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Solidarität und Unterstützung für offene Briefe und Proteste an Europarat

    Autorin: Pani K.

    Liebe Freundinnen und Freunde,
    Netzwerk Ella unterstützt Offene Briefe und Proteste von Frauen-Organisationen an Europarat. Bitte unterstützt auch ihr diesen Protest!

    Hier eine kurze Chronologie:

    1. am 01.12.2023 hat OHCHR zu Einreichungen zum Thema “Prostitution und Gewalt gegen Frauen und Mädchen” aufgerufen. Netzwerk Ella und viele andere Frauen-Organisationen haben darauf bis zum 31. Januar 2024 ihre Einreichungen bei OHCHR vorgelegt.

    Link: https://netzwerk-ella.de/index.php/2024/02/09/input-to-the-report-of-the-special-rapporteur-on-violence-against-women-and-girlsto-the-human-rights-council-on-prostitution-and-violence-against-women-and-girlssubmitted-by-netzwerk-ella/

    2. am 25.01.2024 haben mehrere Frauen-Organisationen aus Deutschland eine Eingabe an die UN abgeschickt, in der es um aktuelle Stellung der Frauen in Deutschland geht, und ab der Seite 11 – explizit um deutsche Prostitution und Gewalt gegen Frauen:
    “Das Dokumentationsprojekt Sex Industry Kills zeigt eine exorbitant hohe Anzahl an in der Prostitution verübten Femiziden (Registrierung oft mit einem Verzögerungseffekt von mehreren Jahren, da auf Presseberichterstattung angewiesen – eine offizielle Statistik existiert nicht).”
    Stand 01.12.2023: 112 Mordopfer seit dem Jahr 2000!

    Link: https://www.feministischepartei.de/wp-content/uploads/2024/03/202401_Vorlage-bei-der-UN-Kommission-zur-Stellung-der-Frau.pdf

    3. am 15.02.2024 veröffentlicht Dunja Mijatović (Kommissarin für Menschenrechte, Europarat) einen Kommentar zu den Menschenrechten mit dem Titel: “Schutz der Menschenrechte von Sexarbeitern.” Sie argumentiert unter anderem für vollständige Legalisierung der Sexindustrie sowie Zuhälterei und bezieht sich hierbei explizit auf einen menschenrechts-basierten Ansatz. Organisationen wie Netzwerk Ella kommen bei gleichem Ansatz zu entgegengesetzten Forderungen! Mijatović schreibt:
    “Nachdem ich mich mit Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in ganz Europa, ihren Vertretungsorganisationen, einschlägigen internationalen Organisationen und Experten beraten habe, fordere ich einen Ansatz für die Sexarbeit[1], der sich fest auf die Menschenrechte stützt und sich auf den wirksamen Schutz der Rechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern konzentriert, wobei ihre Sicherheit, Handlungsfähigkeit und körperliche Autonomie Vorrang vor Stereotypen und falschen Vorstellungen haben.”
    (Original: “After having consulted with sex workers across Europe, their representative organisations, relevant international organisations and experts, I call for an approach to sex work[1] that is firmly based on human rights and focuses on the effective protection of sex workers’ rights, prioritising their safety, agency and bodily autonomy over stereotypes and misconceptions.”)

    Link: https://www.coe.int/en/web/commissioner/-/protecting-the-human-rights-of-sex-workers

    4. am 29.02.2024 protestieren 14 abolitionistische Organisationen in einem offenen Brief gegen den Kommentar von Mijatović. (Ich habe den kompletten Brief ins deutsche übersetzt und unten eingefügt.*) Sie fordern:
    “Wir, von Überlebenden geführte, feministische und basisdemokratische Organisationen, sind entsetzt über den Kommentar der Menschenrechtskommissarin des Europarates zum “Schutz der Menschenrechte von Sexarbeiterinnen”, sowohl was die Methodik als auch den Inhalt betrifft. Frauen und Mädchen in der Prostitution haben etwas Besseres verdient als ein unzusammenhängendes Stück Propaganda, das man nur als solches bezeichnen kann. […] In einer Zeit, in der Europa einen Paradigmenwechsel zugunsten des Gleichstellungsmodells erlebt, bedeutet der Kommentar der Kommissarin, der die Entkriminalisierung von Gewalttätern fordert, einen echten Rückschlag für die Rechte der Frauen. Der Weg nach vorn kann nur in der Abschaffung des sexistischen, rassistischen und klassenbasierten Systems der Prostitution bestehen, nicht in seiner “vollständigen Entkriminalisierung”. Wir fordern die Kommissarin daher auf, ihren Kommentar auf der Grundlage eines ethischen, objektiven und integrativen Konsultationsprozesses zu überdenken und zu ändern.”
    (Original: “We, survivors-led, feminist and grassroot’ organisations, are appalled by the Council of Europe Commissioner for Human Rights’ comment on “protecting the human rights of sex workers”, both in terms of the methodology used and of the content developed. Women and girls in prostitution deserve better that what can only be considered a disconnected piece of propaganda. […]
    At a time when Europe is experiencing a paradigm shift in support of the Equality Model, the Commissioner’s comment calling for the decriminalisation of perpetrators of violence marks a real backlash on women’s rights. The way forward can only be the abolition of the sexist, racist & class-based system of prostitution, not its “full decriminalisation”. We therefore call on the Commissioner to review and amend her comment based on an ethical, objective and inclusive consultation process.”)

    Link: https://www.cap-international.org/the-commissioner-for-human-rights-of-the-council-of-europe-does-not-understand-the-realities-of-the-prostitution-system/

    5. am 04.03.2024 protestieren 140 Organisationen, darunter auch Netzwerk Ella, in einem offenen Brief gegen die Forderungen von Mijatović. Sie appellieren:
    “Wir fordern daher den Europarat auf, die Aussage der Kommissarin zurückzuweisen und Besuche in Schweden, Frankreich und Irland zu arrangieren, um die Denkweise und die Ergebnisse der Systeme des Nordischen Modells zu untersuchen und mit der Realität in Deutschland zu vergleichen. Wir fordern den Rat außerdem auf, Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass der EGMR nicht durch die Erklärung der Kommissarin beeinflusst wurde und dass sich so etwas nicht wiederholen kann.”
    (Original: “We therefore urge the Council of Europe to repudiate the Commissioner’s statement and to arrange visits to Sweden, France and Ireland to investigate the thinking behind, and outcomes of, their Nordic Model systems and to compare that with the reality in Germany. We also urge the Council to take measures to ensure that the ECHR has not been influenced by the Commissioner’s statement and to ensure that such a thing cannot happen again.”)

    Link: https://nordicmodelnow.org/wp-content/uploads/2024/03/Letter-to-the-Council-of-Europe.pdf


    Danke für eure Solidarität!


    © Netzwerk Ella – 2024
    Titelbild: nordicmodelnow.org, Übersetzung: Pani K.

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    * “The Commissioner for Human Rights of the Council of Europe does not understand the realities of the prostitution system” – “Die Menschenrechtskommissarin des Europarates versteht die Realitäten des Prostitutionssystems nicht”,
    29 Februar 2024, Autor: zala, Übersetzung: Pani K.

    Offener Brief[1] von 14 Organisationen, die mehr als 2.000 feministische und von Überlebenden geführte Organisationen vertreten, als Reaktion auf den Kommentar der Menschenrechtskommissarin des Europarates zur Prostitution.[2]

    Wir, von Überlebenden geführte, feministische und Basisorganisationen, sind entsetzt über den Kommentar der Menschenrechtskommissarin des Europarates zum „Schutz der Menschenrechte von Sexarbeiterinnen“, sowohl was die Methodik als auch was den Inhalt betrifft. Frauen und Mädchen in der Prostitution haben etwas Besseres verdient als ein zusammenhangloses Stück Propaganda, das man nur als solches bezeichnen kann.

    Eine undurchsichtige Konsultation, die ausschließlich Organisationen offensteht, die sich für „Sexarbeit“ einsetzen?

    Unsere 14 Organisationen repräsentieren mehr als 2.000 von Überlebenden geführte, feministische und Basisorganisationen, die im vergangenen Jahr mehr als 18.000 prostituierte Personen in der ganzen Welt unterstützt haben, fast ausschließlich Frauen und Mädchen aus den am stärksten marginalisierten Gemeinschaften. Keine einzige unserer Organisationen wurde in die Konsultationen einbezogen, die zu dieser Stellungnahme führten, da die Kommissarin vorrangig Organisationen angesprochen hat, die keine ernsthafte Erfahrung mit der direkten und langfristigen Unterstützung von Prostituierten haben.

    Daher werden in der Stellungnahme die Perspektiven und Erfahrungen von prostituierten Personen, die von unseren Organisationen und Netzwerken unterstützt werden, nicht berücksichtigt. So verweist die Kommissarin beispielsweise auf Belgien als Referenz, obwohl das Land eine wichtige Drehscheibe für Prostitution und Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung in Europa ist, obwohl lokale Organisationen wiederholt auf die katastrophalen Auswirkungen der belgischen Gesetzgebung auf prostituierte Personen hingewiesen haben.[3]

    Angesichts der offensichtlichen Unfähigkeit der Kommissarin, die Organisationen der Betroffenen und der Überlebenden zu erreichen, möchten wir ihr mit einem konkreten Vorschlag unter die Arme greifen: Frau Kommissarin, wir laden Sie ein, sich selbst ein Bild von der Realität der Prostitution zu machen, sei es in Belgien oder anderswo, indem Sie eine oder mehrere unserer Organisationen treffen, die in der ersten Reihe stehen und von Überlebenden geleitet werden. Die Realitäten, die Sie entdecken werden, werden sich wahrscheinlich sehr von dem in Ihrem Kommentar entwickelten Narrativ unterscheiden.

    Eine Explosion von Gewalt und Ausbeutung, wo die Empfehlungen der Kommissarin für Menschenrechte umgesetzt wurden.

    Unsere Organisationen erleben an der Basis die katastrophalen Auswirkungen der von Menschenrechtskommissarin empfohlenen Maßnahmen zur Entkriminalisierung von Zuhältern und Sexkäufern.

    In Deutschland, einem Land, das die Prostitution im Jahr 2002 legalisiert hat, sind die Ergebnisse unmissverständlich:

    ·        Die höchsten Schätzungen beziffern die Zahl der in der Prostitution tätigen Personen im Land auf 400.000,[4] von denen im Jahr 2021 nur 23.000 für den offiziellen Status „Sexarbeiter“ registriert waren.[5]

    ·        81 % der registrierten Frauen waren im Jahr 2021 Ausländerinnen.[6]

    ·        Zuhälter nutzen die Gesetzgebung als Fassade, um die Schwächsten auszubeuten: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich die Zahl der im Berliner Rotlichtmilieu registrierten ukrainischen Kriegsflüchtlinge verfünffacht.[7]

    ·        Die Entkriminalisierung des Kaufs von sexuellen Handlungen hat zu einer Explosion der Nachfrage geführt: In Deutschland gaben 26 % der Männer an, mindestens einmal in ihrem Leben Sex gekauft zu haben, in Schweden waren es nur 7 %.[8]

    ·        Um diese Nachfrage zu befriedigen, verkaufen Bordelle Frauen in industriellem Maßstab in „Megabordellen“, die Pakete für 70 € anbieten, die eine Frau, ein Bier und eine Wurst enthalten,[9] oder „all you can fuck“-Angebote.

    Die katastrophalen Ergebnisse des deutschen Ansatzes führen zu einem kollektiven Erwachen und einem Paradigmenwechsel in diesem Land: Sowohl die CDU/CSU-Bundestagsfraktion als auch der Bundeskanzler (SPD) haben sich kürzlich dafür ausgesprochen, dem „Sexarbeit“-Ansatz ein Ende zu setzen.[10]

    Die explosionsartige Zunahme und Normalisierung des Kaufs sexueller Handlungen hat Auswirkungen auf alle Frauen und Mädchen und erhöht den Druck auf die am stärksten ausgegrenzten unter ihnen. In den Niederlanden, einem Land, das im Jahr 2000 die Prostitution legalisiert hat, ist es jetzt legal, dass Fahrlehrer ihren Fahrschülern sexuelle Handlungen als Zahlungsmittel anbieten.[11] Diese Praxis wird gemeinhin als „eine Spritztour für eine Spritztour“ bezeichnet.

    In Belgien, in der Brüsseler Straße Aerschot, die für ihre Fensterprostitution bekannt ist, „zahlt jede in der Prostitution tätige Person durchschnittlich 250 € pro Tag an die Bordellbetreiber, um ein Fenster zu mieten. Diese Miete entspricht einem Betrag von 7.500 Euro pro Monat. Das bedeutet: die in der Prostitution tätige Person muss erst 150 sexuelle Handlungen „umsonst“ vollziehen, bevor sie auch nur einen einzigen Euro für sich selbst behalten kann“, so die Basis-NRO isala.[12]

    Unter dem Deckmantel der Verbesserung der Bedingungen für prostituierte Personen stärkt das Regulierungsmodell der Prostitution den Würgegriff der Zuhälter – von der Kommissarin höflich als „Dritte“ bezeichnet. Diese profitieren von diversen Rechtsstellungen, wie etwa „Unternehmer“ oder „Bordellbesitzer“, und setzen die sexuelle und wirtschaftliche Ausbeutung der Schwächsten völlig ungestraft fort.

    Wir stimmen zu, dass die Prostitution ein Schnittpunkt vielfältiger Diskriminierungen ist und dass die am stärksten marginalisierten Frauen und Mädchen in diesem System überrepräsentiert sind (70 % der in der Prostitution tätigen Personen in Europa sind beispielsweise Migrantinnen[13]). Anders als die Kommissarin setzen wir jedoch Opfer und Ausbeuter nicht auf eine Stufe, da letztere die Schwächen der ersteren ausnutzen und ihre Macht über sie missbrauchen.

    „Wir brauchen keine Gewerkschaften, Krankenversicherung oder Mindestlohn. Wir brauchen Trauma-Therapie, Ausstiegsprogramme, Schutz und finanzielle Hilfe. Wir brauchen keine Arbeitsrechte. Wir brauchen die Rechte, die sich aus der Anerkennung als Opfer von Gewalt ergeben“ , so von Überlebenden geführtes Kollektiv #Intedinhora (#NichtDeineHure) aus Schweden.

    Prostitution in der internationalen Menschenrechtsgesetzgebung: weder Arbeit noch Sex, sondern eine Verletzung der Menschenwürde!

    Es ist besonders beunruhigend zu sehen, dass die Kommissarin auf einen „menschenrechtsbasierten Ansatz“ in Bezug auf „Sexarbeit“ verweist, ohne ein einziges internationales Menschenrechtsinstrument zu zitieren oder zu erwähnen, das ihren Ansatz konkret unterstützt. Dafür gibt es einen Grund: Die universellen, verbindlichen Menschenrechtsverträge sind eindeutig in Bezug auf die Verpflichtung der Staaten, Zuhälterei unter Strafe zu stellen und der Nachfrage, die den Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung begünstigt, entgegenzuwirken:

    ·        In der UN-Konvention von 1949 wird die Prostitution als „unvereinbar mit der Menschenwürde“ bezeichnet.[14] Es ist daher unvorstellbar, dass eine Tätigkeit, die die Menschenwürde verletzt, plötzlich vom Europarat als Arbeit anerkannt wird, zumal der Europarat den Zugang zu „menschenwürdiger Arbeit“ fördert und verteidigt.

    In demselben Übereinkommen werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, jede Person unter Strafe zu stellen, die „die Prostitution einer anderen Person, auch mit deren Einverständnis, ausnutzt“ und die „ein Bordell unterhält oder leitet oder wissentlich ein Bordell finanziert oder sich an dessen Finanzierung beteiligt“ oder „wissentlich ein Gebäude oder einen anderen Ort oder einen Teil davon zum Zwecke der Prostitution anderer Personen vermietet oder verpachtet“.

    ·        Darüber hinaus verpflichtet Artikel 6 des CEDAW-Übereinkommens die Mitgliedstaaten, die Ausbeutung der Prostitution von Frauen und Mädchen, d. h. die Zuhälterei, zu unterbinden.[15]

    ·        Artikel 9.5 des Palermo-Protokolls verpflichtet die Mitgliedstaaten, „der Nachfrage entgegenzuwirken, die alle Formen der Ausbeutung von Menschen, insbesondere von Frauen und Kindern, die zum Menschenhandel führen, begünstigt“.[16]

    Die Kriminalisierung der Zuhälterei und des Kaufs sexueller Handlungen sind auch Maßnahmen, die von der OSZE[17], dem Europäischen Parlament[18], der Parlamentarischen Versammlung des Europarats[19] und der Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für Gewalt gegen Frauen[20] einstimmig als beste Instrumente zur Bekämpfung des Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung empfohlen wurden.

    „Die Argumente, dass die Entkriminalisierung der Nachfrage nach dem Kauf sexueller Handlungen die Sicherheit, die Würde und die Lebensbedingungen der prostituierten Frauen verbessert, scheinen nicht durch Fakten gestützt zu werden. Prostitution führt zu schweren Menschenrechtsverletzungen für die betroffenen Frauen und Mädchen.“  (UN-Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, Reem Alsalem, 2023)[21]

    Die vereinbarte Sprache der Vereinten Nationen und der EU ist und bleibt „Prostitution“ und „Person in der Prostitution“. Wir bedauern die wiederholte Verwendung des Begriffs „Sexarbeit“ in dem Kommentar, der ein Propagandabegriff ist, der dazu dient, die dem Prostitutionssystem innewohnende Gewalt und die Muster sexistischer, rassistischer und klassenbedingter Unterdrückung, die es nähren, zu verschleiern und die Legalisierung von Prostitution zu fördern.

    „Unsere Grundüberzeugung als UN Women ist, dass alle Frauen, die in dieser Branche tätig sind, Opfer sind, unabhängig davon, ob sie sich selbst als Sexarbeiterinnen betrachten oder nicht, oder ob sie dies als einen Job ansehen, wir betrachten sie als Opfer und diejenigen, die die Dienstleistung kaufen, als Täter von Gewalt gegen Frauen.“  (Phumzile Mlambo-Ngcuka, ehemalige Exekutivdirektorin von UN Women, 2020).

    Es gibt einen (echten) menschenrechtsbasierten Ansatz zur Prostitution: Er schützt die Opfer und bekämpft die Straflosigkeit der Täter.

    Schweden, Norwegen, Island, Irland, Nordirland, Kanada und Frankreich sowie das EU-Parlament haben einen feministischen und menschenrechtsbasierten Ansatz zur Prostitution gewählt, indem sie die Prostitution als ein System von Gewalt und Ausbeutung anerkennen. Dieses „Gleichstellungs-Modell“ trennt zwischen den Opfern und ihren Ausbeutern: Es entkriminalisiert die Prostituierten, ermöglicht ihnen den Zugang zu Ausstiegsprogrammen und bestraft den Kauf von sexuellen Handlungen – die Wurzel des Prostitutionssystems – sowie die Zuhälterei.

    In Schweden, das 1999 ein Gleichstellungs-Modell (auch „abolitionistisches Modell“) eingeführt hat,

    ·        wurde die Nachfrage halbiert, infolge der Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Handlungen. 1996 gaben 13,6 % der Männer in Schweden[22] an, einmal in ihrem Leben eine sexuelle Handlung gekauft zu haben, im Vergleich zu 7 % im Jahr 2023.[23]

    ·        machte der Rückgang der Nachfrage das Land zu einem unattraktiven Gebiet für Netzwerke der Menschenhändler, die das Land verlassen haben.[24]

    ·        hatte das Gesetz eine normative Wirkung. 1996 waren 75 % der schwedischen Bevölkerung gegen die Bestrafung von Sexkäufern. Weniger als zehn Jahre später, im Jahr 2008, wurde diese Maßnahme von 70 % der Bevölkerung befürwortet.[25]

    ·        wurden seit Einführung des Gesetzes keine Prostituierte getötet, in Deutschland waren es mindestens 84.[26] [AdÜ: zum 01.12.2023 sind es in Deutschland mindestens 112 seit 2000.[27]]

    In Frankreich wird ein Gleichstellungs-Modell seit 2016 umgesetzt:

    ·        Keine prostituierte Person wurde seit der Einführung des Gesetzes bestraft.

    ·        1.247 Personen haben von einem Ausstiegsprogramm profitiert, das psychosoziale Unterstützung, eine Aufenthaltsgenehmigung für ausländische Opfer, eine Unterkunft, monatliche finanzielle Unterstützung und eine Berufsausbildung bietet, mit einer Erfolgsquote von 95 %.[28]

    ·        Mehr als 8.000 Sexkäufer wurden zu Geldstrafen verurteilt oder mussten an einem Sensibilisierungskurs über die Realitäten der Prostitution teilnehmen.[29]

    ·        Die Zahl der Verfahren gegen Zuhälter ist zwischen 2016 und 2019 um 54 % gestiegen, und die Entschädigung für die Opfer ist um das Siebenfache gestiegen.[30]

    Die Rechtskonformität des französischen Gesetzes wurde vom französischen Verfassungsgericht mit eindringlichen Worten anerkannt.[31] Der Hohe Rat für Gleichstellung in Frankreich hat diesen Ansatz als „Beitrag zum Aufbau einer Gesellschaft der formalen und realen Gleichstellung von Männern und Frauen“ anerkannt,[32] und Überlebende aus mehreren Ländern haben kürzlich ihre kollektive Unterstützung für die Gesetzgebung zum Ausdruck gebracht.[33] Die Kommissarin scheint sich dieser Elemente nicht bewusst zu sein und bezieht sich auf das französische Recht nur im Rahmen einer Zulässigkeitsentscheidung in einem laufenden Verfahren, was der Entscheidung des Gerichtshofs in keiner Weise vorgreift. Wir müssen darauf hinweisen, dass dieses Verfahren von denselben Organisationen unterstützt wird, auf die die Kommissarin den Konsultationsprozess bei der Abfassung dieser Stellungnahme beschränkt hat.

    Wir stimmen zu, dass die Mitgliedstaaten sicherstellen müssen, dass ihre Gesetze im Einklang mit der Europäischen Menschenrechtskonvention stehen. Um dies zu erreichen, sollten sie jedoch genau den gegenteiligen Ansatz verfolgen als den, den die Kommissarin propagiert.

    In einer Zeit, in der Europa einen Paradigmenwechsel zugunsten des Gleichstellungsmodells vollzieht, stellt die Bemerkung der Kommissarin, der die Entkriminalisierung von Gewalttätern fordert, einen echten Rückschlag für die Rechte der Frauen dar. Der Weg nach vorn kann nur in der Abschaffung des sexistischen, rassistischen und klassenbasierten Systems der Prostitution bestehen, nicht in seiner „vollständigen Entkriminalisierung“.

    Wir fordern daher die Kommissarin auf, ihren Kommentar auf der Grundlage eines ethischen, objektiven und integrativen Konsultationsprozesses zu überprüfen und zu ändern.

    Unterzeichner:

    ·        Die Koalition für die Abschaffung der Prostitution (CAP)[34] – ein Zusammenschluss von 35 Basisorganisationen und von Überlebenden geführten Organisationen in 28 Ländern, die 18.000 Opfer von Prostitution und Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung unterstützen.

    ·        Die Europäische Frauenlobby (EWL)[35] – die größte Dachorganisation von Frauenverbänden in Europa mit 32 nationalen Koordinierungsorganisationen und 17 europaweiten Mitgliedsorganisationen, die insgesamt mehr als 2 000 Frauenrechtsorganisationen vertreten. Die EWL hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine integrative, furchtlose, laute und unabhängige feministische Stimme zu vertreten und die Stimmen von Frauen und Mädchen in die europäische politische Arena einzubringen. Die EWL repräsentiert die Vielfalt der Frauenbewegung in ganz Europa und mobilisiert die kollektive Erfahrung und das Fachwissen ihrer Mitglieder, um an wichtigen Themen zu arbeiten, die Frauen und Mädchen betreffen.

    ·        Das Europäische Netzwerk der Migrantinnen[36] – eine von Migrantinnen geführte europäische Plattform, die über 50 Mitgliedsorganisationen in 23 EU-Staaten vereint. Seine Ziele sind der Schutz der Rechte von Migrantinnen und die Bekämpfung aller Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

    ·        SPACE International[37] – eine internationale Organisation von Überlebenden aus der ganzen Welt, die die Anerkennung von Prostitution als Verletzung der Menschenwürde und als grundlegendes Hindernis für die Gleichstellung der Geschlechter fordert.

    ·        Intedinhora[38] – das größte von Überlebenden geführte Netzwerk in Skandinavien für Menschen, die die Prostitution überlebt haben. Unsere Organisation besteht heute aus über 160 Mitgliedern, und wir alle sind der festen Überzeugung, dass Prostitution ein Teil der Gewalt von Männern gegen Frauen ist.

    ·        Die Koalition gegen Frauenhandel (CATW)[39] – eine der ältesten internationalen Organisationen, die sich für die Verhinderung und Beendigung des Frauenhandels und der sexuellen Ausbeutung von Frauen und Mädchen weltweit einsetzt, und zwar durch rechtliche Beratung, Sensibilisierung der Öffentlichkeit und Partnerschaften mit der weltweiten Bewegung der Überlebenden.

    ·        Die Initiative Féministe EuroMed[40] – eine politische Plattform, die Expertise im Bereich der Gleichberechtigung und der Rechte von Frauen bietet, die untrennbar mit dem Aufbau von Demokratie und Bürgerschaft verbunden sind, und die sich für politische Lösungen für alle Konflikte und für das Recht der Völker auf Selbstbestimmung einsetzt.

    ·        Der Brüsseler Aufruf[41] – ein partnerschaftlicher Zusammenschluss von über 120 Organisationen der Zivilgesellschaft sowie von Überlebenden und Experten, die sich auf internationaler, europäischer, mitgliedstaatlicher und lokaler Ebene für die Beendigung von Prostitution und sexueller Ausbeutung in Europa einsetzen.

    ·        Die Schwedische Frauenlobby[42] – ein politisch und religiös unabhängiger Dachverband der schwedischen Frauenbewegung, der 51 Organisationen umfasst und über 130.000 Frauen und Mädchen vertritt.

    ·        Die Französische Koordinierung der Europäischen Frauenlobby[43] – eine NRO, die fast 100 französische Organisationen leitet und koordiniert. Die Struktur setzt sich auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene für die Rechte der Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter ein.

    ·        Osez le féminisme![44] – eine nationale französische Frauenrechtsorganisation, die von allgemeinem Interesse ist. Sie setzt sich durch Sensibilisierung, Lobbyarbeit, Unterstützung der Opfer und strategische Rechtsstreitigkeiten für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein.

    ·        Rights4Girls[45] – eine in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation, die sich für die Beendigung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen marginalisierte junge Frauen und Mädchen einsetzt. Wir setzen uns dafür ein, die Geschichte und die Politik zu ändern, die diejenigen kriminalisieren, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind, und setzen uns für Lösungen ein, die Mädchen und Frauen Zugang zu Sicherheit, Gerechtigkeit und Unterstützung bieten.

    ·        Das Bündnis Nordisches Modell[46] – verbindet über 45 Frontline- und Basisorganisationen sowie zahlreiche Experten und Überlebende der Prostitution aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und setzt sich für eine Änderung der Prostitutionspolitik in Deutschland zum „Nordischen Modell“ (Gleichstellungs-Modell).

    ·        Der spanische Landesverband der Abolitionistinnen[47] – besteht aus Expertinnen und Überlebenden des Prostitutionssystems, vertritt die Auffassung, dass Prostitution eine Form der Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist und dass Abschaffung der Prostitution eine Frage der Menschenrechte ist.


    [1] Zala: The Commissioner for Human Rights of the Council of Europe does not understand the realities of the prostitution system, in: CAP International, 29.02.2024, https://www.cap-international.org/the-commissioner-for-human-rights-of-the-council-of-europe-does-not-understand-the-realities-of-the-prostitution-system/ (abgerufen am 08.03.2024)

    [2] https://www.coe.int/en/web/commissioner/-/protecting-the-human-rights-of-sex-workers

    [3] https://www.isalaasbl.be/prostitution-associations-feministes-expriment-leur-profonde-inquietude-quand-a-lapproche-de-la-belgique/

    [4] https://www.bbc.com/news/world-europe-26261221

    [5] https://www.destatis.de/EN/Press/2022/07/PE22_277_228.html

    [6] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/11/PD19_451_228.html

    [7] https://cne.news/article/2857-war-in-ukraine-causes-spike-in-refugees-being-recruited-for-prostitution

    [8] https://sverigeskvinnoorganisationer.se/wp-content/uploads/2023/12/Sex-pruchase-in-Sweden-Germany-Fact-sheet.pdf

    [9] I. Kraus: Situation in Germany, 17 years after the decriminalisation of pimping, Trauma and Prostitution, 2018

    [10] https://www.cap-international.org/wp-content/uploads/2024/02/Joint-Statement_Paradigm-Shift-in-Germany_BNM_CAP_EWL_English.pdf

    [11] https://edition.cnn.com/2015/12/21/europe/driving-lessons-sex-netherlands/index.html

    [12] https://www.isalaasbl.be/prostitution-associations-feministes-expriment-leur-profonde-inquietude-quand-a-lapproche-de-la-belgique/

    [13] Brussels Call, Her Future is Equal, 2022.

    [14] The Convention of 2 December 1949 for the Suppression of the Traffic in Persons and of the Exploitation of the Prostitution of Others.

    [15] The United Nations Convention of 18 December 1979 on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women.

    [16] The United Nations Protocol to Prevent, Suppress and Punish Trafficking in Persons, Especially Women and Children.

    [17] https://www.osce.org/cthb/489388

    [18] Regulation of prostitution in the EU: its cross-border implications and impact on gender equality and women’s rights – Thursday, 14 September 2023. (europa.eu)

    [19] Resolution of the Parliamentary Assembly of the Council of Europe of 8 April 2014 on „Prostitution, trafficking and modern slavery in Europe.

    [20] https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/issues/women/sr/activities/2023-10-27-sr-vawg-commentary-france-law-prostiution.pdf

    [21] https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/issues/women/sr/activities/2023-10-27-sr-vawg-commentary-france-law-prostiution.pdf

    [22] Sweden Ban on the purchase of a sexual act, an assessment, 2008.

    [23] The Swedish Women’s Lobby: Sex purchase in Sweden and Germany, 2023.

    [24] Sweden Ban on the purchase of a sexual act, an assessment, 2008.

    [25] Sweden Ban on the purchase of a sexual act, an assessment, 2008.

    [26] https://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2019/04/Murders-of-prostituted-women-in-Germany-since-legal-prostitution-in-2002.pdf

    [27] M. Schon, M. Barz, M. Kühn: Eingabe an die UN-Frauenrechtskommission, S.11, 25.01.2024, in: Feministische Partei: Frauenorganisationen informieren UN Frauenrechtskommission über besorgniserregende Entwicklungen in Deutschland, https://www.feministischepartei.de/wp-content/uploads/2024/03/202401_Vorlage-bei-der-UN-Kommission-zur-Stellung-der-Frau.pdf

    [28] AdÜ: Zwischen 04.2016 und 01.2023, https://www.causette.fr/societe/en-france/isabelle-lonvis-rome-je-souhaite-porter-une-nouvelle-strategie-nationale-de-lutte-contre-la-prostitution-a-la-rentree/

    [29] AdÜ: etwas weniger als 500 Verurteilungen pro Jahr, https://www.causette.fr/societe/en-france/isabelle-lonvis-rome-je-souhaite-porter-une-nouvelle-strategie-nationale-de-lutte-contre-la-prostitution-a-la-rentree/

    [30] Daten aus FACT-S, 2021: https://www.fact-s.fr/ & IGAS, Evaluation de la loi du 13 avril 2016 visant à renforcer la lutte contre le système prostitutionnel et à accompagner les personnes prostituées, 2020: https://www.igas.gouv.fr/IMG/pdf/2019-032r-prostitution-d.pdf

    [31] https://www.conseil-constitutionnel.fr/decision/2019/2018761QPC.htm

    [32] https://www.haut-conseil-egalite.gouv.fr/violences-faites-aux-femmes/travaux-du-hce/article/cp-qpc-prostitution-le-haut-conseil-a-l-egalite-salue-la-decision-du-conseil

    [33] https://m.youtube.com/watch?v=zvv-tn4w5cc&cbrd=1

    [34] https://www.cap-international.org/

    [35] https://womenlobby.org/?lang=en

    [36] https://www.migrantwomennetwork.org/

    [37] https://www.spaceintl.org/

    [38] https://intedinhora.se/

    [39] https://catwinternational.org/

    [40] https://www.efi-ife.org/en/

    [41] https://brusselscall.eu/

    [42] https://sverigeskvinnoorganisationer.se/in-english/

    [43] https://www.clef-femmes.fr/

    [44] https://osezlefeminisme.fr/

    [45] https://rights4girls.org/

    [46] https://www.bündnis-nordischesmodell.de/

    [47] https://www.femab.org/

    Stundenlohn

      Autorin: Ronja //

      Ein Text an die Freier, die mir Sätze wie „Von deinem Stundenlohn können andere nur
      träumen!“ an den Kopf warfen:


      „Von deinem Stundenlohn können andere nur träumen!“ – ein Satz, der mir bis heute im Ohr
      geblieben ist, weil ich ihn öfter von Männern deiner Sorte hörte.


      Heute macht es mich so wütend.
      Denn du hast mir diesen Satz an den Kopf geknallt, weil du etwas erreichen wolltest.
      Du wolltest mich damit beleidigen oder verunsichern, mir ein schlechtes Gewissen machen
      und so mehr Zeit herausholen oder weniger zahlen oder mich doch zu einem meiner Tabus
      überreden.
      Denn von meinem Stundenlohn könnten andere ja nur träumen!
      Perfide daran ist auch, dass Typen wie du das wohl jeder an den Kopf knallen.
      Einer, die tatsächlich einen dreistelligen Stundenlohn verlangt.
      Aber auch denen, die sich auf der Straße für Zwanzig Euro oder noch weniger anbieten
      müssen.


      Und perfide ist auch, dass es wirklich in mir gewirkt hat.
      Es hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht.
      Ich habe bald selbst geglaubt, dass ich die 80 oder 100 Euro, die ich für eine Stunde mit dir
      genommen habe, nicht „verdiene“.
      Ich hab damals nicht geblickt, wieso ich so einen Stundenlohn habe aber nichts „daraus
      mache“, einfach nichts schaffe.
      Wieso ich nicht zu so einem happy hooker aus den Medien werde, die nach Lust und Laune
      mal eine Stunde „arbeitet“ und sich sonst ihre Zeit mit Wellness und Shopping und
      Champagnerfrühstück vertreibt.


      Wieso ich stattdessen immer tiefer in Verzweiflung, Betäubung und Schulden abrutsche und
      schließlich völlig aus jedem Hilfssystem gefallen bin.
      Wieso blieb von den 100 Euro Stundenlohn denn nichts übrig?
      Nun, erst einmal ist der Begriff Stundenlohn schon völlig falsch.
      Dieses Geld ist nicht in einer Stunde gemacht, denn für diese Stunde braucht es oft vorab
      stundenlanges Warten.
      Im Bordell, auf der Straße oder, wie in den meisten Jahren in meinem persönlichen Fall, auch
      zuhause vor dem Rechner, wenn man Anzeigen über Online-Portale schaltet und dann die
      Anfragen der Freier via Plattform oder Mail beantwortet.
      Dieses Warten ist aber nirgendwo stressfrei, sondern mit Angst und Daueranspannung
      verbunden:


      Welche ernsthaft schockierenden „Angebote“ und Beleidigungen bekomme ich ab, bis es mit
      dem nächsten halbwegs vernünftigen Freier klappt?
      Klappt es heute überhaupt oder gehe ich hungrig ins Bett oder kann meine
      Zimmermiete/Rechnung nicht zahlen oder muss auf Entzug und morgen geht der ganze Stress
      in noch elenderem Zustand wieder von vorne los?
      Geht meine „Glückssträhne“ heute wieder weiter oder gerate ich endlich an den
      Psychopathen, der mich umbringt? (Falls ihr findet, dass das unrealistisch klingt: Genau diese
      letzte Frage wurde in meinem eigenen Kopf in meinem letzten Jahr in der Prostitution immer
      lauter und hat mich krank gemacht, zumal Morde durch Freier ja nun leider kein extrem
      unwahrscheinliches Hirngespinst.)


      Manchmal verbringt man so zwei, vier, sechs oder acht Stunden oder wenn es mal gar nicht
      läuft sogar viele Tage mit Warten, Angst haben und gleichzeitig unter ungesunder
      Hochspannung stehend. Wer sich da nur ansatzweise hineinversetzen kann, wird verstehen,
      warum viele von uns an einer ähnlichen oder schlimmeren PTBS wie Soldaten nach dem
      Kriegseinsatz leiden.


      Und ich spreche hier nur von Ängsten und Spannungen derer, die nicht noch Fäuste oder
      schlimmeres von ihrem Zuhälter befürchten müssen, wenn sie ihr Soll nicht erreichen…
      Dann kommen, je nach Art und Ort der Prostitution, ganz verschiedene Posten dazu.
      Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie nötig sind um „im Geschäft“ zu bleiben und konstant
      einen Teil der Einnahmen wieder auffressen. Dazu können zählen:

      • Zimmer-/ Studiomiete / Provisionen an Agenturen,
      • Kondome / Gleitgel / Sexspielzeuge,
      • Dessous / Fetischwäsche / sonstige extra „Arbeitskleidung“ und High Heels,
      • Kosmetik und Kosmetikbehandlungen
      • professionelle Fotos und Kosten für Websites / geschaltete Werbung
      • Steuerberater

      Nun willst du vielleicht sagen, dass jeder selbstständige Mensch erst etwas investieren muss,
      bevor er verdient.
      Das ist für normale Berufe sicherlich der Fall.


      Aber hier ist der Punkt: Prostitution ist das nicht, darf einfach nicht so angesehen werden!
      Denn dass auch mir das eingeredet wurde und ich es selbst unbedingt glauben wollte, hat so
      viel kaputt gemacht.
      In welchem Beruf ist es denn so, dass Erfahrung bei der „Kundenakquise“ eher schadet als
      nützt und die laufenden „Investitionen“ steigen statt sinken?
      Die meisten deiner Sorte wollen keine Frau, die über 30, über 40, über 50 oder noch viel älter
      ist und schon jahrelang tut oder tun muss, was du als dein gutes Recht ansiehst.
      Die meisten deiner Sorte wollen dafür Frischfleisch, jung und unerfahren, straff, eng und noch mit „echten Emotionen“ (manche deiner Sorte meinen damit Angst und Ekel und Schmerz). Je verbrauchter wir werden, je mehr Geld braucht es für Wartungsarbeiten. Während wir auf der anderen Seite oft weniger Geld verlangen können von dir. Oder immer heftigere Nischen bedienen müssen, die den Verfall nur noch beschleunigen.
      (*Worte, die ich selbst niemals verwenden würde, aber die ich auch alle mal von Typen wie
      dir gehört habe)


      Nicht wenige, die über Jahre und Jahrzehnte keinen Absprung finden und damit eine
      „Berufserfahrung“ haben, die in normalen Berufen doch eher Ansehen und Absicherung
      verspricht, werden im Alter ein Fall für das Sozialamt.
      Verschuldet / insolvent, chronisch krank, einsam.
      Wenn wir ein hohes Alter überhaupt erreichen.
      Und nein, das liegt nicht daran, dass wir unfähig sind, mit Geld umzugehen oder vernünftig
      zu planen.
      Das liegt daran, dass dieses System niemals darauf ausgelegt ist, dass WIR in irgendeiner
      Form, und sei es wenigstens nur die finanzielle, die Gewinnerinnen sind.
      Die Villen, die dicken Uhren, die Spa-Behandlungen: das gönnt sich im Alter der ehemalige
      Bordell-Betreiber. Das gönnte sich ein Hugh Hefner (schließlich auch ein Sinnbild von
      männlichem „sex sells“-Profiteur). Das gönnen sich die gut betuchten Freier wie du, der sich
      darüber aufregen kann, wie eine Frau dafür, sich von dir penetrieren lassen zu müssen, so
      einen unverschämten Stundenlohn verlangt.


      Und wie recht du hast. Unverschämt ist es allemal:
      Ja, ich hatte mal einen Stundenlohn von 100 Euro.
      Um wieder ein paar Tage zu überleben.
      Um mich wieder für ein paar Tage zu betäuben.
      Um wieder für ein paar Momente im Jetzt auszuhalten um nicht an gestern, dich und morgen
      zu denken.
      Ja, ich hatte mal einen Stundenlohn von 100 Euro.
      Und habe in jeder dieser Stunden Schulden gemacht, die ich vielleicht nie wieder tilgen kann.
      An meinem Körper, meiner Psyche, meiner Biografie, meinen Beziehungen, meiner Zukunft.
      An meinem Urvertrauen, meinem Selbstwert und der Fähigkeit, mir selbst den Schutz, die
      Fürsorge und die Sicherheiten im Leben zuzusprechen, die jedem Menschen zustehen sollten.


      Aus der Prostitution raus wollen,
      das auch wirklich schaffen,
      schuldenfrei werden,
      eine eigene kleine Wohnung finden,
      die Ausbildung machen, die man sich erträumt,
      ungesunde Beziehungsmuster überwinden,
      bei Bedarf eine Traumatherapie bekommen,
      keine körperlichen (Spät)Folgen entwickeln…
      Egal, wie hoch unser Stundenlohn mal war.
      Für viel zu viele bleiben diese Dinge unbezahlbar.


      „Von deinem Stundenlohn können andere nur träumen!“
      Bitte nicht!


      Diesen Albtraum wünsche ich keinem!

      Survivor testimony for the SR VAWG‘s report on violence against women and prostitution

        Autorin: Pani K.//

        Survivor testimony for the SR VAWG‘s report on violence against women and prostitution submitted by Pani K., survivor of prostitution and sexual exploitation.[1]

        “How is the issue of consent dealt with? Is it possible to speak about meaningful consent for prostituted women and girls?”


        Consensus means that everyone involved wants the same thing and has given their valid consent. Consensus is neither a compromise nor a deal!

        Consent to sexual activities must be given out of one’s own volition, without external influence. It must be personally and expressly communicated and acknowledged before the sexual activities. Consent must continue to exist during the sexual activities and is freely revocable. If negative consequences are to be feared or expected in the event of revocation, consent does not exist. It can be both specific and conditional and cannot be given retrospectively.[2]

        Consent is invalid if:
        1. the person is incapable of giving consent (due to alcohol, drugs, sleep…).
        2. there is a lack of will (due to error, deception…).
        3. there is a lack of knowledge (What will happen? What are the possible consequences?..).
        4. distress is exploited (homelessness, hunger, illness…).
        5. coercion is present (threat, “will-bending” violence).
        6. force is present (“will-breaking” violence).
        7. indisposable right is affected (life, physical integrity, freedom…).[3]

        In prostitution, incapacity to give a consent or exploitation of distress are usually ignored.
        Although prostitutes cannot revoke their consent without negative consequences, coercion is not recognised. The exertion of influence by means of payment to bend the will is also not recognised as coercion. A lack of will is not assumed, despite the necessary extrinsic motivation (payment).
        Each of the above 7 cases is common reality in prostitution! And any form of sexual activities for payment – paysex – is the complete opposite of consensual sexuality.

        Consensus in non-commercial sexuality is in fact very different from the commercial kind: in prostitution, pornography and paysex in general, consent is merely part of the deal. The john wants sex, the prostitute wants payment – it’s not consensus, it’s commercialised rape!

        German law defines prostitution as a sexual service and prostitutes as persons who provide it.[4] In this case, payment transforms coercion and rape into a “service”. The legislator applies a double standard – depending on whether sexual activities take place with or without payment. Moreover, German courts have ruled that women in prostitution had to pay 500 Euros because johns were not satisfied with the paid “service”.[5] Also, German job centres that have forced unemployed women to provide this “service” under threat of financial sanctions.

        To be clear: consensus cannot exist in prostitution or paysex because:
        1. participants do not want the same thing.
        2. any offer of payment for sexual activities influences the free decision-making process.
        3. any denial of consent has negative consequences.
        4. any revocation of consent has negative consequences.

        Furthermore, any consent to prostitution is fundamentally invalid, as inalienable human rights are threatened:
        5. prostitution violates human dignity.
        6. prostitution is de facto equivalent to torture, which occurs repeatedly and lasts for weeks, months or years – it is commercialised systematic rape that is tolerated or legalised by the state. Systematic rape is recognised as a method of torture and is therefore absolutely prohibited without exception.[6]
        Paysex is by definition unfree for prostitutes: it is a contract and sex is their duty. But no human being has the right to rape other humans, with or without a contract. And no human being can contractually renounce their own human dignity or consent to torture.

        Germany sees it differently, here torture is legalised and is administered, taxed and advertised everywhere – even with female slaves.[7] Rape centres are subsidised,[8] because that is exactly what countless brothels in the middle of German cities are. Torture is renamed as work and service, while inalienable human rights degenerate into a question of individual negotiating skills. Prostitution is normalised, there are reports of “14-year-olds who prostitute themselves of their own free will”.[9]
        Sex purchase is seen as inevitable and all efforts and progress made by other countries in combating it are discredited by Germany.

        However a sex purchase ban alone is not sufficient – the system of prostitution can only be abolished with a systemic approach: namely by the equality model.[10]
        In particular, help for prostitutes and survivors must include more than decriminalisation and livelihood security. The commercialised, systematic and immanent violence in prostitution must be considered cruel treatment and torture.

        But there is no need for complex legal arguments in this discussion. As a survivor of prostitution, I can clearly testify that almost all prostitutes don’t want to have sex with johns. Almost all prostitutes don’t want to be in prostitution at all. Even the johns themselves confirm this!
        Is it really important whether consent to sexual activities in return for payment can be hypothetically valid? The only crucial question is: Should johns be allowed to do what they do in prostitution and pay sex in general? Should humans be allowed to impose and inflict on other humans what happens every day when buying sex?
        As a survivor, I can only answer one thing: No! No human being is allowed to do that!

        Nobody must have the freedom to buy a Yes! Nobody must have the right to buy their way out of their own crimes! Sexual freedom or pleasure cannot justify the destruction, suffering or death of women or girls.
        Nothing can compensate for or redefine these crimes. And as long as johns are allowed to rape for payment, all women and girls are neither free nor equal nor safe. As long as access to a human being’s body can be bought, every human being is a commodity.
        Prostitution, like slavery and torture, must be abolished!

        Personal testimony:

        I grew up in Russia and Moldova, and live in Germany. I am unable to work and chronically ill: complex PTSD, dissociation, depression, panic, sleep disorders… I have suffered abuse and violence since birth. I experienced my first rape at the age of 16. At the age of 17 I was forced into prostitution, at 30 I was broken and considered no longer marketable. I have been in prostitution in Moldova, Bulgaria, Romania, Turkey and Germany: on the street, in hotels, flats, clubs, studios and as an escort. I have experienced the world of paysex in many facets – from sex model to dominatrix, with pimps and without, self-determined and forced. I was recruited, trafficked, threatened, blackmailed, arrested, persecuted, imprisoned, tortured, interned, deported, almost sold into slavery – and raped again and again.

        There were more than 300 rapes. I say „more than“ because I stopped counting at 300. I managed to escape the first attempted rape when I was 14. After the rape at 16, I became pregnant, was expelled from school and forced to have an abortion. At 16, I was a ‘fallen girl’ and ‘worthless’. Some perpetrators had knives or guns, others used coercion or violence. I only fought back once, self-defense only meant escalating the perpetrators’ anger to increased violence, greater pain and acute danger to my life.

        Rape means absolute powerlessness and overwhelming fear of death. Someone else has control over me, seizes my most intimate parts, rages inside me – like an explosion from within. I am defenceless inside myself, completely at the mercy of others, I have to endure everything and be silent – it’s like drowning in pain. There is no hiding place, no escape route, no rescue. The only way to escape this horror is to “switch off” – it’s like dying – the soul leaves the tormented body, the consciousness dissociates and the light goes out – literally. It’s like being dead, for minutes or hours…

        For many people, a near-death experience is not just a trauma, but a turning point in life. Afterwards you are a different person, nothing is as it was. After more than 300 near-death experiences caused by rape, I’m not sure whether I’m really still alive. The connection to my body is very fragile, the connection to other people – unstable. I often feel dead and wonder why my body moves or feels anything. Living dead – that’s what I call it. I often think it would be better not to survive.

        Survival means: having to remember – the unbearable. It means having to live with the pain that remains stored in the body. Having to endure the fear that violence will be inflicted again. And having to endure guilt – for the fact that you survived but the others didn’t… All the other women who were raped next to me, who cried and fought back, who fell unconscious, who never came back. They deserved to survive. They should have had that luck – instead I had it. But I’m not happy about it, it’s a burden and an agony, I feel guilty – because I’m still here. And I despair because I can’t remember their names. I would love to remember them – but I can’t even do that…  And then there’s the everyday life: everything is a challenge that can trigger panic and start a crises. I never feel safe when people are around me. And I notice the helplessness of the helpers – they suffer when they can’t help. But respect for pain is also a kind of help, sometimes the only one possible.

        I’m often asked about my exit, as if you could just get out of violence or poverty. I didn’t have this self-determined “exit”. I was simply no longer marketable – I couldn’t stand being touched by johns – called “broken-fucked”. I couldn’t talk about it for a long time, it was too painful… I didn’t know that there was help for prostitutes. It was alone my problem, how and whether I survived. But survival is just the first step on the way back to life…

        Payment is part of the problem: rape always remains violence – whether it is paid or unpaid. Being raped every day is torture – no payment in the world can change that.
        I didn’t want sex with the johns, I needed money – money for pimps, brothel owners, hotel owners, police officers, border officials, paper forgers – and also for my family. I wanted my sister to never have to endure what I endured. That I wouldn’t have to endure it either – ever again – but I couldn’t afford to say No. Purchased rape is not a ‘service’. Commercialised rape is not ‘work’. The payment for it – blood money – is not a salary. I can judge that well, I had to endure it for a long time with and without payment…

        A single rape can be enough to break a person forever, one is scarred for life – maimed. After more than 300 rapes, I am broken into more than 300 pieces. Scars, cracks, shards – that’s me and I’ll never be whole and healed again. Time does not heal all wounds – living with them is a great challenge.
        Victims of violence should not be reduced to their role as victims – that’s true, but it’s half the truth. My problem: I wasn’t recognised as a victim of violence. Because I never filed a complaint, there were no witnesses or they were gone and the perpetrators are unknown. My memory is fragmented by the trauma. That is enough for me not to be recognised as a victim and not to receive compensation. Justification: That’s just the ‘occupational hazard’. Legislation is part of the problem. The sentence “Human dignity is inviolable” – that doesn’t apply to me. For me, there is neither dignity nor justice. It’s degrading to endure that. Institutional violence is so “clean” and overpowering…

        I often hear that sexual freedom is important and a human right. 
        I answer: Sexual freedom is not freedom to rape. 
        No woman or girl should have to endure what was done to me. 
        Johns and pimps must be punished.
        Payment for sexual activities must be considered a crime against human dignity and humanity.
        Because it affects all humans – every day!


        © Pani K. – 2024

        Source references:

        [1] My identity is known to the NGO’s Netzwerk Ella, Bündnis Nordisches Modell and End Demand Switzerland.

        [2] What is Consent?, in TAP808, https://www.tap808.org/consent, accessed on 27/01/2024.

        [3] Einverständnis und Einwilligung, in Juracademie, https://www.juracademy.de/strafrecht-at1/einverstaendniseinwilligung.html, accessed on 27/01/2024.

        [4] Prostitutes Protection Act, Section 2 Definitions, entered into force on 01/07/2017, https://www.gesetze-iminternet.de/prostschg/__2.html, accessed on 27/01/2024.

        [5] Wolfgang Gleich: Kein Orgasmus: Freier verklagt Prostituierte, 13/02/2020, last updated 03/03/2023, in ZVW, https://www.zvw.de/lokales/winnenden/kein-orgasmus-freier-verklagt-prostituierte_arid-148075, accessed on 27/01/2024; Huschke Mau: Der Staat als Zuhälter, 26/02/2020, in Kontext Wochenzeitung, https://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/465/der-staat-als-zuhaelter-6533.html, accessed on 27/01/2024.

        [6] Was ist Folter?, in Amnesty International Schweizer Sektion, https://www.amnesty.ch/de/themen/folter/zahlen-fakten-und-hintergruende/was-ist-folter, accessed on 27/01/2024.

        [7] Sklavinnenstudio, Abenteuerland Subkultur, https://abenteuerlandsubkultur.de/sklavinnenstudio/, accessed on 27/01/2024.

        [8] Dagmar König: Keine Corona-Hilfen für zwielichtige Bordelle, 02.12.2020, in CDA, https://www.cda-bund.de/aktuelles/dagmar-koenig-keine-corona-hilfen-fuer-zwielichtige-bordelle/, accessed on 27/01/2024.

        [9] Wolfram Lumpe: Wuppertal: Freiwillig in die Prostitution mit 14?, 20.11.2023, in WDR, https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/ermittlungen-jugendliche-zuhaelter-prostitution-wuppertal-100.html, accessed on 27/01/2024.

        [10] Entschließung des Europäischen Parlaments 2013/2103(INI), 26.02.2014, https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-7-2014-0162_DE.html, accessed on 27/01/2024; Entschließung des Europäischen Parlaments 2022/2139(INI), 14.09.2023, https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2023-0328_DE.html, accessed on 27/01/2024.

        Input to the report of the Special Rapporteur on violence against women and girls to the Human Rights Council on prostitution and violence against women and girls submitted by Netzwerk Ella

          Netzwerk Ella is a network of women who were or are in prostitution. It was founded to give women in and after prostitution a platform and a voice. We do not profit from third-party prostitution and do not co-operate with profiteers in the sex industry or their representatives. As an independent organisation of affected women, our network is the voice of those who are not represented by organisations that advocate prostitution and pornography. We demand that prostitution be abolished as a system of sex-based violence, oppression and exploitation that particularly affects women and girls.

          Some of the questions asked by the special rapporteurs are addressed below:*

          1. Provide examples of the hidden forms of prostitution, and explain to what extent they are recognized and dealt with as such?

          28,278 persons in Germany were validly registered according to the Prostitutes Protection Act at the end of 2022. [1] However 200,000 to 400,000 prostitutes are estimated. [2, 3] Most prostitution is therefore already hidden, unregistered and illegal. Often remains invisible in the political discussion, and affected persons hardly find access to officially recognized help and exit offers. Street workers may reach persons in illegal prostitution, yet many are not reached at all. These persons remain hidden to statistics on the reality of prostitution.

          Various forms of hidden prostitution are covered: OnlyFans, Tinder, MyDirtyHobby, striptease, sex cams, massage parlors, sugar dating, sexual assistance, swingers clubs, commercial BDSM events, apartment brothels. OnlyFans and Tinder in particular are a trap for women and girls as low-threshold entry into sexual exploitation. Some johns actively seek out newcomers, using sexual harassment or coercion to push women and girls into prostitution. Johns looking for students and housemothers for sex at economy rates. Sugar daddies pay money for sexual dates, especially with young women or girls. It is common for johns to demand sex in return for work, food, housing, vacation or even help in an emergency. Since the Covid pandemic, the start of the war in Ukraine and the increasing housing shortage, this problem has become even more acute. One example is the phenomenon of men offering a room or a place to sleep in their private flat – not in exchange for rent, but in exchange for sex. [4] This “hidden” prostitution is openly initiated on classified ad sites on the internet, under the search term “pocket money”, or even on private apartment listings.

          Fear of having made oneself liable to prosecution through illegal prostitution, shame and dependency on johns and profiteers indicate a high number of unreported cases of hidden prostitution. Social acceptance of buying sex and the political normalization of prostitution as sex work make it impossible to effectively recognize and combat such predicaments and usually leave affected persons without help.

          4. What forms of violence are prostituted women and girls subjected to (physical, psychological, sexual, economic, administrative, or other)?

          Prostitutes are exposed to all of these forms of violence. They are affected more frequently and more severely than other women. [5] At least 110 women have died violently in German prostitution since 2002. [6] Many of these victims were mothers, their desperate children are left behind as orphans, often abroad and without help.

          Those in favor of prostitution say that only 1% of all prostitutes are victims of violence. But there are more deaths than while serving in the police or armed forces in the same period. Every murdered prostitute is one too much! Prostitution produces deaths and orphans. The longer this accepting attitude towards prostitution continues, the more damage prostitutes suffer, the more lives and families are destroyed. Most violence comes from johns.

          It is important to consider immanent and inherent forms of violence in prostitution.

          Immanent violence: The john wants sex, the prostitute wants payment – this is not a consensus. He buys a Yes because he does not want to accept a No. The payment is a gag for the prostitute and a release for the john. He uses his financial superiority to suppress her unwillingness. Prostitution, also known as “sex work”, is neither sex nor work, but paid rape, abuse and torture. 

          Inherent violence: The john is not just a customer or buyer, as sex cannot be bought and consumed like a dildo. He buys access to the most intimate parts of another person’s body and wants to dispose of this body as he pleases. Either the john pays more so that the prostitute gives in, or he resorts to coercion and violence. Johns commit serious criminal offenses, including murder.

          5. Who is responsible for the perpetration of violence against women and girls in prostitution?

          Generally, violence is carried out by johns. [7] Almost all johns are male [8], socially well integrated and of all ages and classes. They are our neighbors, colleagues, friends, partners and family members – buying sex is a phenomenon affecting society as a whole. Around 27% of men in Germany have paid for sex at least once. [8]

          Johns decide to practice their sexuality in prostitution out of inner motivation. Many johns firmly believe that they are entitled to sex with other people, especially women. Johns know that prostitutes do not desire them sexually, but only endure them – for financial reasons or existential hardship. By sexually dominating prostituted women, johns gain an immediate affirmation of their masculinity.

          Johns demand dangerous and harmful sexual practices. [8, 9] They favor inexperienced, desperate, disadvantaged and defenseless women. Many johns demand sex with underage, pregnant, anorexic and other very vulnerable women. Shared consumption of alcohol or drugs is often expected or forced. Many johns also behave disrespectfully, intrusively and aggressively towards women outside of prostitution. [9] Johns consume, practice and perpetuate sexism and contempt for women.

          7. What links are there between pornography and/or other forms of sexual exploitation and prostitution?

          Pornography and prostitution are two sides of the same coin. Commercial pornographic content with real humans is filmed prostitution.

          Also many porn actresses are also involved in prostitution. Especially Amateur pornography, including sex cams, offers entry into prostitution. The content posted by amateur actresses often includes porn with various male filming partners, most of whom are porn consumers, known as users. Web pages give advice on how users can become filming partners. These filming partners are simply johns who give consent to be filmed. [10] Amateur actresses often also offer sex dates for money. [11]

          All forms of pornography play a crucial role in prostitution: 55% of German johns consume pornography at least weekly [12] and many porn consumers become johns. First, real women are used in pornographic images, then – in reality at home, in a hotel or brothel.

          Moreover, prostitution is the place where pornography is copied. Johns get specific fixed ideas from their porn consumption and demand that everything is done exactly like this – they want to experience sex as depicted in pornography.

          Prostitutes have to adapt their offerings according to these depictions, including physically: permanent make-up, artificial fingernails, breast enlargement, waxing, intimate bleaching, vaginal tightening, labia reduction… Because their bodies must remain competitive and profitable.

          Many prostitutes were or are also involved in pornography. This “porn world”, which, like prostitution, knows no No, works on the same principle: “He enjoys, she has to deliver”. Its message is omnipresent and always available – pornography is propaganda of sexism, especially heterosexual mainstream videos. Women become in the eyes of consumers and johns generally seen as buyable and inferior to men, not equal.

          9. How effective have legislative frameworks and policies been in preventing and responding to violence against women and girls in prostitution?

          According to the Prostitute Protection Act, prostitution locations must be equipped with an emergency call system. [13] But how is it supposed to work in service boxes, caravans in street prostitution or in brothel flats? If a prostitute succeeds in activating the emergency call when necessary, the violent offence has usually already been committed and the perpetrator is on the run before help arrives. Despite the emergency call system and the presence of security staff, violence against prostitutes cannot be prevented. [14] Security cameras in brothels are set up in a way that johns cannot be seen. This makes it more difficult to identify the perpetrators. Although buying sex without a condom has been a criminal offence for johns since 2017 [15] and buying sex from forced prostitutes since 2021 [16], such actions are rarely or never punished.

          The Prostitutes Protection Act has failed. Violence, oppression and exploitation in prostitution were recognized while at the same time, the assumption that prostitution is a service, was not critically scrutinized. The  misogynistic structures of sex industry still exist and have even been strengthened: buying sex has been normalized. Supposed voluntariness has ultimately only legitimized violence by johns and sanctions against prostitutes. Brothels, pimps and even human traffickers receive state subsidies. [17] The police and judiciary are powerless. [18] The hardships and suffering of prostitutes are ignored, they are left alone and forgotten.

          Violent offenses against prostitutes are rarely reported, resulting in more known murders than known attempted murders of prostitutes since 2002. [19] In response to violence, the corresponding statistical recording was abolished so as not to stigmatize “sex work”. The ubiquitous trivialisation of the sex trade defies reality and increases the number of victims of prostitution and sexual exploitation in Germany. 

          14. Are frontline organizations and survivors’ organisations sufficiently included in policymaking at the national and international level?

          No, they are rarely involved and often ignored. Netzwerk Ella, as a survivor organisation of women who have been or are still affected by prostitution, pornography and sexual exploitation, criticizes the lack of inclusion of survivors’ organisations in policymaking. As long as buying sex is normalised and legalised, victims of the sex trade are ignored or marginalised. In contrast, “sex workers”, who advocate sex trade and speak for organisations in which brothel keepers and other profiteers are also active, are listened to.

          Affected women like us do not have government subsidies, strong lobbies or sufficient resources, we work on a voluntary basis. As survivors and affected persons of prostitution and sexual exploitation, we often live in precarious conditions. This results in barriers that make our involvement difficult: lack of funds for travel costs or unpaid leave, lack of language skills or availability of free translation, lack of protection of privacy and identity, lack of psychotherapeutic support. We see an enormous need for political action on a national and international level to enable survivor’ organisations to participate better and more broadly in policymaking.

          15. What recommendations do you have to prevent and end violence associated with the prostitution for women and girls?

          In order to prevent and end violence in connection with prostitution, it is essential to prevent prostitution and eliminate its causes. Demand is both, the root and the solution to the problem.

          As an organisation of affected women and survivors of prostitution and other forms of sexual exploitation, including commercial pornography, Netzwerk Ella calls for prostitution to be abolished as a system of sex-based violence, oppression and exploitation that primarily affects women and girls. [20] Without effectively combating demand, prostitution cannot be abolished. Without the abolition of prostitution, human trafficking and modern slavery cannot be eliminated. 

          We recommend implementing a systemic approach:

          • Help for persons those affected by prostitution or sexual exploitation.

          Decriminalization and guaranteed state assistance for affected persons and survivors to leave sex trade. Abolition of any taxes or levies on offering or practicing sexual services. Providing comprehensive programs that enable health rehabilitation, social reintegration and viable alternatives for those affected. Protection and recognition as victims of violence with the right to asylum. Help for family members of affected persons, especially their children.

          • Elimination of all profits from prostitution or sexual exploitation of other people.

          Criminalization of all profiteers from prostitution or sexual exploitation of others and confiscation of all their related profits. Prohibition of selling pornography featuring real persons, excluding own pornographic content. Combating all forms of pimping. Prohibition of any state or municipal revenue from prostitution or sexual exploitation.

          • Education about prostitution and sexual exploitation.

          Societal education focusing young people about the destructive consequences and significant dangers of prostitution and pornography. Help for young people at risk and their parents. Age-appropriate education about equality of sexes and sexual self-determination in schools. Support for survivors’ organizations providing education.

          • Prevention of prostitution and sexual exploitation.

          Combating the demand for prostitution, including the ban on buying sex and punishing johns as soon as they offer payment. Consent to sexual activities in return for payment must be invalid. Combating the demand for pornography featuring real persons. Combating all forms of violence against women and girls. Eliminating sexism, female poverty and disadvantage.

          • Effective work of state services.

          Training and further education of all responsible institutions and services. Appropriate contact persons, sufficient female specialists. Involvement of survivor’ organisations as experts and advisors in all measures. Ethical guidelines for all employees of state services that explicitly prohibit the purchase of sex and the consumption of commercial pornography featuring real persons.

          We sincerely hope that our hereby submitted input, based on experiences as affected women and our network’s aim for recognition and necessary political action, will receive appropriate attention at the UN Human Rights Council.

          With best regards,

          Jara Anouk, Pani K., Ronja Wolf

          Netzwerk Ella

          Source references:

          * Office of the High Commissioner for Human Rights: Call for input to the report of the Special Rapporteur on violence against women and girls to the Human Rights Council on prostitution and violence against women and girls (01.12.2023). https://www.ohchr.org/en/calls-for-input/2024/call-input-report-special-rapporteur-violence-against-women-and-girls-human, retrieved on 02.12.2023.

          [1] Statistisches Bundesamt: Gültig angemeldete Prostituierte in Deutschland am 31.12.2022 nach Bundesländern (2023). https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Prostituiertenschutz/Tabellen/prostitutionstaetigkeit2022.html, retrieved on 26.01.2024.

          [2] Deutscher Bundestag: Drucksache 18/9080 (2016), p. 7. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/090/1809080.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [3] TAMPEP: Sex Work in Europe Annex 4 National Reports (2010), p.109. https://tampep.eu/wp-content/uploads/2017/11/ANNEX-4-National-Reports.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [4] Exemplary two articles from the last three years in which such cases were made public:

          1. SPIEGEL online: Room for sex – trial against landlord has begun [translated by authors of this submission] (01.12.2020). https://www.spiegel.de/panorama/justiz/muenchen-zimmer-gegen-sex-prozess-gegen-vermieter-hat-begonnen-a-667b30dc-befa-4c8d-b1c3-0bcffc8c7628, retrieved on 26.01.2024;

          2. Berliner Zeitung: Flat for sex: How landlords try to exploit women looking for a flat [translated by authors of this submission] (08.11.2022). https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/serie-wohnwahnsinn-berlin-wohnung-gegen-sex-wie-vermieter-versuchen-frauen-auf-wohnungssuche-auszunutzen-li.284422, retrieved on 26.01.2024.

          [5] BMFSFJ: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland, Teilpopulation 2 – Prostituierte (2004), p. 47: „For example, 68% of the prostitutes surveyed stated that they had been afraid of being seriously or life-threateningly injured in situations of physical violence since the age of 16, and 72% in situations of sexual violence since the age of 16. In the main study, this proportion was significantly lower at 40% for physical violence and 44% for sexual violence.“ [translated by authors of this submission]. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [6] Schon: Ausverkauft! Prostitution im Spiegel von Wissenschaft und Politik (2021), p. 348-349.

          In 2023, at least three women were murdered. The last known victim: name unknown, 31 years old, female. SWR: Mord in Koblenz: Prostituierte grausam getötet (30.11.2023), „The seized photos as well as the outward appearance of the tortured victim are disturbing even for experienced investigators and reveal an inhuman cruelty that is shocking and repulsive“ (Mannweiler, M.) [translated by authors of this submission]. https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koblenz/mord-ermittlung-koblenz-rauental-frau-gequaelt-100.html, retrieved on 26.01.2024.

          [7] BMFSFJ: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland, Teilpopulation 2 – Prostituierte (2004), p. 41: „In the case of physical violence, almost all respondents named male perpetrators“, p. 43: „Women who made specific mentions in this category were by far the most likely to name johns as perpetrators“ [translated by authors of this submission]. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/84328/0c83aab6e685eeddc01712109bcb02b0/langfassung-studie-frauen-teil-eins-data.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [8] Döring et al.: Men Who Pay For Sex: Prevalence and Sexual Health (2022). https://www.aerzteblatt.de/int/archive/article/224168, retrieved on 26.01.2024.

          [9] Farley et al.: Men who pay for sex in Germany and what they teach us about the failure of legal prostitution (2022). https://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2022/11/Sex-buyersEnglish-11-8-2022pdf.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [10] Sexcam.chat: Drehpartner für Pornos gesucht (n.d.), „As a filming partner for porn you get free sex. A shoot usually lasts 2 to 5 hours. Many girls use female camera work, which makes things much more pleasant for you. Sex galore. […] Most of the time you can fuck your filming partner really hard, which makes things even hotter. There’s plenty of free sex and sometimes it’s really dirty.“ [translated by authors of this submission]. https://www.sexcam.chat/ratgeber/drehpartner-gesucht.html, retrieved on 26.01.2024.

          [11] Sexcam.chat: Sextreffen mit Camgirls (n.d.), „You will certainly also find hobby whores on the Camportal who are looking for customers. They offer a sex date for pocket money.“ [translated by authors of this submission]. https://www.sexcam.chat/ratgeber/sextreffen-mit-camgirls.html, retrieved on 26.01.2024.

          [12] Farley et al.: Men who pay for sex in Germany and what they teach us about the failure of legal prostitution (2022), p. 41: „Similarly, about half of the German sex buyers (55%) reported pornography use weekly or more.“. https://prostitutionresearch.com/wp-content/uploads/2022/11/Sex-buyersEnglish-11-8-2022pdf.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [13] Bundesministerium für Justiz: Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (Prostituierten-schutzgesetz), § 24 Sicherheit und Gesundheitsschutz (the law came into force on July 1, 2017). https://www.gesetze-im-internet.de/prostschg/__24.html, retrieved on 26.01.2024.

          [14] EMMA: Das Pascha & der Spiegel (17.02.2021), „Even a simple Google search reveals two known attempted murders plus one completed murder of a prostitute in Pascha: […] In the same period, two more prostitutes were murdered in other brothels in Cologne. And there are undoubtedly countless other violent attacks by johns that the intimidated women don’t even report.“ [translated by authors of this submission]. https://www.emma.de/artikel/das-pascha-der-spiegel-338495, retrieved on 26.01.2024.

          [15] Bundesministerium für Justiz: Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (Prostituierten-schutzgesetz), § 32 Kondompflicht; Werbeverbot (the law came into force on July 1, 2017). https://www.gesetze-im-internet.de/prostschg/__32.html, retrieved on 26.01.2024.

          [16] Bundesministerium der Justiz: Strafgesetzbuch, § 232a Zwangsprostitution (the law came into force on October 1, 2021). https://dejure.org/gesetze/StGB/232a.html, retrieved on 26.01.2024.

          [17] BZ: Sieben Bordelle mit Zwangsprostituierten – Die Anklage gegen die Puff-Patin (03.01.2022), „In reality, she was allegedly the boss of a call girl ring with forced prostitutes – and received 7500 euros in Corona bridging aid!“ [translated by authors of this submission]. https://www.bz-berlin.de/polizei/menschen-vor-gericht/sieben-bordelle-mit-zwangsprostituierten-die-schock-anklage-gegen-die-puff-patin, retrieved on 26.01.2024.

          [18] Bayerischer Landtag: Protokoll der Anhörung „Situation der Prostituierten in Bayern“ (2022), p. 34: „The Lower Saxony Criminological Research Institute comes to the conclusion that no improvement can be seen as a result of the criminal offenses reformed in 2017 and that at least 90% of human trafficking offenses remain in the dark and 83% of investigations had to be discontinued.” (Sporer, H.) [translated by authors of this submission]. https://www.bayern.landtag.de/fileadmin/Internet_Dokumente/Sonstiges_P/PII/Anhoerungen/SO/065_SO_120522_Anh_Prostitution_Protokoll.pdf, retrieved on 26.01.2024.

          [19] Schon: Ausverkauft! Prostitution im Spiegel von Wissenschaft und Politik (2021), p. 348-349.

          [20] Netzwerk Ella: Forderungen des Netzwerks Ella (2020).

          https://netzwerk-ella.de/index.php/2020/10/01/forderungen-des-netzwerks-ella/, retrieved on 26.01.2024.

          Absurde Versprechen für Camgirls – und keiner sagt, wie es wirklich ist!

            Autorin: © Jara Anouk //

            Da ich mich zu Beginn dagegen wehrte, anschaffen zu gehen, überredete mich mein Loverboy (in

            meinen Augen ein zu sanft gewähltes Wort für Zuhälter) dazu, mich auf einschlägigen Amateur-

            Camgirl-Seiten zu versuchen. Das jene Seiten ein wahres Sprungbrett für Pornofilme und

            Prostitution sind, ahnte ich nicht. Und auch nicht, wie demütigend das werden wird und wie sehr

            meine Psyche Schaden davon trägt.

            Ich dachte: Ein bisschen ausziehen und mit dem Hintern wackeln für Männer, die anonym vor einer

            Cam sitzen, sei leichtes Spiel. Immerhin wird genau das in TV-Spots und im Internet suggeriert.

            Ein paar Stunden als Camgirl in der Woche oder im Monat und Du verdienst gutes Geld. Eine

            Verlockung, der viele Mädchen und Frauen folgen, schaut man sich die zahlreichen Seiten

            einschlägiger Anbieter an. Doch die harte Realität ist eine ganz andere.

            Tagtäglich saß ich stundenlang in einem Raum vor drei Bildschirmen mit jeweils einer anderen

            Camgirlseite. Denn nur die Masse an Seiten, auf denen du dich täglich stundenlang präsentierst,

            bringt Geld. Ein bisschen ausziehen und Popowackeln? Fehlanzeige. Du dienst nur einem

            einzigen Zweck vor der Cam: Befehle von notgeilen Usern entgegen nehmen und befolgen.

            Befolgst du sie nicht, wirst du mit dreckige Schlampe, Miststück, Abzockerin und schlimmeren

            Ausdrücken beschimpft.

            Wills du mehr als die obligatorischen 2,-€/min. im öffentlichen Chat von den Usern bekommen,

            musst du weiteren Erniedrigungen zustimmen. 1,-€/min. mehr und du musst nicht nur bildlich

            perfekt abliefern, sondern auch stimmlich. 1,-€/min. mehr und du stimmst zu denjenigen – oder

            zumindest Teile desjenigen – zu sehen, der dich als Vorlage benutzt. Noch mehr Demütigung

            erfährst du mit einem Tool einer Camseite, das sich Dildo-Control nennt. Ein Gerät, das dir als

            beliebtes Camgirl zugeschickt wird. Jenes Gerät, einen Dildo mit verschiedenen

            Geschwindigkeitsstufen, schließt du an deinen Computer an und dank fortschrittlicher Software

            kann der Camuser von Zuhause die Geschwindigkeit des Dildos für 1,-€/min. mehr bestimmen.

            Und dann gibt es da noch den Private Chat. Eine Funktion, die zwar mehr Geld einbringt, mir aber

            stets unheimlich und zuwider war. Warum? Weil du dann einem einzigen User alleine gehörst. Und

            ich wähle ganz bewusst das Wort gehörst. Denn genau so sehen sie es. Ich bezahle dich für einen

            Private Chat, also tust du, was ich dir sage! Klar kannst du jederzeit deinen Rechner zuklappen,

            User oder Praktiken ablehnen. Doch wie oft ohne die Konsequenz, nichts mehr zu verdienen oder

            vom Camportal sanktioniert zu werden? Denn auch das gibt es.

            Als Camgirl unterschreibst du einen Vertrag, in dem genau geregelt ist, was du darfst und was

            nicht. Brichst du eine Regel, zahlst du Strafe oder wirst gesperrt. Und weil du auf mehreren

            Portalen gleichzeitig streamst, gibt es mehrere Verträge mit unterschiedlichen Regeln, die es alle

            zu beachten gilt, während du erträgst, einzig und allein als Sexobjekt zu dienen.

            Doch irgendwann reicht das nicht mehr. Die User wollen mehr. Bietest du das nicht, wirst du damit

            gestraft, dass deine Cam für sie uninteressant wird. Also bot ich mehr und drehte die ersten

            Pornofilme. Am Anfang noch ausschließlich mit meinem Zuhälter, – dessen Gesicht natürlich nicht

            zu sehen war.

            Doch auch das reicht irgendwann nicht mehr. Dann werden die Rufe nach User-Dates immer

            lauter. Und was sich so harmlos anhört, ist nichts anderes als Sex mit Camusern im Gegenzug für

            ein Video dieses Sextreffens, das du auf dein Portal stellen und verkaufen kannst. Was dann folgt?

            Ein zweites User-Date, ein drittes User-Date, ein viertes User-Date…………ein 20. User-Date.

            Und zwischen den Sextreffen tagein, tagaus die Einsamkeit als Sexobjekt vor der Kamera. Und

            dann siehst du deine Abrechnung und du siehst und begreifst, dass das ausgezahlte Geld lediglich

            25% von dem ist, was du diesem Portal eingebracht hast. Ein Camportal als Zuhälter.

            Und irgendwann bist du gebrochen ich zumindest war es. Ich hatte längst Grenzen überschritten,

            war nicht mehr ich, nur noch eine Hülle, ein Sexobjekt. Bot Sex mit fremden Männern für

            Pornofilmchen an. Warum also nicht auch Sex gegen Geld in Wohnungsbordellen? Zumindest, so

            dachte ich damals, wäre ich dann nicht mehr ausschließlich stundenlang einsam vor der Cam.

            Das ich fortan als Prostituierte ganz genauso einsam sein werde, das ist eine andere Geschichte.

            Rückblickend auf die Amateurporno- und Camgirlbranche kann ich heute Folgendes sagen: In

            meinen Augen kann sie durchaus ein Sprungbrett in die Prostitution sein und keiner wirbt oder

            warnt mit dem Hinweis, das deine Filme und Bilder auch Jahre nach einem Ausstieg im Internet

            kursieren und niemand sagt dir, das jeder User eine Camsession mit dem Handy filmen und

            verbreiten kann. Und niemand warnt dich, dass du auf der Straße erkannt wirst und potenzielle

            künftige Arbeitgeber dich eventuell bereits nackt gesehen haben.

            Bin ich ein Einzelfall? Nein, das bin ich nicht! Im Laufe der Jahre bin ich einigen so genannten

            Pornosternchen und Camgirls in Wohnungsbordellen, auf Sexpartys und in Saunaclubs begegnet.

            Wir teilten das gleiche Schicksal.

            Ich sehe die Entwicklung im Amateurporno und Camgirlbereich als äußerst bedenklich. Da werden

            junge Frauen mit Versprechen gelockt, die absurd sind und da ist niemand, der offen über die

            Risiken aufklärt und davor warnt, das sich durchaus auch Zuhälter derart Plattformen zu nutzte

            machen und aktiv Frauen anwerben. Doch genau darüber muss gesprochen werden und wenn

            eine Regierung derart Plattformen duldet, sogar an ihnen mitverdient, muss sie zumindest dafür

            sorgen, dass die Betreiber dazu verpflichtet werden, klar und deutlich über sämtliche Risiken und

            Gefahren aufzuklären und zwar nicht versteckt im Kleingedruckten!

            Tief in mir hoffe ich jedoch, das es einen Wandel in der Gesellschaft gibt und sie diesen immer

            stärker wachsenden Markt der Amateurpornographie mit meinen Augen sieht und erkennt: Dieser

            Markt birgt Gefahren für jeden einzelnen von uns!

            © Jara Anouk

            Ein Radio-Interview, dass ich gerne geführt hätte und das es so nie gab…

              Autorin: Pani K.


              1. Frage: Was ist Netzwerk Ella?

              Pani K.: Netzwerk Ella ist ein Zusammenschluss von Frauen, die in Prostitution waren oder sind. [1] Huschke Mau hat es im Januar 2018 gegründet, um Frauen aus Prostitution eine Plattform und eine Stimme zu geben. Unsere Survivor-Organisation ist einzigartig in Deutschland und verdient eine besondere Würdigung, weil es für Frauen in oder nach Prostitution immer noch sehr schwierig ist, passende Hilfe und Unterstützung zu finden. Mittlerweile haben sich mehr als 60 Frauen im Netzwerk Ella zusammen gefunden und die Resonanz ist positiv. Unser Schwerpunkt ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wir profitieren nicht von Prostitution Dritter und kooperieren nicht mit Profiteuren der Sex-Industrie oder deren VertreterInnen. Als unabhängige Interessenvertretung von Frauen aus Prostitution ist Netzwerk Ella das Sprachrohr für diejenigen, die keine Stimme haben, kein Gehör finden oder von Organisationen, die Prostitution und Pornografie befürworten, nicht repräsentiert werden. Unser Fokus liegt auf der Situation der Frauen in und nach der Prostitution, daher ist unsere Arbeit geschlechts-spezifisch und frauen-zentriert.

              Aktivistinnen des Netzwerks Ella engagieren sich ehrenamtlich im In- und Ausland für eine Welt, in der Sexkauf und Freiertum geächtet werden, wohingegen prostituierte Menschen umfassende Unterstützung und Alternativen für ein Leben außerhalb der Prostitution bekommen, nach dem Vorbild anderer Länder, wie Schweden, Frankreich oder Israel.
              Wir setzen uns konsequent dafür ein, dass Prostitution als ein System geschlechts-spezifischer Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung, das primär Frauen und Mädchen trifft, erkannt und abgeschafft wird. Netzwerk Ella fordert seit seiner Gründung die Einführung und Umsetzung des Nordischen Modells in Deutschland, so wie vom Europäischen Parlament im Jahr 2014 [2] und erneut im Jahr 2023 [3] empfohlen:

              1. Entkriminalisierung von Prostituierten und garantierte staatliche Unterstützung, um Prostitution verlassen zu können.
              2. Kriminalisierung aller Profiteure aus Prostitution Dritter.
              3. Aufklärung der Gesellschaft mit Fokus auf junge Menschen sowie Schulung aller zuständigen Behörden.
              4. Prävention der Prostitution und sexueller Ausbeutung durch Bekämpfung der Nachfrage, einschließlich des Sexkauf-Verbots und der Freier-Bestrafung.


              2. Frage: Warum ist das nordische Modell notwendig?

              Pani K.: Weil Deutschland Blut an den Händen hat. Seit der Legalisierung im Jahr 2002 sind mindestens 110 Frauen in der deutschen Prostitution gewaltsam gestorben und alle schauen weg. [4] Der Staat macht sich daran mitschuldig, da Gefahren für Leib und Leben prostituierter Menschen hingenommen werden, trotz der Pflicht die Grundrechte in der Prostitution zu schützen. [5] Doch stattdessen wird seit 22 Jahren immer noch über Freiwilligkeit und Berufs-Risiko debattiert. Befürworter der Prostitution sagen, es gäbe kein Problem: Nur 1% aller Prostituierten wurden Opfer der Gewalt. [6] Wir sagen: es sind mehr Tote als bei der Polizei oder Bundeswehr – im gleichen Zeitraum. Jede prostituierte Frau, die ermordet wird, ist eine zu viel! Da hauptsächlich ausländische Frauen als Prostituierte in Deutschland tätig sind, sind viele von ihnen Mütter. Wenn diese Frauen sterben, bleiben ihre verzweifelten Kinder allein zurück… Nach 22 Jahren liberaler Gesetzgebung ist Eins klar: Prostitution produziert Tote und Waisen. Je länger diese akzeptierende Haltung gegenüber Freiertum und Prostitution anhält, desto mehr Schaden tragen Prostituierte davon, desto mehr Leben und Familien werden zerstört – in Deutschland und im Ausland. Die Ergebnisse der Evaluation des Prostituierten-Schutzgesetzes im Sommer 2025 werden daran auch nichts ändern.

              Das Prostituierten-Schutzgesetz von 2017 hat versagt. Einerseits werden Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung in der Prostitution erkannt, andererseits wird die Annahme, Prostitution sei eine Dienst-leistung nicht hinterfragt. Die frauen-verachtenden Strukturen der Sex-Industrie bestehen nach wie vor und wurden sogar gestärkt. Wir sehen, dass Sexkauf normalisiert wurde. Dass laut beteuerte Freiwilligkeit sowohl die Freier-Gewalt als auch die Sanktionen gegen Prostituierte letztlich nur legitimieren sollte. Dass Bordelle, Zuhälter und sogar Menschen-Händler staatliche Subventionen bekommen. [7] Dass Polizei und Justiz machtlos sind. [8] Prostituierten wurden zudem Pflichten, Vorschriften und Sanktionen auferlegt, die kaum zu bewältigen sind und Betroffene in noch größere Not und Verzweiflung bringen. Die Notlagen und Leid prostituierter Frauen werden ignoriert, sie werden allein gelassen und vergessen. Die allgegenwärtige Verharmlosung des Sexhandels spottet jeder Realität und steigert noch die Zahl der Opfer sexueller Ausbeutung und Gewalt.

              Das Nordische Modell ist notwendig, weil einfache Lösungen nicht funktionieren, wenn es darum geht ein System der Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung abzuschaffen. Ein System, das eine ganze Sex-Industrie mit geschätzten 15 Milliarden Euro Umsatz jährlich am laufen hält. [9] Diese Industrie geht über Leichen und gibt eigene Profite nicht kampflos auf – diesen Geldhahn müssen wir zudrehen. Und das kann nur mit einer systemischen Lösung gelingen: dem Nordischem Modell. Die Nachfrage nach Prostitution sowie Gewalt, Ausbeutung und Profite aus Prostitution Dritter werden bekämpft. Schutz und Hilfe für prostituierte Menschen sind garantiert. Prävention sowie Aufklärung beginnen bereits in der Schule und sind ein wesentlicher Faktor für ein nachhaltiges Umdenken in der Gesellschaft, insbesondere bei Jugendlichen. Es ist das einzige erprobte Modell, das effektiv und umfassend die Wurzel des Problems der sexuellen Ausbeutung beseitigen kann. [10]

              Die aktuelle Gesetzgebung nimmt es in Kauf, dass deutsche Prostitution weitere Gewaltopfer und Waisenkinder zur Folge hat – das muss aufhören! Das darf ein Rechts-Staat nicht zulassen, denn es geht hier um unveräußerliche Menschen-Rechte, die schwer verletzt werden. Diese Situation erfordert schnelles Handeln auf allen Ebenen, für die gesamte Bundesrepublik, und zwar jetzt, statt in zwei Jahren. Denn es gibt einen Ausweg aus der aktuellen Misere – es gibt bereits erprobte Lösungen und Deutschland ist in der glücklichen Lage, von Erfahrungen anderer europäischer Länder, wie Schweden oder Frankreich, profitieren zu können. Auch das israelische Beispiel ist bemerkenswert.
              Deutschland braucht eine Gesetzgebung, die sowohl Menschen-Rechte als auch die Gleichstellung der Geschlechter achtet und gewährleistet. Zugleich ist es eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft: Deutschland muss aussteigen – endlich aussteigen aus dem System Prostitution!


              3. Frage: Wird dadurch nicht verdeckte Prostitution gefördert?

              Pani K.: Prostitution, ob verdeckt oder offen, wird allein durch steigende Nachfrage und legale Strukturen für Sexhandel sowie für Sex-Industrie insgesamt gefördert.
              Statt einer solchen Förderung benötigen Prostituierte Schutz, Entkriminalisierung und akzeptable Alternativen zur Existenz-Sicherung, um dem Sexhandel entkommen zu können. Denn seine Türen gehen nur in eine Richtung auf – hinein. Es ist mehr ein „escape“ als ein „exit“. Doch ohne Prävention und Aufklärung werden immer neue Menschen, vor allem Frauen und Mädchen, der Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung in der Sex-Industrie ausgeliefert.
              So wichtig Schutz und Unterstützung für Prostituierte auch sind, so ist eine erfolgreiche Einstiegs-Prävention auf lange Sicht strategisch entscheidend – bevor der Schaden angerichtet wurde.
              Die beste Prävention der Prostitution lautet daher: Nachfrage konsequent bekämpfen, denn ohne das Geld der Freier kann das System Prostitution nicht existieren und wird unweigerlich zusammen-brechen. Ohne das Geld der Freier gibt es keine finanziellen Anreize für das „Geschäfts-Modell“ der Zuhälter, Bordellbetreiber, Menschen-Händler und anderer Profiteure aus Prostitution Dritter.
              Die effizienteste Lösung ist immer diejenige, welche die Wurzel des Problems erkennt und beseitigt: Ohne entschlossene Bekämpfung der Nachfrage kann Prostitution nicht abgeschafft werden. Ohne Abschaffung der Prostitution können Menschen-Handel und Sklaverei nicht überwunden werden.

              Prostitution ist keine Arbeit, genauso wie Sklaverei – keine Freiheit. In der Arbeitswelt wird das Können vermarktet, in der Prostitution – das nackte Sein eines Menschen. Es zählt vor allem, was man ist: weiblich, jung, unerfahren, frisch, neu, unverbraucht, eng, gehorsam, wehrlos… Daher werden junge und unerfahrene Frauen von Freiern stark nachgefragt und höher bezahlt. Betrunkene oder drogen-abhängige Prostituierte werden bevorzugt, denn sie sind wehrlos. Die erste typische Frage eines Freiers lautet: „Was kann man mit dir machen?“ und nicht wie bei anderen Dienstleistungen: „Was kannst du machen?“ Die zweite typische Frage ist: „Was kostest du?“
              Freier erkaufen sich ein Ja, weil sie ein Nein nicht akzeptieren. Der Freier will Sex, die Prostituierte will Geld – das ist kein Konsens. Prostitution, oder wie es heute heißt „Sexarbeit“, ist weder Sex noch Arbeit, sondern bezahlte Vergewaltigung, Misshandlung und Folter; Ein System der Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung, das primär Frauen und Mädchen trifft.
              Dieses System ist extrem geschlechts-spezifisch und menschen-verachtend, seine Wurzeln sind Sklaverei und Sexismus – das hat in einer demokratischen, aufgeklärten und gleichberechtigten Gesellschaft keinen Platz! Das System Prostitution muss abgeschafft werden.


              4. Frage: Welche persönliche Erfahrungen haben Sie gemacht?

              Pani K.: Im System der Prostitution wird man wie ein Objekt behandelt – wie ein Sex-Automat – ohne Würde oder Rechte, man ist Ware und Währung in einem. Freier sagen gerne: „Einmal Hure – immer Hure“, oder dass man als Hure geboren sei – ein Urteil und ein Schicksal zugleich. Die Hure ist für Freier sowohl eine Dienerin als auch eine Sklavin. Diese anhaltende Entmenschlichung und Stigmatisierung sind der Prostitution immanent, als Voraussetzung dafür, dass Freier Prostituierte sexuell ausbeuten können – ohne Mitgefühl oder schlechtes Gewissen…
              Zudem ist Prostitution der Ort, wo das nachgeahmt wird, was Pornografie vorführt. Freier bekommen durch ihr Porno-Konsum spezifische fixe Ideen und verlangen, dass alles exakt so gemacht wird – sie wollen ihre pornografischen Vorbilder selbst nacherleben können.
              Frauen in Prostitution müssen ihr Angebot entsprechend diesen Vorbildern anpassen, auch körperlich: Permanent Make-Up, künstliche Fingernägel, Brust-Vergrößerung, Waxing, Intim-Bleiche, Vaginal-Straffung, Labien-Verkleinerung etc. Denn ihre Körper müssen konkurrenzfähig und profitabel bleiben – um jeden Preis.
              Diese neue Porno-Welt, die wie Prostitution kein Nein kennt, funktioniert nach dem gleichen Prinzip: „Er genießt, sie hat zu liefern“. Ihre „geile“ Botschaft ist omnipräsent und stets verfügbar – Pornografie ist Propaganda des Sexismus, speziell heterosexuelle Mainstream-Videos.
              Viele Freier halten prinzipiell jede Frau für käuflich und Männern unterlegen – nicht gleichwertig.

              Von der übrigen Gesellschaft wird man wie eine Ausgestoßene behandelt, mit Ignoranz und Verachtung. Oder wie eine verdorbene, unanständige Frau, die Männer verführt, Familien zerstört und sexuelle Erkrankungen verbreitet. Es wird gesagt, dass eine Prostituierte entweder gerne in der Prostitution sei oder, dass es ihr nichts ausmache. Oder man unterstellt ihr, sie tauge bloß zum Sex, nach dem Motto: „Dumm fickt gut“. Oft hört man: Prostituierte seien selbst schuld und verdienen es nicht besser. Es gibt kaum Solidarität oder Mitgefühl seitens „solider“ Menschen und das hat einen Grund – so fällt es leichter, die bitter nötige Hilfe zu unterlassen, nichts tun ist bequem und kostet nichts.

              Ich werde oft nach meinem „Ausstieg“ gefragt, so als ob man aus der Gewalt oder Armut einfach aussteigen könne… Diesen selbstbestimmten Ausstieg gab es bei mir nicht. Ich war einfach nicht mehr „vermarktbar“ – konnte es nicht mehr ertragen, von Freiern angefasst zu werden – man sagt dazu auch „kaputtgefickt“. Ich habe lange nicht darüber sprechen können, es war zu schmerzhaft.
              Ich wusste damals auch nicht, dass es Hilfe oder Unterstützung für Prostituierte gibt. Es war allein mein Problem, wie und ob ich überlebe. Doch Überleben ist nur der erste Schritt auf dem Weg zurück ins Leben…


              © Pani K. – 2024


              Quellen:

              [1] Netzwerk Ella – Unabhängige Interessenvertretung von Frauen aus Prostitution, https://netzwerk-ella.de/

              [2] Entschließung des Europäischen Parlaments 2013/2103(INI), 26.02.2014, https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-7-2014-0162_DE.html, Kurz-URL: https://t1p.de/s11nh

              [3] Entschließung des Europäischen Parlaments 2022/2139(INI), 14.09.2023, https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2023-0328_DE.html, Kurz-URL: https://t1p.de/8siee

              [4] Schon: Ausverkauft! Prostitution im Spiegel von Wissenschaft und Politik, 2021, S. 348-349.

              [5] Mack, Rommelfanger: Sexkauf. Eine rechtliche und rechtsethische Untersuchung der Prostitution, 2023, S. 187.

              [6] Henning: „1% aller Frauen, die in der Prostitution arbeiten, sind von Gewalt betroffen. 99% sind nicht von Gewalt betroffen.“, 12.05.2022, Bayerischer Landtag, Protokoll der Anhörung „Situation der Prostituierten in Bayern“, S. 50, https://www.bayern.landtag.de/fileadmin/Internet_Dokumente/Sonstiges_P/PII/Anhoerungen/SO/065_SO_120522_Anh_Prostitution_Protokoll.pdf, Kurz-URL: https://t1p.de/jsrrf

              [7] Sieben Bordelle mit Zwangsprostituierten – Die Anklage gegen die Puff-Patin: „Offiziell betrieb sie ein Nagelstudio. Tatsächlich soll sie Chefin von einem Callgirl-Ring mit Zwangsprostituierten gewesen sein – und 7500 Euro Corona-Überbrückungshilfe erhalten haben!“, 03.01.2022, BZ, https://www.bz-berlin.de/polizei/menschen-vor-gericht/sieben-bordelle-mit-zwangsprostituierten-die-schock-anklage-gegen-die-puff-patin, Kurz-URL: https://t1p.de/rf8yh

              [8] Sporer: „Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen kommt zum Ergebnis, dass durch die 2017 reformierten Straftatbestände keine Verbesserung erkennbar ist und dass mindestens 90% der Menschenhandels- delikte im Dunkeln verbleiben und 83% der Ermittlungsverfahren eingestellt werden mussten.“, 12.05.2022, Bayerischer Landtag, Protokoll der Anhörung „Situation der Prostituierten in Bayern“, S. 34, https://www.bayern.landtag.de/fileadmin/Internet_Dokumente/Sonstiges_P/PII/Anhoerungen/SO/065_SO_120522_Anh_Prostitution_Protokoll.pdf, Kurz-URL: https://t1p.de/jsrrf

              [9] Doll: Zahlen und Fakten zur Milliardenbranche Prostitution, 29.09.2020, WirtschaftsWoche, https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/infografik-zahlen-und-fakten-zur-milliardenbranche-prostitutio/26224354.html, Kurz-URL: https://t1p.de/6nb3

              „Bordell Deutschland“ – neue ZDFinfo-Doku: „Laut Bundeskriminalamt bringt allein eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr. Wenn Menschenhandel im Spiel ist, wird das Geschäft für die Täter noch lukrativer – der jährliche Ertrag inner-halb der EU wird auf 25 Milliarden Euro geschätzt. […] für Berlin sollen die Steuereinnahmen durch Prostituierte geschätzt rund 14 Millionen Euro pro Jahr betragen – hinzu kommen noch die der Bordellbetreiber.“, 2017, ZDF Presseportal, https://presseportal.zdf.de/pressemappe/bordell-deutschland-%E2%80%93-neue-zdfinfo-doku, Kurz-URL: https://t1p.de/cifwq

              [10] Frauenzentrale Zürich: Prostitution in der Schweiz, 2023, S. 22, https://frauenzentrale-zh.ch/wp-content/ uploads/2023/08/Frauenzentrale_Zuerich_Whitepaper_Prostitution.pdf, Kurz-URL: https://t1p.de/xnjuz

              Offener Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz

                Netzwerk Ella – Unabhängige Interessenvertretung von Frauen aus der Prostitution
                Homepage: netzwerk-ella.de, E-Mail: post@netzwerk-ella.de

                Offener Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz

                Sexkauf ist inakzeptabel – Nordisches Modell jetzt!

                Schlangenbad, 21.11.2023

                Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

                als Zusammenschluss von Frauen aus der Prostitution begrüßen wir Ihre am 15.11.2023 öffentlich geäußerte Position zum Thema „Prostitution und Sexkaufverbot“ von ganzem Herzen! Ihre Worte bestätigen sowohl unsere jahrelange Erfahrungen und Positionen als auch die Positionen und Empfehlungen des Europäischen Parlaments sowie anderer unzähliger Organisationen und Experten in Deutschland und im Ausland.

                Netzwerk Ella, als unabhängige Interessenvertretung von Frauen aus der Prostitution, ist das Sprachrohr für diejenigen, die keine Stimme haben – etwa, weil sie kein Deutsch sprechen –, die kein Gehör finden oder, die von Organisationen, welche Prostitution und Pornografie befürworten, nicht repräsentiert werden. Wir profitieren nicht von Prostitution Dritter und kooperieren nicht mit Profiteuren der Sexindustrie oder deren Interessenvertretern.
                Unser Fokus liegt auf der Situation von Frauen in der Prostitution. Aufgrund unserer sozio-ökonomischen Analysen und eigener Erfahrungen setzen wir uns dafür ein, dass Prostitution als ein System geschlechtsspezifischer Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung – das insbesondere Frauen trifft – erkannt und abgeschafft wird. Netzwerk Ella engagiert sich für eine Gesellschaft, in der Sexkauf geächtet wird, wobei Prostituierte entkriminalisiert werden und umfassende Unterstützung für ein Leben außerhalb der Prostitution bekommen, nach dem Vorbild solcher Länder wie Schweden, Frankreich oder Israel.

                Das Prostituierten-Schutzgesetz von 2017 ist, wie auch schon das Prostitutions-Gesetz von 2002, mehr als problematisch. Einerseits werden Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung in der Prostitution erkannt, andererseits wird die Annahme, Prostitution sei eine Dienstleistung nicht hinterfragt. Die inneren frauenverachtenden Strukturen der Sexindustrie blieben unangetastet und wurden sogar gestärkt. Den Prostituierten werden zudem Pflichten, Vorschriften und Sanktionen auferlegt, die kaum zu bewältigen sind und die Betroffenen in eine noch größere Not bringen. So kostet die Anmeldung in München 35 Euro – für eine Frau in einer Notlage ist das eine ernsthafte Hürde. Für Prostitution ohne Anmeldung droht aber ein Bußgeld von 1.000 Euro!
                Im Mittelpunkt der Maßnahmen steht nicht der Schutz von Prostituierten, sondern ihre Verwaltung, Reglementierung und Sanktionierung. Dadurch werden die Betroffenen weiter in Prostitution gehalten, denn um ihre Steuerschulden oder Bußgelder abzuzahlen, bleibt ihnen oft keine andere Option, als weiterhin der Prostitution nachzugehen. Gleichzeitig sind Wuchermieten und ungeschützter Sex allgemeine Praxis. Die Folgeschäden werden meist auf die Prostituierten selbst oder auf ihre Herkunftsländer abgewälzt. Davon profitieren sowohl die Staatskasse als auch Freier, Zuhälter, Bordellbetreiber und andere Akteure der Sexindustrie.

                Diese Praxis steht in einem grundlegenden Widerspruch zu mehreren politischen Dokumenten, von
                denen hier nur einige exemplarisch genannt werden:

                1. Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (1979)
                2. Entschließung des Europäischen Parlaments zur sexuellen Ausbeutung, zur Prostitution und deren Auswirkung auf die Gleichstellung der Geschlechter (2014)
                3. Entschließung des Europäischen Parlaments zur Umsetzung der Richtlinie 2011/36/EU zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer (2021)
                4. Entschließung des Europäischen Parlaments zur Regulierung der Prostitution in der EU: ihre grenzübergreifenden Auswirkungen und die Konsequenzen für die Gleichstellung und die Frauenrechte (2023)

                Seit der Legalisierung im Jahr 2002 sind mindestens 110 Frauen in der deutschen Prostitution gewaltsam gestorben. [1] Da hauptsächlich ausländische Frauen als Prostituierte in Deutschland tätig sind, ist die Lage so, dass viele von ihnen Mütter sind. Wenn diese Frauen sterben, bleiben ihre Kinder allein zurück. Oft ist dann niemand mehr für sie da…
                Die aktuelle Gesetzgebung kann nicht verhindern, dass deutsche Prostitution weitere Gewaltopfer und Waisenkinder zur Folge hat. Je länger diese akzeptierende Haltung gegenüber dem Sexkauf und der Sexindustrie insgesamt anhält, desto mehr Schaden tragen die Prostituierten davon, desto mehr Leben und Familien werden zerstört – in Deutschland und im Ausland. Auch die Ergebnisse der Evaluation des Prostituierten-Schutzgesetzes im Sommer 2025 werden daran nichts ändern…

                Aus unserer Sicht ist die effizienteste Lösung diejenige, die die Wurzel des Problems erkennt und dagegen angeht: Ohne das Geld der Freier kann das System der Prostitution nicht existieren. Alle Betreiber, Zuhälter, Menschenhändler und andere Profiteure hätten dann keinen Anreiz mehr…
                So wichtig Schutz und Unterstützung für Prostituierte auch sind, so ist eine erfolgreiche Einstiegs-Prävention auf lange Sicht strategisch entscheidend – noch bevor der Schaden angerichtet wurde. Die beste Prävention der Prostitution und sexueller Ausbeutung lautet: Nachfrage bekämpfen.
                Unserer Meinung nach erfordert die aktuelle Situation der Prostituierten schnelles Handeln für die gesamte Bundesrepublik Deutschland, auf allen Ebenen – jetzt – statt in zwei Jahren. Denn es gibt bereits erprobte systemische Lösungen und Deutschland ist in der glücklichen Lage, von den Erfahrungen anderer europäischer Länder, wie Schweden oder Frankreich, profitieren zu können. Auch das israelische Beispiel ist bemerkenswert. Es gibt einen Ausweg aus der aktuellen Misere – es ist das Nordische Modell.

                Profiteure aus Prostitution Dritter sprechen nicht in unserem Namen. Ihre Ziele und Forderungen widersprechen den Interessen von Prostituierten, stehen diesen sogar entgegen.
                Nach 22 Jahren liberaler Gesetzgebung ist es klar: Prostitution produziert Tote und Waisenkinder. Wir sehen, dass Sexkauf normalisiert wurde. Dass Freiwilligkeit sowohl die Freier-Gewalt als auch die Sanktionen gegen Prostituierte letztlich nur legitimieren soll. Die Notlagen und das Leid der prostituierten Frauen werden ignoriert, sie werden allein gelassen. Das ist unser Alltag. Das darf ein Rechts-Staat nicht zulassen.
                „Dies sollte dem Gesetzgeber Anlass genug sein, eine substanzielle Änderung der Gesetzeslage herbeizuführen, denn seit der Reglementierung von Prostitution im Jahre 2002 trägt der deutsche Gesetzgeber einen erheblichen Anteil an den Gefahren für Leib und Leben der Menschen in der Prostitution und persistiert die Möglichkeit von Grundrechtsverletzungen durch Dritte. Der Staat kommt seinen Gewährleistungspflichten für die Grundrechte in der Prostitution auch mit dem ProstSchG in keiner Weise ausreichend nach.“ [2]

                Deutschland muss aussteigen – endlich aussteigen aus dem System Prostitution!

                Mit freundlichen Grüßen

                Pani K.
                im Namen von Netzwerk Ella

                Quellen:
                [1] Schon: Ausverkauft! Prostitution im Spiegel von Wissenschaft und Politik (2021), S. 348-349
                [2] Mack, Rommelfanger: Sexkauf. Eine rechtliche und rechtsethische Untersuchung der Prostitution (2023), S. 187

                Das Prinzip der altruistischen Leih-Mutterschaft

                  Autorin: Pani K. //

                  Ich beginne mit einem Zitat von Annika Ross, aus ihrem Emma-Artikel vom 14. März 2022:
                  „Während andere Frauen aus der Ukraine flüchten, müssen sie in den Luft-Schutz-Bunkern Kiews ausharren: Leih-Mütter.
                  BioTexCom, der größte Anbieter für Reproduktions-Medizin, warnte auf Facebook seine deutschen Kunden davor, „ihre“ Leih-Mutter aus dem Kriegsland holen zu wollen: „Die Geburt des Kindes außerhalb der Ukraine ist nicht legal. Die Leih-Mutter wird als Mutter gelten und der Versuch der Übergabe des Kindes als Kinder-Handel bezeichnet. Sie werden nie als Eltern des Kindes anerkannt.“
                  Kinderhandel, Menschenhandel – auf einmal wird das also in der Branche klar benannt. Bei rund 50.000 Euro liegt der Startpreis für ein Baby aus der Ukraine;…“ [1]

                  Der Gesetz-Entwurf zur altruistischen Leih-Mutterschaft verspricht die Lösung aller ethischen Probleme im Vergleich zur ihrer kommerziellen Variante: Kein Preis, kein Handel – keine Probleme! Doch das Versprechen wird nicht eingelöst – auch ohne den vertraglichen Kaufpreis bleiben weitere Verletzungen der Menschen-Rechte von Frauen und Kindern bestehen.

                  Eine Schwangerschaft ist kein Spaziergang, sondern eine lange und gefährliche Extrem-Belastung für eine Frau, sowohl körperlich als auch psychisch. Es ist immer eine „Reise ins Unbekannte“, denn jede Schwangerschaft ist einzigartig und kann schwere gesundheitliche Folgen für Mutter und Kind haben, ja sogar Lebensgefahr oder Tod bedeuten. Und so eine Schwangerschaft im Auftrag der Wunsch-Eltern ist keine Ausnahme. Im Gegenteil – solche Schwangerschaften bergen noch mehr Risiken und Komplikationen für schwangere Frauen. Ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit und sogar ihr Recht auf Leben werden dadurch aufs Spiel gesetzt, massiv bedroht und verletzt. Diese Menschen zahlen so den maximalen Preis.

                  Zu bedenken ist auch, dass fast alle Leih-Mütter bereits selbst Kinder haben, deren Rechte ebenfalls geschützt werden müssen. Etwa das Recht der Kinder auf ihre Mutter, die für das Eltern-Glück der Auftrag-Geber sterben könnte. In einem solchen Fall würde das Ergebnis der induzierten Schwangerschaft so aussehen: Auf der einen Seite – ein oder mehrere verwaiste Kinder, auf der anderen – glückliche Wunsch-Eltern mit dem „bestellten“ Neugeborenen. Das ist ein reales Risiko, dem betroffene Kinder bewusst und billigend ausgesetzt werden. Auch hier: eine enorme Zumutung und ein hoher Preis, selbst für diese kleinen Menschen.

                  Doch das Recht auf eigene biologische Reproduktion, auch „Reproduktive Gerechtigkeit“ genannt, und der unerfüllte Kinder-Wunsch der Bestell-Eltern bekommen viel Gewicht und werden weiterhin hochgehalten. Das Recht auf Reproduktion wird dem Recht auf Leben gleichgestellt – obwohl es offensichtlich ist, dass Elternschaft nur eine Frage der eigenen Lebens-Qualität und nicht der Existenz darstellt. Diese Rechte sind grundsätzlich unvergleichbar!

                  Diese „Reproduktive Gerechtigkeit“ hört sich wirklich gut an – meint jedoch das Recht und die Freiheit „eine Leih-Mutter zu nutzen und sich maßgeschneiderte Kinder anzueignen“. Sind das Gerechtigkeit und Freiheit? Oder – Kolonisierung und Sklaverei? Oder ganz banal: Verachtung und Entmenschlichung von Frauen und Kindern, ihre „Verdinglichung“ bis ins Extrem. Ohne Unterschied in welchem Land und unter welchen sozialen Bedingungen, ob in den USA, der Ukraine, Indien oder Deutschland, das Prinzip der Leih-Mutterschaft, auch der altruistischen, bleibt überall gleich: Dein Leben – für mein Glück!

                  Freiheit ohne Gleichheit [der Macht] bedeutet: die Starken bestimmen das Spiel – das sagte die Soziologin Eva Illouz vor einigen Jahren in einem Interview.
                  Freiheit ohne notwendige Ressourcen, Rechte und Schutz, ist die Freiheit der Mächtigen und Reichen – das sage ich, aus eigener Erfahrung als Prostitutions-Überlebende und Opfer des Menschen-Handels. Denn Freiheit kann Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung sogar rechtfertigen: „Sie wollte es doch selbst so!“ – eine ewige Legitimation der Täter.

                  Frauen in der Reproduktions-Industrie werden als Organ-Lieferanten und Brut-Maschinen behandelt – legitim und legal. Diese Form biologischer Ausbeutung weiblicher Körper ist strukturell identisch mit der Ausbeutung im System der Prostitution und der Sex-Industrie insgesamt. Das Utilisieren und Kommodifizieren der Frauen in diesen Bereichen werden in Kauf genommen und nicht als Verbrechen gegen die Menschenwürde erkannt und bekämpft.

                  Diese globalen und wachsenden Prozesse der restlosen Ausplünderung und Verwertung weiblicher Menschen, ja ihre „Ver-Zweckung“, sind nicht etwa Fehlentwicklungen, sondern folgerichtige Konsequenzen der weltweiten neoliberalen Gesellschafts-Ordnung, von der Eva Illouz sprach. Wo Menschen bloß ein Mittel zum Zweck sind, dort werden Menschen-Rechte zu einem Handels- oder Konsumgut und verkommen zu einem Privileg von Wenigen.

                  Ich schließe mit einem Zitat von Aude Mircovic, Direktorin des Kollektivs „Juristen für die Kindheit“:
                  „Kein juristischer Rahmen wird jemals angemessen sein, weil nicht nur diese oder jene Modalität der Leih-Mutterschaft ein Problem darstellt, sondern das Prinzip der Leih-Mutterschaft selbst, das gegen die Menschenwürde verstößt: Keine Regelung kann die Tatsache akzeptabel machen, dass eine Frau dazu benutzt wird, ein Kind auszutragen, das nicht ihr eigenes ist. Keine Regelung kann die Tatsache akzeptabel machen, dass ein Kind vertraglich bestellt und ausgehändigt wird.“ [2]

                  Kurz gesagt: Menschenwürde ist unantastbar. Das Prinzip der Leih-Mutterschaft verstößt gegen die Menschenwürde.

                  Leih-Mutterschaft ist Menschen-Handel.
                  Stoppt Menschen-Handel – weltweit!


                  © Pani K. – Netzwerk Ella – 2023


                  Quellen:

                  [1] Annika Ross, „Die Leihmütter von Kiew“, Emma, 14.03.2022, https://t1p.de/tlykx

                  [2] Franziska Harter, „Internationale Experten wollen Leihmutterschaft weltweit abschaffen“, Die Tagespost, 06.03.2023, https://t1p.de/zzlra

                  Bild: svklimkin, pixabay.com/de/users/klimkin-1298145/

                  Die Basics, Teil 7

                    Gute versus Schlechte Prostitution

                    Oft wird so getan, als gäbe es eine gute und eine schlechte Prostitution: „Schlecht“ meint Zwangsprostitution, Gewalt und Alternativlosigkeit. „Gut“ dagegen zeichnet das Bild einer unabhängigen, emanzipierten und freiwilligen Prostituierten, die alles unter Kontrolle hat, vor allem ihre Freier. Alles dazwischen könne durch bessere Rahmenbedingungen gemanagt werden, ein „Job wie jeder andere“ eben. Und zweifellos sei sexuelle Selbstbestimmung auch dann möglich, wenn die eigene Existenzgrundlage von der Lusterfüllung der Kundschaft abhängt.

                    Die Art, wie die Debatte geführt wird, basiert aber nicht nur auf dieser lebensfremden Hypothese. Nehmen wir einfach mal an, es gäbe tatsächlich eine „gute“ Prostitution. Ähnlich, wie es gewisse erotische Vorlieben gibt, die Erwachsene einvernehmlich ausleben können. Ein Gedankenspiel:

                    Es ist Sonntag Mittag, draußen regnet es, aber das stört dich nicht weiter. Du sitzt mit deinen zwei besten Freundinnen am Küchentisch mit Kaffee und Kuchen vom Bäcker von nebenan. Marie und Lea. Eigentlich redet ihr über Maries kleinen Dackel, der bisher weder stubenrein ist noch alleine zu Hause bleiben kann. Aber du kannst dich nicht konzentrieren und musst es einfach ansprechen: „Lea, alles okay? Dein Auge sieht irgendwie geschwollen aus.“
                    Lea schaut zu Boden und murmelt nur „Alles gut, Markus war gestern etwas leidenschaftlich…“ Marie springt ein, mit deutlich empörter Stimme: „Was soll das? Es nervt echt derbe, dass du andere Beziehungen nicht akzeptieren kannst.“
                    Ein bisschen eingeschüchtert kommst du dir vor, oder vielleicht nicht eingeschüchtert, eher verwirrt. „Ich hab doch nichts gesagt, mach mir doch nur Sorgen. Ist das wirklich in Ordnung so?“
                    – „Ist das dein Ernst? Wer zwingt sie bitte, in der Beziehung zu bleiben? Sie kann doch jederzeit gehen. Wirklich, dein Scheiß geht gar nicht. Lea kann auf sich selbst aufpassen.“ Kurz wird wohl auch Marie nervös und dreht sich zu Lea: „Oder meinst du, Markus hat wirklich übertrieben?“
                    Lea hat mittlerweile durchgeatmet und schaut uns selbstbewusst an. „Ja vielleicht hat er ein bisschen übertrieben, aber alles gut. Natürlich will ich die Beziehung mit ihm, sonst wäre ich ja nicht mit ihm zusammen. Ist ja nicht so, als würde er mich mit einer Pistole am Kopf dazu zwingen. Ich rede einfach mit ihm, dass er das nächste mal etwas vorsichtiger sein soll.“
                    Du bekommst ein ganz komisches Gefühl in deiner Bauchgegend. „Ich weiß nicht. Heute bist du hier, aber das ist das erste mal seit 3 Monaten, du gehst viel seltener aus dem Haus seit du mit ihm zusammen bist. Und jetzt das dicke Auge. Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?“
                    Marie steht auf und zeigt mit ihrer Gabel auf dein Gesicht. „Du reißt dich jetzt zusammen. Es ist nicht mehr 2020, wo Schläge in Beziehungen noch diskriminiert wurden und Praktizierende sich verstecken mussten. Wenn Lea Hilfe braucht, kann sie das schon äußern, und du hör mal auf, solche Vorurteile über BDSM zu verbreiten. Auch Menschen mit abweichenden sexuellen Vorlieben haben Rechte!“
                    Du stehst auch auf. „BDSM interessiert mich nicht. Ich weiß auch nicht, was das mit irgendwelchen Rechten zu tun hat. Mich interessiert nicht, wen was anmacht oder woran andere Paare gemeinsam Spaß haben. Aber offensichtlich geht es Lea nicht gut, offensichtlich stimmt etwas nicht, und offensichtlich ist es nicht in Ordnung, wenn dein Freund dich so schlägt, dass dein Auge zuschwillt! Und ich bin es leid, so zu tun, als wäre das alles völlig normal.“

                    Das war natürlich eine dystopische Analogie einer Gesellschaft, die eigentlich über einvernehmliche spezielle Vorlieben wie BDSM aufklären wollte, aber den öffentlichen Diskurs im Endeffekt derart verzerrt hat, dass aus „BDSM zwischen Erwachsenen ist in Ordnung“ irgendwann wurde: „Schläge in Beziehungen sind normal, und Partnerschaftsgewalt ist die Ausnahme, deren Bekämpfung nicht dazu führen darf, diese Beziehungen zu kritisieren.“
                    Ähnlich, wie aus „Wir sollen Frauen aus/in der Prostitution respektieren“ irgendwann wurde: „Sexarbeit ist normal, und Zwangsprostitution oder Gewalt sind die Ausnahme, deren Bekämpfung nicht dazu führen darf, diese Arbeit zu kritisieren.“

                    Lassen wir doch diesen Unsinn.

                    – Zwangsprostitution findet statt, in Deutschland. Genaue Zahlen herauszufinden, ist so gut wie unmöglich. Aber gerne erinnern wir an die Statistik aus Teil 5: 55% der Freier in Deutschland haben Zwangsprostitution beobachtet. (1)

                    – Vergewaltigungen in der Prostitution finden statt, in Deutschland. Auch hier sind genaue Zahlen schwierig, also verweisen wir erneut auf die Freierstudie: „Ein Mann kann alles machen, was er will, wenn er für eine Prostituierte bezahlt“ glauben 39% der Befragten. Und 35% sind der Überzeugung, „dass Frauen in der Prostitution nicht vergewaltigt werden können“. (1)

                    – Die Folgen für die Prostituierten, in Deutschland: enorme Raten von Tötungen (2), Gewalt, psychischen Traumata und Suchterkrankungen (3), Suizidalität (4) und viele weiteren negativen Konsequenzen. Und diese Folgen werden in Deutschland nicht mehr offiziell erfasst, um eine mögliche Stigmatisierung der „Sexarbeit“ zu verhindern. (2)

                    Kurz gesagt: Angeblich selbstbestimmte „Sexarbeit“ interessiert mich nicht. Mich interessiert nicht, wen was anmacht oder welche Absprachen Menschen mit ihren One Night Stands treffen. Aber offensichtlich geschieht in der legalen, öffentlich gebilligten Prostitution tagtäglich Gewalt. Offensichtlich leiden dort viele Frauen bis hin zum Tod. Und offensichtlich kann es keine Arbeit sein, wenn deine Kundschaft zum großen Teil davon überzeugt ist, dich vergewaltigen zu dürfen!
                    Und ich bin es leid, so zu tun, als wäre das alles völlig normal.


                    © Netzwerk Ella – 2023


                    Quellen:

                    (1) Farley, Kleine, Neuhaus, McDowell, Schulz, Nitschmann (2022): Männer in Deutschland, die für Sex zahlen – und was sie uns über das Versagen der legalen Prostitution beibringen.
                    https://t1p.de/m4c8i

                    (2) Schon, Hoheide (2021): Murders In the German Sex Trade: 1920 to 2017, Dignity: A Journal of Analysis of Exploitation and Violence: Vol. 6: Iss. 1, Article 4.
                    https://t1p.de/581ah

                    (3) BMFSFJ (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, Langfassung Teil 1.
                    https://t1p.de/n2swj

                    (4) Europäisches Parlament, Fachabteilung C (2014): Sexuelle Ausbeutung und Prostitution und ihre Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter.
                    https://t1p.de/d6p7z

                    Die Basics – Teil 6

                      Viele Wege führen in die Prostitution. Mit Aufkommen von Angeboten wie Online Coachings “für eine erfolgreiche Karriere auf OnlyFans!” werden in Zukunft sicherlich weitere Wege erschlossen werden. Was für eine „Errungenschaft“ unserer Gesellschaft…

                      Und es gibt wirklich viele Wege. Der Hauptweg, quasi die Achterbahn ins Milieu, ist sexueller Missbrauch in der Kindheit. Zusätzlich gibt es unzählige Seiten- und Landstraßen, zum Beispiel andere Kindheitstraumata, Gewalterfahrungen oder Armut. Nicht zu vergessen natürlich: Zwangsprostitution verschiedenster Art (Menschenhandel kennt übrigens weder Landes- noch Altersgrenzen).

                      Einmal in der Prostitution angekommen, wird der eigene Körper zur Ware. Männer bezahlen und erhalten den Zugriff auf dich und deinen Körper. Wie wir gesehen haben, glauben knapp 40% der Freier, deinen Körper völlig uneingeschränkt benutzen zu “dürfen”. Und nur wenige Prozentpunkte weniger, dass Vergewaltigung kein Konzept ist, das auf dich zutrifft.

                      “Ich hab dich nicht vergewaltigt, du bist doch nur ne Nutte” ist ein Satz, den so oder so ähnlich sicher schon viele Prostituierte gehört haben.

                      Wenn du Glück hast, hört dein Körper schnell auf, mitzumachen. Du spürst kaum noch etwas, dein Kopf fühlt sich wie Watte an und die Freier arbeitest du wie ein Roboter ab. Wenn du weniger Glück hast, benötigst du vielleicht Substanzen oder Selbstverletzung, um es ertragen zu können, dich wieder anfassen zu lassen. Wieder deine Grenzen überschreiten zu lassen. Denn eigentlich willst du nicht hier sein, eigentlich willst du nur Wärme und Geborgenheit, so wie alle Menschen. Aber er hat bezahlt, also legst du dich hin und erträgst es, während er den Porno von gestern Abend nachspielt. Selbst wenn er dir dabei körperliche Schmerzen zufügt. Das Essen, das du dir von diesem Geld kaufst, schmeckt nicht, aber füllt den Magen.

                      Es gibt so viele Wege in die Prostitution, aber wenn man einmal drin ist, ständig entmenschlicht wird, ständig angefasst, gefickt, herabgewertet, oft genug auch geschlagen, vergewaltigt und bedroht, wenn der eigene Wert mit einer konkreten Geldsumme beziffert wird und das alles zu deinem normalen Alltag wird… dann ist es verdammt schwer, einen Weg raus zu sehen.

                      Zumal Ausstiegshilfen leider rar gesät sind (ganz im Gegenteil zu OnlyFans-Coachings, nebenbei bemerkt).

                      Aber es gibt den Weg raus. Man kann rauskommen, man kann sich ein Leben außerhalb aufbauen. Schulden abbauen. Trauma-Therapie. Ggf. Suchttherapie. Job suchen. Soziales Umfeld versuchen aufzubauen, idealerweise nicht in häusliche Gewalt geraten. Lernen, sich sicher zu fühlen. Lernen, den eigenen Körper wieder zu spüren und lernen, so etwas wie ein Selbstwertgefühl aufzubauen.

                      Es geht. Man kann rauskommen. Aber lasst uns als Gesellschaft doch nicht die sexuelle Befriedigung einiger Menschen höher werten als Gesundheit, Wohlergehen, Würde und Freiheit von anderen!

                      Wer zusätzlich zur Betroffenenperspektive auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung lesen möchte – diese Publikation geht sowohl auf den Zusammenhang zwischen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und Einstieg in die Prostitution ein, als auch auf die Gefahren, wenn man einmal reingeraten ist:

                      Risks of Prostitution: When the Person Is the Product (Farley 2018) https://prostitutionresearch.com/risks-of-prostitution-when-the-person-is-the-product/