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Die Basics – Teil 6

    Viele Wege führen in die Prostitution. Mit Aufkommen von Angeboten wie Online Coachings “für eine erfolgreiche Karriere auf OnlyFans!” werden in Zukunft sicherlich weitere Wege erschlossen werden. Was für eine „Errungenschaft“ unserer Gesellschaft…

    Und es gibt wirklich viele Wege. Der Hauptweg, quasi die Achterbahn ins Milieu, ist sexueller Missbrauch in der Kindheit. Zusätzlich gibt es unzählige Seiten- und Landstraßen, zum Beispiel andere Kindheitstraumata, Gewalterfahrungen oder Armut. Nicht zu vergessen natürlich: Zwangsprostitution verschiedenster Art (Menschenhandel kennt übrigens weder Landes- noch Altersgrenzen).

    Einmal in der Prostitution angekommen, wird der eigene Körper zur Ware. Männer bezahlen und erhalten den Zugriff auf dich und deinen Körper. Wie wir gesehen haben, glauben knapp 40% der Freier, deinen Körper völlig uneingeschränkt benutzen zu “dürfen”. Und nur wenige Prozentpunkte weniger, dass Vergewaltigung kein Konzept ist, das auf dich zutrifft.

    “Ich hab dich nicht vergewaltigt, du bist doch nur ne Nutte” ist ein Satz, den so oder so ähnlich sicher schon viele Prostituierte gehört haben.

    Wenn du Glück hast, hört dein Körper schnell auf, mitzumachen. Du spürst kaum noch etwas, dein Kopf fühlt sich wie Watte an und die Freier arbeitest du wie ein Roboter ab. Wenn du weniger Glück hast, benötigst du vielleicht Substanzen oder Selbstverletzung, um es ertragen zu können, dich wieder anfassen zu lassen. Wieder deine Grenzen überschreiten zu lassen. Denn eigentlich willst du nicht hier sein, eigentlich willst du nur Wärme und Geborgenheit, so wie alle Menschen. Aber er hat bezahlt, also legst du dich hin und erträgst es, während er den Porno von gestern Abend nachspielt. Selbst wenn er dir dabei körperliche Schmerzen zufügt. Das Essen, das du dir von diesem Geld kaufst, schmeckt nicht, aber füllt den Magen.

    Es gibt so viele Wege in die Prostitution, aber wenn man einmal drin ist, ständig entmenschlicht wird, ständig angefasst, gefickt, herabgewertet, oft genug auch geschlagen, vergewaltigt und bedroht, wenn der eigene Wert mit einer konkreten Geldsumme beziffert wird und das alles zu deinem normalen Alltag wird… dann ist es verdammt schwer, einen Weg raus zu sehen.

    Zumal Ausstiegshilfen leider rar gesät sind (ganz im Gegenteil zu OnlyFans-Coachings, nebenbei bemerkt).

    Aber es gibt den Weg raus. Man kann rauskommen, man kann sich ein Leben außerhalb aufbauen. Schulden abbauen. Trauma-Therapie. Ggf. Suchttherapie. Job suchen. Soziales Umfeld versuchen aufzubauen, idealerweise nicht in häusliche Gewalt geraten. Lernen, sich sicher zu fühlen. Lernen, den eigenen Körper wieder zu spüren und lernen, so etwas wie ein Selbstwertgefühl aufzubauen.

    Es geht. Man kann rauskommen. Aber lasst uns als Gesellschaft doch nicht die sexuelle Befriedigung einiger Menschen höher werten als Gesundheit, Wohlergehen, Würde und Freiheit von anderen!

    Wer zusätzlich zur Betroffenenperspektive auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung lesen möchte – diese Publikation geht sowohl auf den Zusammenhang zwischen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und Einstieg in die Prostitution ein, als auch auf die Gefahren, wenn man einmal reingeraten ist:

    Risks of Prostitution: When the Person Is the Product (Farley 2018) https://prostitutionresearch.com/risks-of-prostitution-when-the-person-is-the-product/

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