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OnlyFans: der moderne SMS-Chat?

    Autorin: Ronja //

    Neulich habe ich auf VICE einen Artikel namens „Dieser Typ verdient als OnlyFans-Account-Manager mehrere 10.000 Euro im Monat“ gelesen und fühlte mich sofort unangenehm an meine 2,5 Jahre im SMS-Chat erinnert. Moment. Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?
    OnlyFans, diese Plattform, auf der viele weibliche Nutzerinnen erotischen bis pornografischen Foto- und Video-Content gegen Zahlung von ihren „Fans“ veröffentlichen? Und SMS-Chat? Jüngere Lesende hier fragen sich vielleicht gar, was das überhaupt war…Deshalb folgt nun erst ein Blick in die Vergangenheit.

    Anfang 2006 bin ich in die Prostitution geraten und erst 2017 sollte mir der endgültige Ausstieg gelingen. Von Mitte 2006 bis Ende 2008 zählte aber auch noch etwas anderes als die Prostitution, wie man sie sich vorstellt, zu meinen Berührungspunkten mit all den schädlichen Arten, durch die Sex zur Ware/Dienstleistung erklärt wurde und wird: der SMS-Chat.Ich bin durch meinen damaligen Partner da reingeraten und für eine Weile war ich sogar selbst Betreiberin unseres Chats.
    Aber was ist/war denn jetzt ein SMS-Chat?Vor vielen Monden hatte noch nicht jeder (potentielle) Freier Flatrates und High Speed Internet zur Verfügung. Stattdessen gab es Telefonsex-Hotlines. Und eben auch sogenannte SMS-Chat-Services.Der Kunde zahlte 1,99 je SMS für diesen Premium-SMS-Dienst. Wenige in dem naiven Glauben, dass da eine willige Frau mit ihm simst und ebenso 1,99 je Nachricht ausgibt. Oder, und das traf weit häufiger zu, das System dahinter bekannt war, aber Mann die 1,99 Euro gern ausgegeben hat, um dafür Sexting zu betreiben und explizite MMS zu erhalten (quasi das Foto-Sende-Tool vor Smartphones ;)).
    In der Realität saßen sogenannte Animateure, Menschen wie mein Ex und ich, den ganzen Tag vor dem PC und bekamen dort, eingeloggt in eine Chat-Software, die SMS der Kunden auf den Monitor. Inklusive Verlauf, Steckbrief der Persona, die man darstellt, bereits gesendete Bilder und Notizen.
    Für die MMS wurden Bilderpakete, zumeist aus Osteuropa, gekauft. Das waren manchmal Unterwäsche-Shootings, manchmal eine Nude-Serie oder auch explizite Fotos von Genitalien und Geschlechtsverkehr.Und ich habe mich auch damals schon gefragt, ob die Frauen in den Bildern das alles freiwillig machten und/oder überhaupt davon wissen, was irgendwo in Deutschland mit diesem Bildmaterial passiert. (Nämlich dass sich ein Typ, der 1,99 für die „MMS-Zustellung“ ausgibt, sich darauf einen runterholt…)It fucked my mind.
    [TW für den nächsten Absatz: sexualisierte Gewalt!]……Und dann waren da die Erzähl-Typen. Entweder hatten die noch kein MMS-fähiges Handy oder es war einfach ihr Ding. Und mein „Job“ war es, sie immer zum Weiterschreiben zu animieren. Und dabei kamen mir Typen unter, die davon faselten, eine Frau in eine verlassene Waldhütte zu schleppen, sie zur Besinnungslosigkeit mit Wodka abzufüllen und dann zu „benutzen“ ohne dass sie vorher wüsste, was das genau heißt. Oder solche mit der Fantasie, eine Frau solange unter Wasser zu drücken, dass Überleben wirklich als Glücksspiel provoziert werden soll.Was willst du da machen? Ist ja alles nur Fantasie, aber es kriecht in deinen Kopf.Schlussendlich habe ich mir eingeredet, dass ich als „Blitzableiter“ fungiere, in dem Denken: solange er das HIER ablässt, macht er es nicht real – denn ich selbst war ja damals auch noch mit der „’Sexwork’ verhindert reale Übergriffe“ – Denke verblendet. Heute weiß ich, dass das genau der FALSCHE Ansatz war.And it fucked my mind…….[TW Ende]
    Und das waren die Extreme. Aber der Durchschnitt war im Prinzip schon extrem, gerade wenn ich bedenke, dass ich oftmals 12 Stunden am Stück vor diesem Bildschirm sitzen musste, auf dem mir ständig die eingetroffenen Nachrichten angezeigt wurden. Abwertungen von Freundinnen/Ehefrauen, Beleidigungen, wenn der „Content“ nicht mehr befriedigend genug war, Typen, die man heutzutage als Incels bezeichnen würde, immer neue Kinks und Fetische die mich dazu gezwungen haben, mir pornografisches Material anzuschauen, das mir in einem Leben ohne Prostitution und SMS-Chat wohl nie begegnet wäre…das war Alltag.It fucked my mind.

    Ach, aber das Geld! Dafür hab ich das doch gemacht, oder? Gut leben, in Saus und Braus, mit easy Arbeit von Zuhaus!Nein!
    Ja, manchmal habe ich ganz gut verdient. Aber es gab existenziell gefährliche Flautezeiten und nötige Investitionen (Werbung für den Chat, Bilderserien). In der Prostitution war es manchmal ja ähnlich. Erst habe ich geschaut, ob ich neues Makeup, Dessous oder Schuhe benötige, damit auch der nötige nächste Freier hoffentlich zufrieden sein wird und zahlt – und dann erst daran gedacht, den Kühlschrank zu füllen. Und dass ich nach einer 12-Stunden-SMS-Chat-Schicht und nach jedem Freier ordentlich gesoffen habe/saufen musste, ging auch ins Geld.
    Aber wie komme ich jetzt bitte auf OnlyFans?In „woken“ Kreisen wird „sexwork“ ja als Empowerment verstanden und „Mädels“, die sich „nicht mal anfassen lassen“ (bitte bedenkt, dass ich hier durchaus immer mal auf Freier-/ Konsumenten-Sprech und Denke zurückgreife, denn es sind diese Männer, die wir einfach in den Fokus nehmen müssen!) sind ja wohl besonders clever, oder?Wenig Gefahr aber ein easy Einkommen mit einer sexy Bilderserie alle paar Tage? Nein!
    Ich will mich hier zu den Gefahren von OnlyFans nicht allumfassend äußern, sondern zu diesem Artikel, den ich eingangs schon erwähnte: https://www.vice.com/…/interview-mit-onlyfans-account…

    Ich halte das quasi für ein modernes Revival des SMS-Chats.
    Warum? Der Typ „managed“ also die eintreffenden Nachrichten von zahlenden „Fans“, erhält eine Illusion aufrecht, beschafft zugeschnittenen Content.Ja, okay, die Person hinter dem Profil ist dann ja bestenfalls echt. Aber wie lange noch? Ich ahne, dass heute schon auf OnlyFans die neue Generation von „Animateuren“ ganz ohne reale Person dahinter aktiv und erfolgreich ist.
    Und Grenzen? Er sagt im Interview: „Jeder Mensch hat Grenzen. Deswegen frage ich die Models auch immer zuerst, wie weit sie auf Plattformen wie OnlyFans gehen würden und was sie alles zeigen wollen.“Schön und gut. Aber gerade, wenn noch ein „Manager“ dazwischen steht, wird sich das eher schneller als langsamer ändern. Und das ist eine allgemeine Gefahr.
    Ich hatte auch bestimmte Grenzen in der Prostitution. Aber die Zeit prägt. Je länger Frau „im Geschäft“ ist, umso mehr sieht sie sich durch den Freier-/“Fans-“/Konsumentenblick und oft verschlechtern sich auch die Lebensumstände (statt des Märchens der reichen, horny Hure, die ihre Honorare für Markenhandtaschen ausgibt) und schließlich bietet man doch immer mehr an, was eigentlich mal tabu war. Im SMS-Chat habe ich allzu heftige BDSM-Kunden anfangs an meinen Ex abgegeben – bis wir uns nicht mehr leisten konnten, auch nur einen Kunden zu verlieren, weil man nicht zeitnah antwortet.

    Einen „OnlyFans-Account-Manager“ zu haben, der dir vielleicht sagt: „Hey, 75% deiner Abonnenten wollen DIESEN Fetisch. Und wenn du es mal ganz harmlos probierst…?“ und das bei dem Konkurrenzdruck auf der Plattform – Ich brauche meine Fantasie da nicht…
    Makaber im Artikel ist auch das Honorarmodell dieses „Managers“: eine fixe monatliche Gebühr von 2.500 Euro (!) und ein dreistes Kommissionsmodell, dass sich bei 50.000 Euro sogar zum Negativgeschäft für seine Auftraggeberin entpuppt. Stell dir vor, du nennst dich „Manager“ von irgendwas, ein Medium in Deutschland veröffentlicht dein Interview und keinem fällt deine dreiste Mathematik auf..!Aber dann eben: solche krassen Zahlenjonglagen und Abzocken innerhalb des Milieus sind eben auch immer schon da gewesen, auch im SMS-Chat und eigentlich sollte das auch aufhorchen lassen, wenn es doch angeblich ein normaler Job sein soll.
    Und zum Schluss: hier schreibt ja ein Typ als OnlyFans-Account-Manager. Auch im SMS-Chat gab es mehr männliche Animateure. Ich gehörte zur weiblichen Minderheit, die diesen „Job“ zumindest länger als ein paar Wochen ausgehalten hat.
    Und auch der OnlyFans-Manager sagt über seinen Job den denkwürdigen Satz: „Wenn sie ihre Nachrichten und Anfragen wirklich selbst beantworten müssten, würden sie den Typen in bestimmt 99 Prozent der Fälle sagen, dass sie sich verpissen sollen.“ Zeigt uns das was?Ja!
    Aber es zeigt nicht, dass doch „sexwork“ bitte „gender neutral“ sei oder so!Denn wir reden hier in beiden Fällen von Kerlen, die sich für den Job als Frauen ausgeben. Das heißt, dass natürlich auch ihr male gaze auf eine verrückt-verzerrte Art den male gaze der Freier/Konsumenten bedient, bestätigt und prägt.
    Und es heißt, dass wir Frauen es in allen Lebensbereichen auch mit Typen zu tun haben, die Freier sind, oder OnlyFans-Abonnenten oder damalige SMS-Chat-Kunden. Männer, die schlimmstenfalls dadurch so abgestumpft sind, dass sie Frauen, stark vereinfacht gesagt, in „tabulos und käuflich“ (ohne Sorgen um die Freiwilligkeit…) und „prüde, aber taugt als Ehefrau“ kategorisieren.Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die diese Folgen auf Konsumentenseite ausblendet und „sexwork“ auf der anderen Seite gar als Empowerment verklärt?Ich sage: Nein!
    Prostitution, Telefonsex, SMS-Chat, Porno-Seiten….. OnlyFans: Nein!
    Stattdessen wünsche ich mir für das Jahr 2022 sehnlichst das Nordische Modell, das ja unter anderem auch die Säule der antisexistischen Erziehung beinhaltet. So dass die Jungs von heute bereits lernen, dass es nicht okay ist, morgen Frauenkörper als Ware in irgendeiner Form zu betrachten.Und Mädchen von heute davor bewahrt werden, dass OnlyFans und/oder Prostitution ihr Bild von Männern und Sexualität genauso zerstört, wie es Prostitution und SMS-Chat bei mir taten.

    (c) Ronja

    Im Escort

      Autorin: Eva //

      “Du bist aufgeschlossen, niveauvoll, selbstbewußt…? Interessiert an Glamour und einem unabhängigen, stilvollen Leben…? Hast gute Allgemeinbildung und Umgangsformen…?”

      “Ja, klar!” dachte ich mir als junge Frau in den 20ern rund um das neue Jahrtausend in Wien. Es war eine Aufbruchsstimmung.
      So werben nämlich Escortagenturen um Mädchen und Damen. Seit Jahrzehnten suggeriert uns die Gesellschaft der westlichen Welt, Erotikarbeit ist doch ganz etwas Normales, ein wichtiger Beruf, das älteste Gewerbe der Welt. Einfach toll, oder? Da können sich Frauen und natürlich auch Transgender und Callboys endlich ausleben.

      In der Realität sieht es dann doch ganz anders aus. Diies kann nur Jemand feststellen, der/die in der Szene war und sich den kritischen Blick bewahrt hat; den nüchternen Blick.

      Moment, nüchtern? Ah, da beginnt es schon…………..Als Escort ist Dein ständiger Begleiter …der Alkohol. Die Männer lieben es, mit Dir zu trinken; viele von ihnen trinken sehr viel (2-3 Flachen Wein) -täglich.
      Andere Aufputschmittel bekommt man auch sehr oft angeboten. Der Kunde/Freier will seine Freizeit mit der Escortdame so richtig geniessen, das gehört das für ihn dazu. Die meisten sind in seriösen Berufen und verheiratet, ihr Umfeld weiß meist wenig bis nichts über diese Escapes. Oft haben sie ein 2.Handy für diese Sidesteps. Geschäftsmänner aus anderen Ländern wollen von der Escortdame auch Tipps, wo man Drogen kaufen kann…..das muß die doch wissen, oder….?

      Ich habe dezent mitgetrunken, andere Substanzen diplomatisch abgelehnt, das zerstört für viele Kunden dann leider die Stimmung und unter Umständen gibt es dann eine Beschwerde bei der Agentur oder auch in Freierforen. Da schreibt er aber nicht was wirklich war, sondern “geht nicht gut mit, ist alt und eingebildet, hässliches Gesicht….”

      Die Rache durch Bewertungen. Diese Internetbewertungen der persönlichsten “Dienstleistung” der Welt haben der Sache die letzte Freiheit und Freiwilligkeit genommen. Nichts bleibt übrig von der im Inserat gesuchten, stilvollen,entspannten Escortlady. In den für alle seit Jahren zugänglichen Foren wird jede Körperöffnung, jedes Detail (Zähne, Figur, Alter, zerlegt, diskutiert und meistens runtergemacht)
      Bei jedem Kunden der letzen Jahre dachte ich “hoffentlich schreibt der nicht im Nachhinein schlecht” ja, es gibt Freier, die sich ganz nett geben und dann trotzdem kritisieren, warum sie das machen habe ich bis heute nicht herausgefunden. Bipolar? Ich weiß es nicht.

      Als Independent Escort ohne Agentur ist es dasselbe. Der Zeitdruck der Agentur ist zwar weg, man kann den Freiern/Kunden Zeit dazu schenken und bekommt dafür….seltsame Sprüche.

      “Du bist eine ganz Schlaue, kombinierst Spaß mit jeder Menge Geld” “Du raffinierte Verführerin, ohh wenn ich eine Frau wäre, würde ich es so machen wie Du..” solche Sätze sagen die Männer einem ständig. Sie vermuten immer, man verdient Unmengen, versuchen aber gleichzeitig den Preis für ihr Treffen niedrig zu halten.
      In der Prostitution verdient man nichts wenn man krank ist, menstruiert (echt? die menstruieren auch…?)
      sich nach einer Operation erholt und man wird im Alter nur eine Mindestpension haben (all das wissen die Kunden, es tangiert sie nicht)
      Sie sind fest davon überzeugt, eine Nymphomanin vor sich zu haben, die nur Geilheit im Kopf hat und sich irgendwie aufbraucht #wasted. “Für das was Du machst braucht es schon eine besondere Veranlagung” ist auch so ein Satz der oft kommt.

      Das Aussehen. Egal wie Du aussiehst, die Freier werden Dein Aussehen zerlegen. Wenn Du schlank bist sagen sie “noch dünner wäre noch schöner” wenn Du natürlich alterst….”mah schaust Du müde aus” wenn Du Botox, etc. machst “ach, dieses Künstliche ist garnicht schön” wenn Du mollig bist “ja Kurven, aber paß auf, daß es nicht zu viel wird” der Busen ist immer zu klein/zu groß/zu hängend/zu operiert, usw……es ist endlos.

      Dein Outfit. Viele Kunden wünschen sich bei winterlichen Temperaturen um 0° sehr luftige Kleidung (dünne Strümpfe, Pumps und Minikleid) natürlich nur wenn sie im Hotel sind, wo sie keiner kennt. Wenn Du sie zuhause besuchst….unauffällig, ja bitte der Fahrer/das Taxi soll Dich schon 10 bis 20 Meter vor seinem Wohnhaus absetzen, damit die Nachbarn nichts mitbekommen.
      Ist doch nicht alles so normal und gesellschaftlich anerkannt, seltsam.

      Escort/Sexarbeit im Covid Zeitalter. Ein Tabuthema. Man will ja den AnbieterInnen nicht ihr tägliches Brot wegnehmen. Es wäre für den Staat die Chance gewesen, Menschen aus der Erotikbranche/Prostitution mehr Ausstiegsmöglichkeiten zu bieten.
      Viele in der Branche haben trotz Impfung Angst sich und ihr Umfeld mit Covid anzustecken. Man kommt seiner Kundschaft doch näher als in anderen Jobs. Bekommt man einen Krisen Bonus? Nein, im Gegenteil. Der Kunde ist knallhart und meint, Du mußt jetzt froh sein, Kundschaft zu haben und er hat ja jetzt auch so viele Zahlungen. Er sieht gekauften Sex abseits seiner Beziehung als Wellness und Erholung, die ihm zusteht.

      Ich kann mich ganz genau an Mitte März 2020 erinnern. Lockdown.
      Momentan war ich wie die meisten Menschen irr überrascht, aber ich empfand es nach kurzer Zeit so angenehm……kein Streß, keine anzüglichen mails (ja auch SexarbeiterInnen wollen nicht 24/7 -eigentlich überhaupt nicht sexuell belästigt werden! Viele halten Dich für öffenliches Gut, das Mann im Whatsapp Zeitalter zuspammen und natürlich auch stalken kann….) keine Treffen.
      Ich schaute mir im TV die Nachrichten an; Kontakteinschränkungen. Gut.
      Nach einigen Tagen waren sie wieder da -die Anfragen. Freier waren ganz nervös, wie denn das jetzt wäre mit den Treffen. Hotels haben ja zu, bei ihnen geht es nicht wegen der Partnerin. Da wurde ich wirklich sauer und habe höflich aufmerksam gemacht, über den Sinn von diesen Einschränkungen nachzudenken.

      Im Sommer 2020 wurde dann das meiste wieder wie es war. “Covid ist nur eine Grippe, die NWO will nur mehr Überwachung” ist jetzt ein neues Thema der Freier. Die meisten (90%) sind dieser Meinung. Ebenso, daß dieses #metoo, Gendern ja generell der Feminismus und die Klimaschutzbewegung ein Übel der heutigen Zeit sind. Die Migrationsbewegungen der letzen Jahre finden die Freier auch total schlimm, sie haben aber kein Problem mit Frauen in der Prostitution mit Migrationshintergrund….nicht gerade logisch.

      All diese Dinge entzaubern den Mythos der freien, lasziven, für beide Teile spassigen Sexarbeit.

      In den letzten Jahren haben mir ein paar Männer erzählt sie waren spielsüchtig. (Das sogenannte kleine Glücksspiel wurde vor einigen Jahren in Wien abgeschafft -die Glücksspiellobby hat getobt: “60 Mio € Steuergeld werden jährlich der Stadt Wien fehlen, die Spieler werden in die Illegalität abwandern, sie werden im Ausland spielen…” waren die Argumente. De facto war der Nutzen, Menschen nicht weiter in Schulden und jede Menge andere Probleme zu stürzen, doch höher.)
      Die Ex Spielsüchtigen sagen, sie sind froh, daß es so kam und sie haben keine Lust, illegal zu spielen, im Internet ja -aber es ist nicht dasselbe und reizt nicht mehr.

      Freier selbst bezeichnen sich oft als süchtig nach der oben beschriebenen Sex Wellness, die ja täglich verfügbar und bestellbar ist. Neue, junge Frauen (am beliebtesten sind 18 – 20Jährige. Ein Freier bezeichnete sich selbst mal als “Soft Pädo” weil er das bevorzugt, schon erlaubt aber fast zu jung)
      dieses Gefühl an ihnen zu Schnuppern, vielleicht doch einen echten Orgasmus von ihr zu erleben? Squirtet sie? Macht sie Anal? Macht sie Lesbenspiele, Gruppensex? Wie weit geht sie? Kann ich sie zu mehr überreden, manipulieren..? Alles Dinge, die der Freier heutzutage erwartet und wie ein Getriebener sucht und sucht und weiter sucht.


      Alles einfach zum Nachdenken.

      Eva, beim Ausstieg, selbsterklärend, warum.

      Über das wichtige Gespräch mit Betroffenen/Aussteigerinnen/Überlebenden und warum wir trotzdem oft nicht sprechen (können)…

        Autorin: Ronja //

        Oft gibt es bei Veranstaltungen oder Texten von unseren großartigen Mitstreitenden für das Nordische Modell Fragen, manchmal gar Beschwerden à la: „Wenn Prostitution angeblich für viele Betroffene so schlimm ist, wieso sprechen/schreiben hier nur Menschen, die nie in der Prostitution waren? Daraus kann ja nur folgen, dass das NM gar nicht im Interesse der eigentlichen Menschen in der Prostitution wäre!“

        Ich bin diese Haltung, die uns manchmal gar in Rechtfertigungszwang drücken will, so leid!
        Daher mal ein paar Worte dazu:
        Wir im Netzwerk Ella bemühen uns nach Kräften, über unsere Erfahrungen und Forderungen zu schreiben. Manchmal geben wir auch schriftliche Interviews. Einige von uns zeigen sogar auf Veranstaltungen oder für filmische Produktionen ihr Gesicht.

        ABER wir brauchen unsere engagierten und mutigen Mitstreiterinnen, die uns auch dann eine Stimme geben, wenn wir sie nicht haben können oder wollen.

        Denn viele Frauen, denen der Ausstieg gelingt, wollen all das aus guten Gründen hinter sich lassen. Manche haben inzwischen Familie und einen Beruf, weswegen sie sich erstens nicht öffentlich outen wollen/können und zweitens gar keine Zeit und Nerven für Aktivismus haben.

        Und wo ich beim Thema Nerven bin: der Großteil von uns leidet an Traumafolgestörungen. Entweder durch Erfahrungen in der Prostitution und/oder weil viele von uns schon durch eine Vortraumatisierung überhaupt erst in die Prostitution geraten sind oder sich vermeintlich freiwillig dafür entschieden haben.
        Ich gehöre zu den Wenigen von uns, die überhaupt auch Gesicht zeigen können und mache das seit gut 1,5 Jahren regelmäßig. Mit der Folge, dass mir nach jeder größeren Veranstaltung mindestens 1,5 Tage lang die Nerven blank liegen, selbst, wenn die Veranstaltung wohlgesonnen war.
        Wenn ich aktuell keine Vollzeitstudentin mit gesicherter Studienfinanzierung wäre, die es sich erlauben kann, hin und wieder 1,5 Akku-Auflade-Tage unter der Bettdecke zu verbringen, könnte ich auch nicht öffentlich für Netzwerk Ella sprechen. Und es kam auch schon vor, dass ich mich in Folge solcher Dinge von meinem Glücksgriff von Psychiaterin für 2-5 Tage hab krankschreiben lassen müssen.

        Wir mussten jahrelang wenigstens überleben, mussten jahrelang psychische und physische unmenschliche Belastungen ertragen. Logisch, dass wir heute oftmals nicht die Kraft haben, uns zu dem Thema ständig zu streiten, vor allem nicht mit Menschen, die uns unsere Erfahrungen absprechen wollen oder gar Täter-Opfer-Umkehr betreiben, weil diejenigen, die sich als Opfer von Prostitution verstehen, ja irgendwo selbst doof gewesen sein müssen, weil sie es nicht zur häppy selbstbestimmten Sexwörkerin gebracht haben. Nein!
        (übrigens gehörte ich ja zu den „Freiwilligen und Selbstbestimmten“, hatte nie Zuhälter oder andere äußere Zwänge, die viele Frauen im Netzwerk Ella außerdem aus Angst abhalten, sich nach außen wie innen wieder und wieder damit auseinandersetzen zu müssen… dennoch ist es für mich heute so schwer, nachdem ich aufarbeite, wieso ich überhaupt in die Prostitution und für viele Jahre in die Schiene ihrer Verteidigung abgerutscht bin und heute die psychischen und physischen Folgen betrauern muss)

        Aus all diesen Gründen können wir nicht auf jedem Podium zum Thema sitzen, können nicht ständig vor Fremden über schlimme Erfahrungen reden, können nicht springen, wenn irgendwo wieder eine social media Diskussion eskaliert und die NM-Gegner hämisch ins Feld führen, dass sich mal wieder keine Betroffene zu Wort meldet.

        Wir als Netzwerk Ella sind vor allem auch dafür da, dass wir intern arbeiten. Das heißt, dass wir uns untereinander (be)stärken, auffangen, diskutieren, Wege aufzeigen, Spenden sammeln, wenn sie nötig sind damit eine von uns eine schwierige Lebenslage übersteht ohne nur aus diesem Druck heraus wieder in die Prostitution gehen zu müssen.
        Darüber hinaus versuchen wir auf social media und bei Medienanfragen politisch zu wirken, weil wir wissen, dass nur das Nordische Modell den gesellschaftlichen Wandel bringen kann, der irgendwann einmal Mädchen und Frauen vor dem bewahren kann, was uns allen über Jahre widerfahren ist.
        Und nein, da rede ich nicht von Menschenhandel und Zwangsprostitution allein, denn auch die Lobby ist ja logischerweise gegen diese Dinge und sie sind eh gesetzeswidrig.
        Aber die männliche Anspruchsdenke hinsichtlich „käuflichem Sex“ macht den illegalen Markt in seinen Dimensionen erst nötig und attraktiv und hat ALLE von uns geschädigt.

        Deshalb wollen wir laut sein für das Nordische Modell, na klar, aber oftmals versagt die Stimme oder die Nerven oder wir können eben kein Gesicht zeigen.

        Bitte habt das im Hinterkopf! Immer, wenn euch etwas begegnet à la: „Wenn Prostitution angeblich für viele Betroffene so schlimm ist, wieso sprechen/schreiben hier nur Menschen, die nie in der Prostitution waren? Daraus kann ja nur folgen, dass das NM gar nicht im Interesse der eigentlichen Menschen in der Prostitution wäre!“

        Und supportet uns, auch wenn wir manchmal still sind/sein müssen.
        Und diejenigen, die uns in solchen Situationen eine Stimme geben, weil sie es dank persönlichem Abstand können aber trotzdem die Empathie aufbringen, die uns Wind unter den Flügeln ist! ❤

        (c) Ronja

        Pornographie und Prostitution

          Autorin: Ronja //

          Es folgt ein langer Rundumschlag zum Thema Porno, der Verschränkung von Pornografie und Prostitution und vor allem der Problematik der „Teen“-suchenden Konsumenten und Freier. Ausgelöst wurde das Ganze durch eine private FB-Diskussion und ich möchte meinem lieben Freund ganz herzlich für seine unterstützende Haltung hinsichtlich dieses Postings danken. 🙂

          Triggerwarnung: Porno, Missbrauch von Minderjährigen, zum Teil explizite Sprache (die ich mir hier wirklich mal nicht verkneifen konnte)

          Neulich gab es in meinem privaten Umfeld eine Diskussion zur Porno-Kategorie „Teen“. Ein lieber Freund von mir hat dazu kritisch gepostet und zwei Männer kamen dann aber gleich mit Pseudo-Rechtfertigungen an. Von wegen: „Naja, aber das sind eh keine Teens und denen sieht man das ja eh auch an.“ (gleich noch diese Wertung reindrücken, gell, Mann kann’s ja…)

          Das hat mich auf die Palme gebracht, denn:
          Darum, ob die Darstellerin ja (bestenfalls!) gar kein Teenager mehr ist, geht es doch nicht mal nur!
          Sondern um die Kategorie!
          Wer „Teen“ sucht/schaut, sucht zumindest die Phantasie und die Szenen sind ja oft auch so konstruiert, dass diese Phantasie mehr als deutlich bedient werden soll (Babysitterin/Schülerin/Stieftocher usw.). Und das macht was mit dem Blick der Konsumenten auf Mädchen/Frauen, Sex, Grenzen/Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch.

          Und es macht auch was mit jungen Mädchen und Frauen, die sich der porn culture natürlich nicht gänzlich entziehen können.
          Peer pressure, weil alle mal sowas gucken und weil Schwarm xy ja bestimmt auch ein „ganz normaler Kerl“ ist, der dann ja wohl Porno-Performance und -Körper erwartet.

          Und nicht wenige Porno-Konsumenten sind ja auch irgendwann in ihrem Leben Freier. Oder andersrum: es gibt wohl auch keinen Freier, der Pornografie ablehnt.
          Auch in der Prostitution waren wir also diesem Schema ausgesetzt. Kaum eine Frau, außer sie wird sogar schon als Minderjährige gegen Geld missbraucht und auch davon haben wir im Netzwerk Ella leider nicht wenige Ex-Betroffene, gibt für Freier ihr echtes Alter an. Aus 20-25 wird 18, aus 26-28 wird vielleicht 21 und mit 29 hören wir eh alle auf zu altern bis es vielleicht in den „MILF“-Markt geht.
          Klar, da sagen dann Typen auch wieder: „Naja, aber ist doch nicht schlimm, die ist doch eh älter und eigentlich werde ICH doch hier betrogen!“
          NEIN!
          DU suchst explizit nach Teen / jungem Twen. Überlege mal, warum!
          Ebenso auch in der Prostitution die nachgefragten Szenarien von der wahlweise schüchternen oder slutty Schülerin usw.
          Dazu schaue man sich bitte auch, bei starken Nerven, sogenannte Freierforen an (die verlinke ich hier nicht, sind aber schnell gegoogelt, aber absolute TW an dieser Stelle) oder die Seite „die unsichtbaren Männer“ an (Link als Kommentar). Die Statistiken und Wortfrequenz-Auswertungen dort zeigen erschreckend deutlich, wie skrupellos Freier nach einer Gruppe der Vulnerabelsten unter allen Opfern des Systems Prostitution suchen und über sie denken.

          Und es kommt sicherlich nicht von ungefähr, dass eine sehr medienwirksame Prostituierte sich bis heute als „Kindfrau“ vermarktet…

          Und „Teen“ ist hier das eine. Es gibt ja auch die Porno-Kategorie „forced“ oder wie sie jeweils heißt. Und nein, hier meine ich nicht mal BDSM sondern wirklich r*pe-porn-Kategorien.
          Auch in der Prostitution wird sowas entsprechend nachgefragt, auch immer öfter, weil der Porno-Markt eben die Vorlagen liefert und die subjektive Empfindung, was denn „normaler“ Sex sei, beeinflusst.

          Es darf nicht sein, dass Typen immer noch sagen können: Ja, naja, aber wir wissen doch, dass die eigentlich alle keine Teenager mehr sind / die Gewalt nur „gespielt“ ist (entweder im Porno oder von ihnen selbst).
          Denn erstens ist das ganz und gar nicht sicher gegeben!
          Und zweitens sollten sich diese Männer lieber mal fragen, wieso sie, selbst in dieser naiven Ausredenannahme, Pornokategorien suchen/schauen, die Handlungen vorspielen (also, again: bestenfalls…), die irl schlichtweg und aus guten Gründen illegal sind und moralisch sofort und ohne nachzudenken geächtet gehören! Oder solche Szenrarien sogar höchstselbst einer Frau antun wollen – natürlich als „Spiel“.

          Für uns ist es kein „Spiel“! Denn wir werden damit nicht nur körperlich, sondern auch seelisch noch mehr als eh schon gegen unseren eigenen Wunsch und Willen gef*ckt, wenn wir uns z.B. mit Mitte 20 auf jung schminken und eine Schuluniform anziehen sollen um eine Schülerinnen-Phantasie zu bedienen. Auch solche Szenarien verschärfen die oft sowieso nötigen Dissoziationsmechanismen und reden uns zum Teil sogar „Blitzableitergedanken“, also Verantwortung ein. Nach dem Schema:„Wenigstens ging er zu mir und nicht zu einer echten Minderjährigen.“
          Obwohl nicht WIR hier die Verantwortung tragen müssen. Sondern die Männer und die Gesellschaft, die Männer hervorbringt, die genau diese Phantasien bedient haben wollen.

          Diese Porno-Bilder werden also auch in die Prostitution getragen und schaden allen Frauen dort. Aber eben auch jeder Frau darüber hinaus, die an einen Mann gerät, der vielleicht schon auf dem Grundschulhof als Mutprobe mit anderen Jungs den ersten Porno auf dem Handy sah und mit diesem verzerrten Bild von Sexualität aufwächst.

          Und zuletzt: Nicht wenige Frauen wechseln von Porno zu Prostitution oder andersherum. Und Aussteigerinnen aus dem Porn-Biz haben es oftmals noch schwerer, über ihre Vergangenheit eines Tages hinweg kommen zu können, weil diese Bilder eben in Internetzeiten kaum mehr endgültig aus der Welt zu schaffen sind.

          Pornografie ist gefilmte Prostitution.
          Und solche Verharmlosungen von Kategorien wie „Teen“ sprechen Bände über Konsumenten und Freier.
          Es braucht das Nordische Modell, mit seiner wichtigen Säule der antisexistischen gesellschaftlichen Aufklärung, damit echte Gleichstellung und Augenhöhe der Geschlechter in jedem Lebensbereich zu erreichen ist!

          (c) Ronja

          Warum hast du ihn nicht einfach angezeigt?!

            Autorin: Marlene //

            …eine Frage, die mir häufig gestellt wird, wenn ich meine Geschichte erzähle.
            Aus der Prostitution kam ich dann meiner Schwester, der ich mich irgendwann, als es nicht mehr anders ging, anvertraute. Sie kam zu mir und holte mich ab. Ich war damals noch der Meinung, ich sollte noch ein paar Tage bleiben und arbeiten- das Geld hatte ja mein Zuhälter kassiert, der in diesem Moment nicht in der Stadt war. So wollte ich zumindest noch etwas für meine “Flucht” zusammen kriegen. Natürlich ließ sie mich das nicht durchziehen und kam sofort zu mir, was das Beste war, was sie hätte tun können.
            Obwohl ich sie bat, nicht die Polizei einzuschalten, tat sie es. Wer den genaueren Verlauf vor Gericht nachlesen möchte, kann das gerne hier tun.

            Worüber ich heute schreiben möchte, sind die Gründe, wieso ich das nicht wollte und auch lange Zeit damit gehadert habe- gerade, weil ich darauf auch oft angesprochen werde.
            Ich hatte damals absolut kein Vertrauen in die Polizei. Zum Einen ist die im Milieu geradezu “der Feind”, mit dem man nicht spricht- was ich also getan habe, war Aus Sicht meines Zuhälters und seiner Leute Verrat. Durch diese indoktrinierte Denkweise war es das damals auch für much, weshalb ich auf der Wache nur Personalien angab, wie ich es eben musste, und dann ging. Mehr sagte ich zuerst nicht. Ich wollte weg, aber ich wollte ihn nicht “verraten”.
            Ich saß damals auf dem Bett in der Wohnung, wo mich die Polizei abholte, und sagte ihnen, ich könnte nicht mit kommen, ich würde doch sonst das Leben meines Zuhälters zerstören. Einer der Beamten schaute mich an und meinte dann, wenn ich nicht mit käme, würde ich mein eigenes leben zerstören. So theatralisch das alles klingen mag, er hatte Recht.

            Nachdem ich zurück bei meiner Familie war und etwas Abstand hatte, wurde ich auch immer wieder von der Polizei kontaktiert. Man bräuchte meine Aussage, denn da es auch um körperliche Gewalt ging, wäre das öffentliche Interesse da.
            Also sagte ich irgendwann aus- Aber nicht, weil ich mich rächen wollte oder weil ich mir davon Gerechtigkeit oder irgendetwas anderes versprach, sondern weil ich das Gefühl hatte, dass mir sowieso keine andere Wahl bleibt.
            In Gegenteil, ich hatte eher Angst, dass mir niemand glauben würde. Was konnte ich denn beweisen? Noch dazu wollen da wildfremde Menschen die intimsten Details von mir wissen. Ich fühlte mich so dumm, nackt und schämte mich.
            Vor allem die Frage, wie ich denn überhaupt dazu kam, mich für meinen Zuhälter zu prostituieren- ich habe bis heute keine bessere Antwort darauf als “steter Tropfen Höhlt den Stein”.
            Ich war ein Kind ohne Wurzeln in der Familie, mit einer manipulativen Mutter, das es gewohnt war, etwas zu leisten, um Aufmerksamkeit oder “Liebe” zu bekommen. Auf einmal war da jemand, der mir genau dieses Modell einer “Beziehung” bot, mit dem ich aufgewachsen war. Und irgendwann gab ich dann eben nach. Ob das der Polizeibeamte so gut nachvollziehen kann?
            An sich zog sich das Verfahren über mehrere Jahre und ehrlich: mir war es egal, wie es ausging. Ich verzichtete auf Schmerzensgeld oder eine Nebenklage, weil ich 1. Zu stolz war, um von einem Menschen wie meinem Zuhälter Geld anzunehmen und 2. Offiziell mit Sicherheit bei ihm nichts zu holen gewesen wäre.
            Änderte es irgendetwas für mich, ob er verurteilt wurde oder nicht? Es gab mir nicht die verlorene Zeit zurück, es machte nichts rückgängig. Kein Gerichtsurteil der Welt könnte mir Gerechtigkeit verschaffen.
            Das Einzige, was ich hoffe: dass es andere Frauen ermutigen könnte, sich zu wehren und zu gehen. Mit den richtigen Polizisten, die einem glauben und das Gefühl geben, ernst genommen zu werden, mit Richtern und Staatsanwälten mit dem nötigen Feingefühl kommt man auch durch so einen Prozess. Nur weiß man das eben nicht vorher- und ich weiß, ich hatte auf diesem Weg wahnsinniges Glück.

            Hinzu kam noch die Angst vor Konsequenzen. In der ersten Zeit, nachdem ich weg war, drohte mir mein Zuhälter mit allen möglichen Dingen, die passieren würden, wenn ich aussagen sollte.
            Ich kannte ihn, ich kannte sein Umfeld, ich wusste, wozu er und seine Leute in der Lage waren. Abzuhauen und ihm damit seine Einnahmequelle zu nehmen war schon eine heftige Provokation und in seinen Augen auch Grund dafür, dass ich Schulden bei ihm hätte.
            Es gab auch Drohungen gegen meine Familie- ein Grund, weshalb ich überhaupt so lange gewartet hatte, zu gehen. Ich wollte nicht verantwortlich dafür sein, dass jemandem, den ich liebe, etwas zu stößt, nur weil ich Scheiße gebaut hatte.

            Daher verstehe ich jede Frau, die sagt, sie hat nicht die Kraft, zu viel Angst oder andere Gründe, nicht auszusagen und nicht anzuzeigen. Wäre es bei mir damals nicht so verlaufen, hätte ich es wahrscheinlich auch nicht gemacht.
            So oder so hat niemand das Recht, zu urteilen, ob es richtig oder falsch ist. Die Dinge sind oft nicht so einfach, wie sie von außen erscheinen. Selten kennt jemand die ganze Geschichte und was es heißt, das Ganze gedanklich immer wieder zu durchleben.
            Wäre es gut, wenn mehr Frauen auspacken würden und es mehr Verurteilungen gäbe? Mit Sicherheit, aber dafür bräuchten wir auch ein Rechtssystem, das den Frauen eben diese Sicherheiten, Schutz und vor allem Hilfen und Alternativen bietet, denn so, wie der Rechtsstaat momentan “hilft”, verstehe ich jede Prostituierte, die dem Ganzen misstraut.

            Ich für meinen Teil habe heute damit abgeschlossen. Meiner Schwester bin ich nicht mehr böse, dass sie die Polizei eingeschaltet hat- sie hatte nur gute Absichten, auch wenn ich sie gebeten hatte, es nicht zu tun.
            Vor meinem Zuhälter fühle ich mich heute nicht mehr schuldig, denn ich habe nichts getan, als die Wahrheit zu sagen.
            Für mich hat dieser Prozess nichts verändert und ich bin froh, dass die Zeit der ewigen Verhöre und Verhandlungen vorbei ist.
            Ich wünsche mir nur, dass sich in unserem Rechtssystem etwas ändert, damit sich mehr Frauen trauen, zu sprechen und Hilfe zu bekommen.

            (c) Marlene

            Eine normale Beziehung führen nach Prostitutionserfahrung?

              Autorin: Anna //

              Für mich kaum möglich. Ich bin seit 3 Jahren in der Prostitution. Immer wieder sage ich mir, dieses Mal ist es das letzte mal, wenn ich es mache. Und trotzdem kann ich heute immer noch nicht von mir behaupten, dass ich ausgestiegen bin. Die Prostitution war für mich zerstörend. Widerlich, primitiv, Abneigung – all das sind Wörter die ich mit ihr verbinde. Und trotzdem lerne ich hier etwas über Menschen. Während ich mich mit ihren Männern unterhalte, mit ihnen schlafe , lerne die Gründe wieso verheiratete Männer ihren Frauen fremdgehen – auch die von Männern die von sich behaupten sie wären glücklich verheiratet. Natürlich tun mir diese Frauen leid.

              Den Männern gegenüber empfinde ich Abneigung. Ich habe viele meiner Freier nach Gründen für ihren Betrug gefragt. Ich wollte es wissen, um es in meiner zukünftigen Beziehung zu verhindern. Sie nannten mir andere Gründe wie „meine Frau ist zu dick, ich finde sie unattraktiv.“ „wir sind uns beide zu alt, wie finden uns nicht mehr anziehend.“ „Hier kann ich junge attraktive Mädchen f*cken an die ich in meinem Alter niemals kommen würde.“

              Muss ich also schön sein um nicht betrogen zu werden? Versuchen für immer möglichst jung auszusehen, mich Diäten unterziehen damit ich schlank bleibe?

              Ein anderer Freier sagte: „meine Frau ist 20 Jahre jünger als ich und hat eine Top Figur, aber sie lässt sich einfach nicht in den Arsch f*cken.“

              Muss ich also sexuell extrem aufgeschlossen sein, vielleicht sogar Dinge machen die mir weh tun oder die ich nicht möchte, damit er es sich nicht woanders holt?
              Ein anderer Freier meinte zu mir: „ich bin glücklich mit meiner Frau aber ich brauche Abwechslung.“

              „Du willst also nicht betrogen werden? kannst du eine Asiatin sein? Eine Latina? Zwei Frauen gleichzeitig?“ Nein, kann ich nicht. Und deshalb muss ich mich dem Schicksal hingeben betrogen zu werden? Muss ich von meinem zukünftigen Mann Prostituiertenbesuche akzeptieren, denn sonst macht er sie eh heimlich?

              Was ich gelernt habe ist, ich kann es nicht jedem Recht machen. Selbst wenn ich mir im Alter Botox Spritze, Diäten unterziehe und in den Arsch vögeln lasse, dann kann ich immer noch nicht meine Nationalität wechseln. Ich kann für ihn keine Asiatin sein, keine Latina, keine 2 Frauen sein. Auch keine 5 Frauen. Ich kann nur ich sein, und wenn das nicht reicht, dann geh.
              Leider ist das leichter gesagt als getan. Ich habe zuviel gesehen und erlebt. Du siehst den netten freundlichen Nachbarn von nebenan, mit Frau und 2 Kindern, der dir nett zunickt wenn er dich Samstags (bloß nicht Sonntag, ist ja Ruhetag) sieht, während er den Rasen mäht.

              Ich sehe einen Mann mit dem ich nicht schlafen will. Der mir Geldscheine hinhält, um meine Einwilligung zu erkaufen. Der mich penetriert und abschmust, der meinen Körper benutzt um sich seine Wünsche zu erfüllen. Ich interessiere ihn nicht. Ich bin nicht als Mensch relevant, nur als Frauenkörper. Wie kannst du mich benutzen als wär ich eine leere Hülle? Nur ein Körper, deine Sexpuppe? Dann heim gehen und vor deiner Familie so tun als wärst du nur auf harmloser Geschäftsreise gewesen, oder bei deinem Freund? Oder du hättest die Zeit nur genutzt deine Eltern zu besuchen?

              Was du mir angetan hast war nicht harmlos. Es hat mich verletzt. Ich möchte nicht mit dir schlafen, ich brauche das Geld. Was würde deine Frau davon denken, wenn sie wüsste, dass du rumrennst und Frauen verletzt? Dass du sie dafür bezahlst ,den Sex den sie mit dir nicht wollen, hin zu nehmen? Dass du sie betrügst um mit Frauen zu schlafen die mit dir gar nicht schlafen wollen?

              Dass du deine Ehe und Familie aufs Spiel setzt, für Frauen die dich gar nicht wollen? Dass du mich bewertest in Foren wie ein Produkt, über meinen Körper öffentlich urteilst als wäre ich eine Ware.
              Wenn man mich fragt, möchte ich gerne eine glückliche Beziehung führen. Ich würde auch gern heiraten und Kinder kriegen. Aber ich habe Angst, denn ich kenne diese Männer… ich kenne eure Männer. Es sind soviele. Und es tut mir leid. Ich will sie gar nicht. Ich will gar nicht mit ihm schlafen. Ich will gar nicht, dass er zu mir kommt. Er soll bei dir bleiben, dir treu bleiben, damit auch ich wieder an Liebe glauben und Vertrauen kann.

              Aber die traurige Realität sieht anders aus. Schätzungsweise gehen 1,2 Mio Männer täglich (unter normalen Umständen, also nicht während Corona) zu Prostituierten.

              Das sind NICHT jeden Tag die gleichen Männer. Viele davon verheiratet oder in einer Beziehung. Untersuchungen dazu unterscheiden sich stark, man kann aber ungefähr davon ausgehen, dass die Hälfte der Freier vergeben sind. Wenn man die Zahlen also hoch rechnet, kommt man auf eine sehr hohe Zahl von Freiern die betrügen und auch auf eine sehr hohe Zahl von betrogenen Partnern. „Aber meiner ist ganz anders“ – sagen Frauen oft von ihren Partnern. In Freierkreisen wird das AMIGA-Typen (Anfangsbuchstaben von „aber meiner ist ganz anders“) genannt und belächelt. Natürlich ist deiner deren Meinung nach nicht anders, dass du das denkst finden sie oft witzig.

              Ach ja, manche Freier haben sogar 2. Handys. Ein normales und eins nur für Prostitution, damit sie es besser verstecken können.
              Und deshalb, kann ich leider nicht mehr an Liebe glauben. Der nette Familienvater von nebenan der nach dem ungewollten Sex mit mir meinen Körper und den Sex online bewertet. Da denke ich mir, das ist der Mann von irgendeiner Frau oder selbst wenn er single ist, der zukünftige Freund von irgendeiner. Und der macht sowas. Ich bin SO froh, dass er niemals mein Freund/Mann sein wird.

              (c) Anna

              Warum sind Freier Arschlöcher? -Teil 3:

                Autorin: Marlene //

                Bereits vor einem Jahr kamen andere Ellas auf die Idee, im Rahmen einer Serie über ihre Erlebnisse mit Freiern zu schreiben.
                Von Anfang an war ich von der Idee begeistert, aber habe erst jetzt geschafft, die Worte zu finden. Hier ist meine Geschichte.

                Mit 20 lernte ich meinen Zuhälter kennen und geriet durch ihn schnell in dieses menschenverachtende System.
                Ich kam aus einer zerrütteten Familie, war es von meiner Mutter gewohnt, nur “Liebe” zu bekommen, wenn ich dafür etwas geleistet hatte, lebte seit einem guten Jahr alleine und fühlte mich genau so- ohne Familie, ohne Bindungen. Für ihn war ich also leichte Beute, gutgläubig und leicht zu manipulieren.

                In meinen fast zwei Jahren in der Prostitution wanderte ich durch Bordelle, Saunaclubs und “Privathäuser”, machte Haus- und Hotelbesuche.
                Widerliche Begegnungen hatte ich überall.
                Begonnen im Saunaclub, wo damals die WM übertragen wurde und die Männergruppen in Scharen kamen. Es war das normalste für diese Männer, mit Kumpels oder Kollegen einen Ausflug in den Puff zu machen, dort die Fußballspiele zu sehen und in den Pausen oder danach die Frauen durch zu nehmen. Ein lustiger Abend mit Freunden eben.
                Wenig später ging es für mich in den ersten “Nachtclub”, wo ich zwischen vielen anderen Frauen saß- wir hatten zwei Bereiche, in denen wir sitzen durften, durften die Männer aber nicht ansprechen, sondern mussten darauf warten, ausgesucht zu werden. Mein Selbstwertgefühl war so gering, dass ich mir kaum vorstellen konnte, dass mich jemand auswählen würde. Als würde es darauf ankommen- als könnte ich daran meinen “Wert” messen.
                Tatsächlich wurde das Geld schnell zu dem Maß, das ich für meinen Wert nahm- denn umso mehr Geld und Freier, umso mehr Aufmerksamkeit bekam ich von meinem Zuhälter. Endlich war da jemand, der sich für mich zu interessieren schien. Dass dies kein echtes Interesse oder gar Liebe war, wusste ich- aber ich wurde gut darin, Dinge auszublenden. Sonst übersteht man die Prostitution nicht.

                Also nahm ich einen Freier nach dem anderen an- wer mich wollte, kriegte mich. Selbst wenn ich gerade erst vom Zimmer kam, wenn einer wollte, konnte es direkt weiter gehen. Selbst die Hausdame meine einmal zu mir, ich müsste nicht jeden Mann annehmen- aber da war ich schon gefangen in einem schrecklichen Sog.
                Als ich einmal zurück kam vom Zimmer forderten die Männer mich auf, noch einmal aufzustehen und mich umzudrehen- sie wollten noch einmal meinen Hintern sehen.

                Mit der Zeit begann ich mit Hausbesuchen. Da war ich dann bei Männern, deren schwangere Frau gerade außer Haus war- momentan könne man mit ihr ja nicht schlafen, das ginge einfach nicht.
                Da wurde mir allmählich die Unterteilung in die “heiligen Ehefrauen” und “dreckigen Huren” bewusst.
                Natürlich gibt es auch genau die umgekehrte Variante, bei der der Freier der Meinung ist, er müsste ja gerade wegen seiner Frau zu einer Prostituierten gehen- denn die Ehefrau würde seinen Fetisch nicht teilen. Hakt man nach, weiß die Ehefrau meistens nicht mal von diesem Fetisch- oder man kann komplett nachvollziehen, dass nicht jede Frau darauf steht, geschlagen, angespuckt, gewürgt oder voll gewinkelt zu werden, um nur einige Beispiele zu nennen.
                Bei einem anderen Hausbesuch wollte jemand Kaviar- also Spiele mit Kot. Ich konnte gar nicht genug duschen.
                Andere schütteten mir im Ehebett das Herz aus über die jüngere Frau, für die sie die erste Ehefrau verlassen hatten und mit der es jetzt nicht mehr so gut liefe. Die Lösung? Scheinbar eine Prostituierte, mit der man dann eben das eheliche Bett teilt.
                Das gleiche Prinzip funktioniert natürlich auch für Hotelbesuche. Ob man auf Geschäftsreise in einer fremden Stadt ist und sich “etwas gönnen” will oder nach dem Streit mit der Frau beleidigt in ein Hotelzimmer flieht und sich ein Mädel hin bestellt, das die eigene Tochter sein könnte, man die Frau gerade zum Flughafen gebracht hat und danach in den Puff fährt- ich glaube, es gibt nichts, das Prostituierte noch nicht erlebt haben. Danach kehren genau diese Männer wieder in ihr Leben zurück und geben den seligen Ehemann.

                Besonders schlimm war ein Freier, der sich in mich verliebt hatte. Er war Anfang 80, ich Anfang 20. Anfangs hielt ich ihn für einen einsamen alten Mann, aber mit der Zeit wurde er mir immer mehr zuwider. Wie er roch, wie er sich anfühlte, wie er mit seinen zittrigen Händen meinen Körper berührte und Dinge tat, von denen er dachte, sie würden sich gut anfühlen- es war kaum auszuhalten.
                Jeden Sonntag zur gleichen Zeit sollte ich ihm seine Stunde frei halten und wir sahen uns. Wenn er mit bekam, dass vorher oder nachher jemand bei mir war, wurde er eifersüchtig und schrieb mir beleidigte Nachrichten.
                Eines Tages brachte er mir eine Perle mit und erzählte mir, er hätte die Perlenkette seiner verstorbenen Frau aufgetrennt, weil eine Perle wie ich doch auch so eine Perle haben sollte. Ich schämte mich so vor seiner Toten Ehefrau und was er mit ihren Dingen tat- in der Annahme, er würde mir damit eine Freude bereiten.
                Ein anderes Mal brachte er mir eine Mappe mit, in der er unseren Gesprächsverlauf abgetippt und mir ausgedruckt hatte. Hier muss ich betonen, dass es sich nur um Terminvereinbarungen handelte- niemals habe ich einem Freier Gefühle oder Liebe vorgespielt. Im Gegenteil, ich war froh über jeden, der keine emotionsgeladene Girlfriend-Nummer wollte. Dieses ständige schauspielern und Männer-Ego streicheln fand ich schlimmer, als jemanden auszupeitschen.
                Ich wusste, ich musste die Reißleine ziehen, aber wie- ich brauchte das Geld und wäre es nach meinem Zuhälter gegangen, hätte ich ihn richtig ausnehmen sollen.
                Das hätte ich nicht gekonnt. Es war schon schwer genug, jede Woche einen Termin mit diesem alten Mann durch zu ziehen. Irgendwann wollte er dann privat mit mir auf den Weihnachtsmarkt gehen- und ich weigerte mich fortan, ihn zu treffen. Trotzdem schickte er mir hin und wieder Nachrichten, aus denen sein verletzter Stolz sprach- er hätte jetzt eine andere, mit der er sich treffen würde. Als würde mich das verletzen.

                Aber auch die Männer in meinem Alter waren nicht besser. Es kamen Jungs, die nett waren, aber der Meinung, sie wären viel zu schüchtern, um eine Freundin zu bekommen. Und das ist Grund genug, zu einer Prostituierten zu gehen?
                Andere kamen in Gruppen, bevor sie feiern gingen. Einer nach dem anderen kam mit in mein Zimmer, die anderen warteten solange draußen. Stärkt das die Freundschaft, sich eine Prostituierte zu teilen?
                Es kamen junge Männer, denen der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben stand, die eine Stunde lang aufs Brutalste alles mögliche mit mir machten. Irgendwann war ich ohnehin so wund, dass die ständigen Schmerzen schon selbstverständlich waren.
                Als Dank bekam ich eine Bewertung geschrieben, in der ich als “perfekte Drei-Loch-Stute” bezeichnet wurde.
                Es kamen Männer, die mir ins Gesicht sagten, dass es sie geil machen würde, dass sie mich gerade gekauft hatten. Oder dass sie es viel besser fanden, mir für einen Blowjob 100 Euro zu zahlen (wie edelmütig), als erst mal mit einer Frau Essen gehen zu müssen und ihr Blumen zu kaufen.

                Aber auch die selbsternannten “Genießer” waren nicht besser. Es wurde ein schönes Hotel gebucht, Blumen gestreut, Massageöl angewärmt, im ganzen Raum Kerzen aufgestellt, das Schauspiel konnte beginnen. Danach wurde ich dann im Bademantel durch das komplette Hotel geführt- denn ich war ja die heiße, junge Freundin.
                Danach erschien ein Seitenlanger Post im Freierforum über die “wundervolle leidenschaftliche” Begegnung. Man liest solche Dinge und fragt sich, wie verblendet Freier eigentlich sind, solche Dinge glauben zu wollen. Genau sie sind der eine unter den vielen Schlimmen, der die Frauen gut behandelt, bei denen es der Frau wirklich Spaß macht, sie eine gute Zeit hat.
                Dass man genau das macht, was sie sich wünschen, wofür man bezahlt wird, dass man am liebsten nicht da wäre und sich nur mit ihnen trifft, weil man das Geld braucht, das wollen sie nicht sehen.

                Freier haben keinen Respekt vor Frauen, ob sie Prostituierte sind oder nicht. Den einen zeigen sie ihr wahres Gesicht, vor den anderen verstecken sie es- das ist der einzige Unterschied. Widerliche Arschlöcher sind sie alle.

                (c) Marlene

                DANKE

                  Heute möchte ich euch mal kurz mit Liebe überschütten – und DANKE sagen. Ganz dick. Ihr seid einfach solche Schatzis. ❤ Denn ihr habt geholfen, dass eine Frau, die sich aus Armut prostituiert hat und die deswegen im Gefängnis sitzt, dieses bald verlassen kann.

                  Ich fasse mich kurz: Ihr erinnert euch an mein Posting vor einiger Zeit, in der es um eine 31-jährige Bulgarin ging, die in München verhaftet worden ist? Sie hatte keine Wohnung. Aber zwei Kinder. Sie kann weder lesen noch schreiben, und sie spricht sehr schlecht deutsch. Sie hat im Sperrbezirk rund um den Münchner Hauptbahnhof angeschafft – und wurde erwischt. Sie bekam ein Bußgeld, das sie nicht zahlen konnte, denn es war sehr viel Geld für eine Frau, die auf den Strich geht, damit sie und ihre Kinder was zu essen haben… Außerdem hatte sie sich mit einem Freier um Geld gestritten. Er bezichtigte sie des Diebstahls, das Gericht glaubte ihm.

                  Dann kam Corona. Ihre Notlage verschärfte sich. Also ging sie wieder anschaffen. Obwohl Prostitution in der Zeit verboten war. Sie wurde erwischt. Neues Bußgeld.

                  Konnte sie nicht bezahlen – und kam ins Gefängnis.

                  Der Fall hat mich so wütend gemacht. Wie kann es sein, dass es ok ist, dass hierzulande Männer die Notlagen von Frauen ausnutzen, um sie sexuell auszubeuten? Und wie kann es sein, dass Mütter in den Knast kommen, wenn sie so arm dran sind, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als das Essen für sich und ihre Kinder zu, Verzeihung, erficken?

                  Also habe ich euch um Spenden gebeten – und zugleich mit einer Hilfestelle vor Ort Kontakt aufgenommen, um die Frau ausfindig zu machen.

                  Und jetzt die Meganachrichten:

                  Es gibt Kontakt zu dieser Frau, ihrem Anwalt und der Staatsanwaltschaft!

                  Und dabei kam raus: Ihre Bußgelder belaufen sich auf mehr, als wir dachten (insgesamt über 5.000 Euro) – aber das macht nichts.

                  Denn ihr habt unfassbare 3.000 (D-R-E-I-T-A-U-S-E-N-D) Euro gespendet – und wir vom Netzwerk Ella haben noch 2.000 von unserem eigenen Spendenkonto draufgehauen.

                  Und jetzt können wir der Frau alle ihre Bußgelder bezahlen und damit ihre Haftzeit ganz erheblich verkürzen (die Haftstrafe wegen angeblichen “Diebstahls” beim Freier können wir leider nicht wegbezahlen) – und sie wird mehrere Monate eher frei kommen und darf zurück zu ihren zwei Kindern – WEGEN EUCH. Weil ihr nicht weggeschaut habt, weil ihr gespendet habt, weil ihr empört ward und euch solidarisiert habt.

                  Das ist für mich die beste Nachricht der Woche, und ich bin so froh und ergriffen, dass wir es gemeinsam geschafft haben, gegen so ein elendes Unrecht vorzugehen und zwei Kindern ihre Mama wiederzubringen.

                  Ich danke euch. So sehr. ❤

                  Danke auch an alle, die geholfen haben, die Frau zu finden. Und ich wünsche euch ein verdammt gutes Wochenende.

                  Eure Huschke vom Netzwerk Ella

                  Hier der Link zum Artikel, der mich auf den Fall aufmerksam machte: klick mich

                  Freundschaft in der Prostitution

                    Autorin: Marlene //

                    Nach meiner Erfahrung gibt es wirkliche Freundschaft in der Prostitution kaum- denn man weiß nie, wem man wirklich vertrauen kann. Echten Zusammenhalt und Solidarität habe ich erst später nach meinem Ausstieg erfahren.


                    Es kommt nicht selten vor, dass eine Frau von ihrem Zuhälter darauf angesetzt wird, eine andere auszuspionieren, sei es, um ihr selbst zu schaden, sie für ihn zu gewinnen, oder um dann an ihren Zuhälter zu berichten, ob sie ehrlich ist oder womöglich Geld unterschlägt- Gründe gibt es genug und kaum etwas ist im Milieu wichtiger, als Loyalität.
                    Erschwerend kommt hinzu, dass man mit manchen Frauen gar nicht erst reden darf- etwa wenn man noch nicht weiß, wer “hinter ihr steht” oder die jeweiligen Zuhälter verfeindet sind. Dass die Frauen dann beide in dem gleichen Bordell sind, ist ohnehin sehr unwahrscheinlich, denn in der Regel ist das Revier gut abgesteckt, aber es kam vor, dass ich solche Redeverbote (Ja, kein Witz- selbst darüber, mit wem du sprechen darfst, kann dein Zuhälter bestimmen) miterlebt habe.

                    Trotz allem hatte ich in meiner Zeit in der Prostitution eine Frau kennen gelernt, mit der mich tatsächlich eine echte Freundschaft verband.
                    Sie war nur zwei Jahre älter als ich und wir freuten uns jede Woche auf den einen Tag, an dem die Frau des Bordellbetreibers nicht selbst arbeitete- da waren wir zu zweit und machten uns schöne Tage. Klar, arbeiten mussten wir trotzdem, aber unter uns zu sein und offen reden zu können tat gut. An allen anderen Tagen mussten wir unsere Freundschaft verstecken, denn das hätte sonst zu Problemen im Bordell geführt.


                    Mit der Zeit merkte ich, dass es ihr immer schlechter ging. Sie war immer unglücklicher und vertraute mir eines Abends an, dass sie vor hatte, abzuhauen. Ein Freund aus ihrer Heimatstadt wollte ihr dabei helfen.
                    Jetzt war ich in einem Dilemma. Loyalität stand über allem- und den Regeln des Milieus nach hätte ich meinem Zuhälter davon erzählen müssen. Sie nicht mehr bei mir zu haben wäre schrecklich gewesen, aber sie länger in dieser Hölle zu sehen, wenn sich doch ein Ausweg bot, war nich schlimmer.
                    Also schwieg ich, auch wenn ich wusste- wenn jemand davon erfährt, bin ich dran.
                    Eines Abends verabschiedeten wir uns, und ich wusste, wenn alles gut geht, würde ich sie nicht mehr wieder sehen. Der Plan sollte in dieser Nacht durchgeführt werden.


                    Als ich am nächsten Tag im Bordell ankam und sie am Tisch sitzen saß, brach mir fast das Herz. Ihr Zuhälter war nicht wie geplant nachts weg gewesen, es hatte nicht geklappt.
                    Von da an zog sie sich immer mehr zurück. Sie war fast nur noch alleine in ihrem Zimmer, wir schrieben die meiste Zeit über das Handy, damit niemand anders Verdacht schöpfen könnte wegen unserer Verbindung. Wenige Wochen später wagte sie einen neuen Versuch- und dieses Mal war sie wirklich weg.


                    Ich freute mich so sehr für sie, aber ich durfte es mir nicht anmerken lassen. Eine kurze Nachricht kam von ihr, dass es ihr gut ginge.
                    Panik breitete sich aus im Bordell, als sie nicht mehr auftauchte- ich sollte versuchen, sie zu kontaktieren, vielleicht würde sie mir ja antworten. Vor den Augen der anderen musste ich ihr schreiben, dafür benutzte ich mein Arbeitshandy- und schrieb von meinem privaten Handy schnell und heimlich hinterher, dass sie mir keine ehrliche Antwort schicken sollte, ich war auf sie angesetzt worden, um sie zu finden.
                    Danach habe ich nie wieder von ihr gehört. Anfangs war ich darüber sehr traurig, aber nachdem ich selbst davon gelaufen war, konnte ich sie verstehen. Man weiß nie, wem man trauen kann, und in diesem Fall ist der Preis zu hoch.


                    Trotzdem denke ich auch heute noch oft an sie. Ich frage mich, ob es ihr gut geht, was sie heute so macht, wie ihr Leben heute aussieht- und würde ihr gerne erzählen, dass ich es ein Jahr später auch raus geschafft habe.

                    (Marlene)

                    Freiheit

                      Autorin: Marlene //

                      !!! Triggerwarnung – Sexuelle/körperliche Gewalt, explizite Sprache

                      Du hast mich von Puff zu Puff geschickt. Du hast mir selbst das Geld, das ich eigentlich behalten durfte, weggenommen. Du hast mich körperlich und seelisch missbraucht, wie es dir gerade gepasst hat. Du hast mich in ein Wesen verwandelt, das ich selbst nicht mehr erkannte, das ich nicht sein wollte- nicht so sein wollte. Du hast mich belogen. Nie wusste ich, wo du bist, mit wem oder was du tust. Heute bin ich froh, dass ich nicht alles wusste, ich hatte schon so genug auszuhalten.

                      Wegen dir musste ich es über mich ergehen lassen, dass mir ein Freier ins Gesicht kackt, immer wieder mit den widerlichsten Typen ins Bett zu gehen und ihre Fantasien zu erfüllen, ihren Schweiß und ihre Schuppen auf meinen Körper tropfen zu sehen, gegen AO-Freier anzukämpfen. Du selbst hast mich geschlagen, angespuckt, zu Sex gezwungen.

                      Mehr als ein Jahr musste vergehen. Dann hast du mich eines Abends ausgelacht, weil du der Meinung warst, ich könnte sowieso nie von dir gehen. Wir haben so sehr gestritten, bis du irgendwann zugeschlagen hast. Wäre nicht einer deiner Freunde irgendwann dazwischen gegangen, wer weiß, wie weit du gegangen wärst. In meinem Mund hatte ich den Geschmack von Blut, denn meine Lippe war innen aufgeplatzt.Ich habe nur noch geheult wie selten zuvor und schnell Sachen in meinen Koffer geworfen. Eine Tasche mit den für mich wichtigsten Dingen hatte ich sowieso immer gepackt- dass der Zeitpunkt der Flucht irgendwann kommen würde, war mir immer klar gewesen.

                      Damals habe ich in ständiger Alarmbereitschaft gelebt. Wobei leben vielleicht nicht das richtige Wort dafür ist, vor sich hin vegetieren trifft es eher.Dann habe ich meinen Koffer und die Tasche geschnappt und bin los, mitten in der Nacht, ohne einen Plan, wohin oder wen ich denn anrufen sollte. Weg. Einfach nur weg.

                      Leider habe ich unterwegs einen kleinen Halt gemacht und ihr konntet mich mit dem Auto wieder einholen. Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, was gewesen wäre, wenn ich in die andere Richtung gegangen wäre oder mich rechtzeitig im Park versteckt hätte. So aber hattet ihr mich gefunden und du hast auf mich eingeredet. Wie leid dir doch alles tun würde, das übliche leere Gerede. Irgendwann stieg ich in den Wagen. Ich war absolut kaputt, der Kopf dröhnte mir nach den Schlägen, meinen Hals konnte ich nach deinem Würgegriff nur schwer bewegen, ich wusste sowieso nicht, wohin. So vergingen noch ein paar Tage. Ich fuhr zu meiner Familie und hatte Angst, dass sie das kleine Hämatom an meinem Auge bemerken könnten, aber es war schon so gut wie verschwunden.

                      Vor ihnen tat ich, als wäre alles gut, die Fassade durfte nicht bröckeln – niemand durfte wissen, was ich wirklich machte. Während dieser Zeit schriebst du mir Nachrichten, dass du mich noch lieben würdest, ob es mir genauso ginge. Die Antwort war nein, aber niemals hätte ich dir das einfach so sagen können. Also fuhr ich zurück und war seltsamerweise sogar noch guter Dinge. Ich wusste ja, was mich zurück bei dir erwarten würde, ich kannte es, es war mir so gut vertraut, auch wenn es schrecklich war. Eine Alternative sah ich nicht im Geringsten.

                      Kaum angekommen, verflog meine gute Laune. Du hast mich angeschrieen, wofür ich denn noch so lange brauchen würde. Dann wurde ich wieder ins Auto verfrachtet, mit mir habt ihr nicht geredet. In diesem Moment fühlte ich mich so richtig wie Vieh, das man einfach irgendwo hin schafft und seinem Schicksal überlässt. Ich saß auf der Rückbank und fühlte mich komplett willenlos. War das mein Leben? War es das, wie es jetzt für immer weiter gehen sollte? “Zu Hause” angekommen hast du mir verkündet, dass ich ab jetzt jeden Monat zwei Wochen in einer anderen Stadt zu arbeiten hätte, das würde ja mehr Geld bringen. Das war sie also, deine “Liebe”.

                      Dann seid ihr wieder gegangen, mich hattet ihr ja “abgestellt”. War das wirklich alles? Wenige Tage später bist du mit Kumpels weggeflogen. Klar, dafür war ja Geld da, wenn man “seine Frau” jeden Tag in den Puff schickt. Die Nacht davor hast du mich kaum schlafen lassen, weil du selbst nicht schlafen konntest. Hast mir ins Ohr gepustet oder einen feuchten Finger ins Ohr gesteckt, das war ja so lustig. Im Vergleich zu den Dingen, die du sonst mit mir gemacht hast, war es tatsächlich noch nett.

                      Ich bin wieder in den Puff gefahren und dort brachen alle Dämme. Ich konnte nicht mehr aufhören, zu weinen. Also vertraute ich mich meiner Schwester an. Ich packte alle Sachen in meinem Zimmer, gab meinen Schlüssel ab, fuhr “nach Hause” und wartete darauf, dass ich geholt werden würde.

                      So begann meine Flucht in die Freiheit. Heute bedeutet Freiheit für mich, nicht nur nicht mehr jeden Tag im Puff zu sitzen und kein soziales Leben außerhalb zu haben. Freiheit bedeutet vielmehr, meine Haare so tragen zu können, wie ich will – und nicht wie die Lieblingspornodarstellerin meines Zuhälters.Die Kleider zu tragen, auf die ich Lust habe.

                      Meinen Körper zu lieben, statt mir anzuhören, dass ich mir die Brüste machen lassen soll, weil “meine Titten viel zu klein” wären. Eine eigene Meinung haben zu dürfen und diese auch zu äußern – nicht zu schweigen, weil ich ja sowieso “nur eine Frau” bin. So laut zu lachen, wie ich will, einfach weil ich es kann. Die Sonne auf der Haut zu spüren und sie nicht nur durch das Fenster im Bordell heraus strahlen zu sehen. Mich in den Jahren nach der Prostitution weitergebildet zu haben, heute eine Karriere zu haben. Mich nach der Prostitution mit zwei Jobs gleichzeitig abgeschuftet zu haben, aber heute schuldenfrei sein – ohne, dass mich jemals wieder jemand für Geld anfassen durfte. Jemand gefunden zu haben, der mir gezeigt hat, was Liebe wirklich bedeutet – Jemand, der mich nie ändern wollen würde.

                      Dese Freiheit- oder was auch immer Freiheit für jede einzelne von uns bedeutet – will ich für jede einzelne Frau da draußen. Deshalb ist es vielleicht die größte Freiheit von allen, heute das Vergangene aufgearbeitet zu haben, mit dem Netzwerk Ella Verbündete gefunden zu haben, und dem System, das mich kaputt machen wollte, den Kampf angesagt zu haben. Wir hören nicht auf zu kämpfen, bis dieses widerwärtige System zerstört ist und jede einzelne Frau diese Freiheit hat.

                      Erst, wenn jede einzelne von uns frei ist, erst dann sind wir wirklich frei.