gewalt, psychischen Traumata und Suchterkrankungen (3), Suizidalität (4) und viele weiteren negativen Konsequenzen. Und diese Folgen werden in Deutschland nicht mehr offiziell erfasst, um eine mögliche Stigmatisierung der „Sexarbeit“ zu verhindern. (2)

    Kurz gesagt: Angeblich selbstbestimmte „Sexarbeit“ interessiert mich nicht. Mich interessiert nicht, wen was anmacht oder welche Absprachen Menschen mit ihren One Night Stands treffen. Aber offensichtlich geschieht in der legalen, öffentlich gebilligten Prostitution tagtäglich Gewalt. Offensichtlich leiden dort viele Frauen bis hin zum Tod. Und offensichtlich kann es keine Arbeit sein, wenn deine Kundschaft zum großen Teil davon überzeugt ist, dich vergewaltigen zu dürfen!
    Und ich bin es leid, so zu tun, als wäre das alles völlig normal.


    © Netzwerk Ella – 2023


    Quellen:

    (1) Farley, Kleine, Neuhaus, McDowell, Schulz, Nitschmann (2022): Männer in Deutschland, die für Sex zahlen – und was sie uns über das Versagen der legalen Prostitution beibringen.
    https://t1p.de/m4c8i

    (2) Schon, Hoheide (2021): Murders In the German Sex Trade: 1920 to 2017, Dignity: A Journal of Analysis of Exploitation and Violence: Vol. 6: Iss. 1, Article 4.
    https://t1p.de/581ah

    (3) BMFSFJ (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, Langfassung Teil 1.
    https://t1p.de/n2swj

    (4) Europäisches Parlament, Fachabteilung C (2014): Sexuelle Ausbeutung und Prostitution und ihre Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter.
    https://t1p.de/d6p7z

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